In
einer von neuartigen Tierschöpfungen bevölkerten Wildnis, die noch vor kurzem an eine
Großstadt in Nordamerika grenzte, lebt ein Mann namens »Schneemensch« und wacht über
ein neues Menschengeschlecht. Er ist gleichzeitig Lehrer und die einzige Verbindung zu
Crake, seinem Schöpfer. Da diese Wesen nichts von dem kennen, was die Menschheit
ausmachte, ist Schneemensch allein mit seinen Erinnerungen an all das, was zur jetzigen
Situation führte. Diese Erinnerungen reichen bis in seine Kindheit zurück, als er Jimmy
hieß und zur ersten Generation gehörte, die geboren wurde, nachdem die Heimsuchung der
USA durch große Umweltkatastrophen begonnen hatte. Vom Wehklagen seiner Mutter über die
verlorenen Naturschönheiten Nordamerikas begleitet, wächst er in den Wohnkomplexen
großer Konzerne heran. Die ärmere Bevölkerung des Landes wohnt im von Seuchen und
Gewalt heimgesuchten »Plebsland«, eine Mittelschicht gibt es nicht mehr.Der
sprachbegabte Jimmy ist in seinem Komplex ein Außenseiter, da die Bildung dort vor allem
auf Mathematik und Naturwissenschaften ausgerichtet ist. Dennoch werden er und sein
genialer Mitschüler Crake Freunde. Nach ihrer Ausbildung wird Jimmy Werbetexter, während
Crake die Karriereleiter eines Unternehmens für Verjüngungsmedizin erklimmt. Doch das
Schicksal führt sie auf zweierlei Weise erneut zusammen: Zum einen durch die Arbeit an
einem Projekt, mit dem gleichzeitig sexuell übertragbare Krankheiten, Überbevölkerung
und der Alterungsprozess bekämpft werden sollen. Zum anderen durch die Liebe zu der aus
Asien stammenden Oryx, die von Menschenhändlern in die USA verschleppt wurde.
Ähnlich wie Der Report der Magd, Margaret Atwoods erstem Science-Fiction-Roman, ist auch ihre
zweite Zukunftsvision eine logische und beängstigend konsequente Fortentwicklung des
gegenwärtigen Zustands. Stets mit der nötigen Distanz und höchst unspektakulär
erzählt die 64-jährige kanadische Autorin von Katastrophennachrichten als alltäglichem
Phänomen, Tieren als Trägern menschlicher Ersatzorgane, allgegenwärtigen
Seuchengefahren, Genmanipulation, Live-Hinrichtungen im Internet und Kinderhandel in
Dritte-Welt-Ländern. Viele Entscheidungen der Protagonisten erscheinen zwar ethisch
bedenklich, jedoch auch als kleineres Übel im Vergleich zu einem noch böseren Schicksal.
Eine pauschale Verurteilung der zukünftigen Gesellschaft, wie sie z. B. Aldous Huxley in Schöne
neue Welt vornahm, ist der Autorin fremd. Ihr Ziel ist vielmehr die Schilderung einer
Zukunft, in der sich die eine Hälfte der Menschheit selbst aufgegeben hat und die andere
aufwendige Vorkehrungen für das Überleben der nächsten Generation treffen muss. Ihr
gelingt dies durch einen farbenfrohen Wortschatz und detaillierte Beschreibungen, welche
die Ereignisse des Romans bildlich vorstellbar machen. Manche Prognosen des Buches sind
zwar aus anderen Nahzukunfts-Szenarien bekannt, mit einem derart großen Ideenreichtum und
in solch erschreckender Schönheit wurde jedoch selten vom Schicksal künftiger
Generationen erzählt. Bedauerlich ist nur, dass dem Erzählfluss oft eine gewisse
Langatmigkeit anhaftet. Etwas weniger Liebe zum Detail hätte dem Roman sicherlich nicht
geschadet.
Gregor Jungheim ALIEN CONTACT
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