ALIEN CONTACT
Gekrächze Folge 10 • ALIEN CONTACT 55

Margaret Atwood

Oryx und Crake

Oryx and Crake • 2003

Science Fiction > Alien Contact
> Gefählich Ehrlich | Buch-Tips
Momox-Books.de - Einfach verkaufen.
Es war wirklich ein Glück, dass ich Margaret Atwoods neuen SF-Roman auf einem Interkontinentalflug angefangen habe, denn zehn Kilometer über Neufundland gab es kaum anderes zu tun. Zweihundert Seiten arthritischer Hintergrundgeschichte steckten mir bereits im Rachen fest, ein Ende war nicht in Sicht, von Oryx kaum eine Spur – also musste ich eben weiterblättern. Und so blieb das Buch aufgeschlagen, wir gelangten auf Seite 216 (der englischen Ausgabe), und Atwood beruhigte sich plötzlich so weit, dass sie endlich mit der archaischen SF-Geschichte anfangen konnte, zu der sie sich vorgeblich nie hatte herablassen wollen – auch wenn sie die Hintergrundhandlung bis zu den letzten paar Seiten nie verlässt (dazu siehe unten meine Bemerkungen zu trahison des clercs). Oryx und Crake mag Science Fiction sein, wie sie zeitgenössische Schriftsteller nach 1970 nicht mehr verbrochen haben, und Atwood mag ihre uralte Geschichte mit jener hochnäsigen, atonalen und monotonen Stimme erzählen, die – wie P. G. Wodehouse bekanntermaßen einmal gesagt hat – klingt, »als würde ein Engländer versuchen, Französisch zu sprechen«, aber immerhin hat sie bis zum Ende durchgehalten und der Leser auch. Holpernd und knirschend und mit dem Aufheulen großer Motoren im Rückwärtsgang sind wir alle sicher gelandet, mehr oder weniger zumindest.

Trahison des clercs ist ein Ausdruck, der über die eingeschränkten politischen Absichten des Mannes, der ihn geprägt hat – er stammt von dem rechtskonservativen Theologen Julien Benda –, hinausgewachsen ist. Inzwischen wird er allgemein verwendet, um fast jede Art intellektuellen Verrats dieser Schicht zu beschreiben: den Verrat der clercs, der Kleriker, der Hüter und Verbreiter von Hochkultur, zu deren Verpflichtungen es gehört, die Wahrheit zu sagen. Es mag etwas übetrieben sein, die Äußerungen von Margaret Atwood in einer Reihe von Interviews als Manifestationen von trahison des clercs zu bezeichnen, aber auf ihre ganz spezielle hochnäsige Art sind diese Interviews ausgesprochen abstoßend.

In einer äußerst wohl durchdachten Besprechung von Oryx und Crake im LOCUS Magazine versteht Gary K. Wolfe Atwoods Behauptungen – sie schreibe keine Science Fiction, Oryx und Crake sei überhaupt keine SF, schließlich handelt SF »von Raumschiffen« und Tentakelwesen, sie dagegen würde »spekulative Prosa« schreiben, wobei sie Robert A. Heinlein unerwähnt lässt, der diesen Begriff vor einem halben Jahrhundert erstmals verwendet hat – als Kehrseite einer natürlichen Abneigung gegenüber den wenig anziehenden Aspekten des Genremarketings; es komme ihr »gar nicht so sehr darauf an, den SF-Markt schlecht zu machen, sondern den Atwood-Markt zu schützen«. Ich denke, das trifft den Nagel wohl auf den Kopf. Allerdings sind Worte nicht folgenlos, selbst wenn Atwood sie wörtlich von ihrem Verlag übernommen und nachgeplappert haben sollte. Atwoods Äußerungen, in aller Öffentlichkeit gemacht, sind offensichtlich falsch oder irreführend, und jede Verunglimpfung angesichts eines ehrlichen Diskurses, fügt jener zerbrechlichen Öffentlichkeit Schaden zu, insbesondere Unwahrheiten über literarische Gattungen. Um das Fazit dieser Rezension vorwegzunehmen: Es ist durchaus zutreffend, dass ihre Äußerungen, soweit sie eine Verdunklung des Geistes offenbar werden lassen, die erbärmlich schlechten Passagen von Oryx und Crake erklären helfen, die sklerotische Dürftigkeit der Hintergrundgeschichte, die kleinliche Überholtheit der Zukunft, die sie beschreibt.

Die Zukunft ist nicht jetzt, und vielleicht war sie das auch nie

Wir finden nie heraus, wann genau der Protagonist von Oryx und Crake, der sich »Schneemensch« nennt, damit anfängt, seine Erinnerungen in Ordnung zu bringen – seine Erinnerungen daran, wie er andere Leuten dabei beobachtet hat, wie sie das Ende des Restes der menschlichen Spezies herbeiführen, und das auf ausgesprochen altehrwürdigen SF-Pfaden. Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Schneemensch seine Grübeleien nur wenige Monate nach dem Ende des Romans beginnt (wir dürfen nicht vergessen, dass alles, was in Oryx und Crake geschieht, im Hintergrund passiert und zu einer Art Gerücht ironisiert wird). Entsprechend könnte die verlassene, zerstörte Welt, durch die Schneemensch wandert, nur 30 oder 40 Jahre in unserer Zukunft liegen. Zweifellos trifft zu, dass seine Erinnerungen an sein früheres Leben so klingen, als dächte Atwood, er sei um das Jahr 2010 aufgewachsen, irgendwo an der Ostküste Nordamerikas, obgleich Orte ebenso unbestimmt bleiben wie die Zeit. Die einzige Stadt, die einen Namen erhält, ist New York. Als der Zeitpunkt ihres endgültigen Zusammenbruchs gekommen ist, heißt sie allerdings (äußerst lahm) New New York – vermutlich aufgrund der Umwälzungen, die durch das ansteigende Meer verursacht wurden (Atwood bleibt stets sehr vage). Und an dieser Stelle, in ihren Beschreibungen der Welt, die der Schneemensch als Kind erlebt hat, verstehen wir allmählich, was für fatale Folgen ihre falschen Vorstellung davon, was sie da eigentlich schreibt, für ihren Text haben.

Der junge Schneemensch ist in einer gesicherten Konzernstadt aufgewachsen, die von »Plebsland« umgeben ist, wo all die Unterprivilegierten in elenden Mietskasernen hausen. Seine Familie ist zerstritten. Papa pendelt täglich zu einer ominosen Biotech-Firma, Mama wird aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit immer unausstehlicher, und Schneemensch wirft zusammen mit einem Schulkameraden, dem brillanten jungen Crake, den er anbetet, verstohlene Blicke ins Netz. Die zerstrittene Kleinfamilie erinnert an Sloan Wilson (oder Rock Hudson). Die Satire auf eine Gesellschaft, die vom Konsum lebt, von Werbung gesteuert wird und von entsetzlichen – erfundenen – Markennamen übersättigt ist, erinnert an Kurt Vonnegut, Frederik Pohl oder Shepherd Mead im Jahre 1955. Fatalerweise bezieht sich Oryx und Crake auf keine aktuellere Satire auf das moderne Leben. Die gesicherten Wohnviertel sind blasse Schatten der »Festungen«, die Henry Kuttner und C. L. Moore in den 40er Jahren vorausgesagt haben und die Hugh Nissensen in The Song of Earth (2001) so brilliant auf den neusten Stand gebracht hat – ein Schriftsteller, der wie Atwood normalerweise nicht mit Science Fiction in Verbindung gebracht wird, der allerdings im Unterschied zu Atwood seine Hausaufgaben gemacht hat (darauf werden wir gleich noch einmal zurückkommen). Das Plebsland könnte aus einem Dutzend unterschiedlicher Ace Doubles um 1960 stammen, vielleicht von John Brunner oder Robert Silverberg oder Philip K. Dick, wenn sie zwischen Anfällen von Genie ihre Pulpromane runterschrieben. Und Atwoods Vision der Zukunft des Internets muss man sehen, um sie zu glauben:

Wenn sie nicht spielten [auf äußerst altertümlichen Computern], surften sie im Web - schauten bei alten Favoriten vorbei, um zu sehen, was es Neues gab. Sie wohnten live übertragenen Operationen am offenen Herzen bei oder besuchten die Nudisten News ... Oder sie besuchten Tier-Tod-Sites, Felicias Frosch-Squash und Ähnliches ... Oder sie sahen dirtysockpuppets.com, eine Politshow über Präsidenten und Minister. ... Oder sie besuchten headsoff.com, eine Website, die Liveberichte von Hinrichtungen in Asien bot. ... Die besten Sites waren livewire.com, brainfizz.com und deathrowlive.com; sie zeigten Hinrichtungen durch den elektrischen Stuhl und tödliche Injektionen ...
"Was ist das für ein Mist?", sagte Crake. "Schalt um!"

Und so weiter, und es wird immer deutlicher, dass Atwood von einigen Dingen schlicht keine Ahnung hat – sie schreibt eine Satire auf gestern in der Sprache von vorgestern, 1990 in der Sprache von 1960. Ihre willkürliche Kritik gilt nicht dem Netz, sondern dem Kabelfernsehen.

Schlussendlich liegt Atwood völlig richtig, wenn sie behauptet, sie schreibe keine Science Fiction, sofern wir damit Romane und Erzählungen von Autoren wie Bruce Sterling, Brian Stableford, Ted Chiang, Terry Bisson, William Gibson, Neal Stephenson oder Don DeLillo verstehen, die in der nahen Zukunft spielen. Von einer anscheinend nicht erwähnenswerten Weigerung gehemmt, sich über das 21. Jahrhundert kundig zu machen, wie es von fleißigen Autoren tatsächlich erzählbar gemacht wird, schreibt Atwood natürlich keine zeitgenössische Science Fiction über die nahe Zukunft, eine der schwierigsten und aufwändigsten Unterfangen überhaupt – Ausflüge in Regionen der Vorstellungskraft, die nur schwer beherrschbar sind –, jetzt, nachdem die Menschheit mit dem Abbild der Wirklichkeit in der Datenwelt identisch geworden ist. Atwood schreibt schlicht und ergreifend »Skiffy« über die nahe Zukunft, wie Hollywood sie sich vorstellt. Ihre Brüder und Schwestern im Geiste sind nicht Sterling und Stephenson, sondern die armen Seelen, die Star-Trek- und Star-Wars-Romane schreiben und dabei Handbüchern folgen, deren Einschränkungen sie zwingen, die Welt als ebenso zutiefst rückwärtsgewandt zu betrachten wie die Welt, der wir in Oryx und Crake begegnen.

 

Eine offenes Buch, das gleich wieder geschlossen werden sollte

Allerdings stehen die meisten Beispiele für ihr mangelndes Begriffsvermögen vor genannter Seite 216. Noch bevor wir zu jener Seite gelangen, finden wir allmählich heraus, was wir bereits vermutet haben – dass etwas oder jemand Homo sapiens den Boden unter den Füßen wegziehen wird. Crake schreibt sich am Watson-Crick-Institut ein, wo ihm alles – von Labornutzung bis hin zu Nutten – zur Verfügung gestellt wird, während der weit weniger intelligente Schneemensch (dessen wirklicher Name Jimmy lautet) auf die Martha-Graham-Akademie in New York geht, die in Farben leuchtet, die Thomas M. Dischs Auf Flügeln des Gesangs heraufbeschwören. Wir stoßen auf eine Reihe wirklich origineller Späße, die Atwood immer dann zustande bringt, wenn sie vergisst, was sie sich nicht eingestehen möchte. Und es gibt die Craker.

Wir sind ihnen schon zu Anfang begegnet, aber erst im Nachhinein finden wir sie – und ebenso, die Vermutung liegt nahe, Atwood – wirklich interessant. Es stellt sich heraus, dass es sich dabei um eine genetisch geschaffene Spezies post-humaner Lebewesen handelt, denen Crake die Erde vererben möchte. Sie sind passiv und friedvoll. Eine weibliche Craker wird nur alle achtzehn Monate zeugungsfähig, und zu diesem Zeitpunkt heben die Männchen in einer La-Ola-Welle ihre Penisse, tanzen um sie herum und drängen sie in eine geeignete Nische, wo sie – einer nach dem anderen – unschuldig mit ihr kopulieren. Die Craker sind Vegetarier; für Worte haben sie keine Verwendung; sie sind innen ebenso glatt wie außen. Schneemensch übernimmt für sie die Rolle eines Gottes/Moses/Boten auf Zeit, und der Roman endet in einem spannenden Augenblick: Dem nicht allzu hellen Schneemensch ist keineswegs klar, ob sie das unvermeidliche Zusammentreffen mit Menschen, die weniger gutherzig sind als er, überleben werden.

Denn Schneemensch ist nicht der einzige Überlebende von Crakes Zwei-Fronten-Angriff auf die Welt (ich habe Oryx ebenso wenig vergessen wie Atwood über weite Strecken des Buches; sie ist eine junge Hure für ein ungenanntes fernöstliches Land, den Protagonisten in zwei oder drei von Geoff Rymans besseren frühen Romanen nicht unähnlich, die von Mädchen handeln, die in einer zutiefst grausamen, von Gentechnik veränderten Welt aufwachsen; für Crake ist sie eine ganz besondere Frau, und eine Zeit lang wird sie die Geliebte von Schneemensch – mehr gibt es nicht zu erzählen). Andere Menschen haben sich gegenüber der Virusseuche, die Crake entwickelt und weltweit übertragen hat, als immun erwiesen. Diesen Menschen begegnen wir am Ende der Geschichte. Wir wissen nicht so recht, was wir von ihnen halten sollen, und bevor wir eine Vermutung wagen können, schließt Atwood ihr Buch mit einem offenen Ende.

Es gibt also durchaus Augenblicke, die nicht enttäuschen. Die verwüstete, von Katastrophen heimgesuchte Welt, die Crake von der Menschheit befreit, ist scharfsichtig beschrieben. Das einsame Leben von Schneemensch in der neuen Wüste ist phantasievoll dargestellt. Oryx ist eindeutig wunderschön, und niemand im Text ist in der Lage, ihn zu verstehen – wie auch der Text selbst, der innerhalb seiner vorgetäuschten Dystopie nicht zu viel Wirklichkeit zulassen kann, in seinem an »Skiffy« gefesselten Blick, den er aus der Tiefe der Vergangenheit heraus auf die bejahrten Fassaden des Gestern wirft. Wie ein versteinertes Juwel leuchtet Oryx und Crake nur dann feucht unter fließend Wasser auf, wenn die Autorin sich selbst vergisst, bevor alles wieder in den Sand der Zeit zurückfällt und von ihm zugedeckt wird. Wir schließen das Buch und nichts hat sich verändert.

Erstveröffentlichung im Internetmagazin SCIENCE FICTION WEEKLY #325
www.scifi.com/sfw/issue325/excess.html
© 2003 by John Clute mit freundlicher Genehmigung des Autors • Übersetzung © 2003 by Hannes Riffel

Originalausgabe
Margaret Atwood, Oryx and Crake Bestellen
Deutsche Erstausgabe
Margaret Atwood, Oryx und Crake
(Berlin: Berlin Verlag, 2003) Bestellen
Deutsch von Barbara Lüdemann, Titelbild von Henri Rousseau, 381 Seiten, HC
Weitere Meinungen zum Buch
von Gregor Jungheim [ALIEN CONTACT]
Leser-Service
Lieferbare Titel von Margaret Atwood
Lieferbare Bücher von John Clute
ALIEN CONTACT 55 Inhalt Archiv
Bücher A B C D E F G H I J K L M N O P/Q R S T U V W X/Y/Z
© copyright 1997-2011 by EPILOGmedia • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de | Impressum | AGB + Widerrufsrecht