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Stephen Baxter

Der Orden

Coalescent • 2003

Science Fiction > Alien Contact
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Der Engländer Stephen Baxter ist als Autor wissenschaftlich geprägter Science Fiction bekannt, der mit Blick auf die große Idee Physik als Drama und Oper darstellen kann. Dieses Mal macht er die Grenzen zur »weichen« SF zum zweiten Mal durchlässig. Wie in seinem Vorgänger Evolution sind die bevorzugten Wissenschaften in Der Orden Biologie und Geschichte. Allerdings hat die eigentliche Fabel und somit das Erzählen selbst an Raum gewonnen. Baxter erzählt in drei Strängen. Der erste Strang ist die Geschichte des Computerfachmanns George Poole, Mitte Vierzig, der nach dem Tod seines Vaters dessen Haushalt auflöst und entdeckt, dass er eine Zwillingsschwester hat, die früh in die Obhut eines Marienordens gegeben wurde. Er stellt über Rosa Recherchen an.

Das Merkwürdige: Sowohl die frühere Schuldirektorin als auch Georges ältere Schwester und der amerikanische Großonkel versuchen den Orden vor Georges Ermittlungen zu schützen. George Poole reist trotzdem nach Rom, um seine Schwester zu finden. Am Anfang des Romans erscheint noch eine Figur am Rande: Peter McLachlan, Schulfreund von George, Ex-Polizist, jetzt Spezialist für Mustererkennung, der außerirdische Lebensformen und das Verhalten der dunklen Materie beobachtet und sich mit Gleichgesinnten zum »Slan(t)« zusammengeschlossen hat.

Der zweite Strang erzählt von Georges Ahnin Regina im Britannien und im Rom des 5. Jahrhunderts. Regina verliert als Fünfjährige ihre Eltern, dann bricht die Zivilisation zusammen. Das Fesselnde: Nach Asimovs Foundation-Zyklus beschäftigt sich innerhalb der SF wieder jemand ausführlich und erhellend mit dem Untergang des römischen Reiches, aber nicht im Weltraum, sondern in der Realität. Für Baxter wird dieser Untergang Kern eines Gründungsmythos, die Geburt des oben genannten ominösen Ordens in einer Krypta unter der Oberfläche Roms als Reginas Familienersatz: »Sie hatte immer geglaubt, eines Tages würde sich alles wieder normalisieren – und die Sicherheit, die sie in ihrer Kindheit erlebt hatte, würde zurückkehren.« Doch kein Kaiser stellt die Ordnung wieder her. Regina baut den Orden instinktiv und rücksichtslos auch gegen die eigene Tochter auf als »System, das funktionieren würde, selbst wenn die Menschen, die es am Leben erhielt, seine Existenz vergessen hatten«. Das klappt, wenn auch nach den in der heutigen Wissenschaft nicht akzeptierten Vorstellungen des französischen Naturforschers Lamarck, der 1809 eine Theorie zur raschen Vererbung erworbener Eigenschaften aufgestellt hat.

Der dritte Strang zeigt das Resultat im 21. Jahrhundert. Im Orden leben heute Tausende Frauen, die nie geschlechtsreif wurden, ohne Sprache kommunizieren können und sonst von nichts wissen; und einige wenige Mütter, die bis ins hohe Alter dreimal im Jahr gebären und ebenfalls das große Ganze nicht überblicken. Der Orden funktioniert laut Baxter wie ein Ameisenstaat oder ein Schwarm als so genanntes »eusoziales System«, geteilt in Königinnen und Drohnen, in dem bei Fehlern eine an die Stelle der anderen tritt.

Der englische Originaltitel spricht vom Koaleszenten (auf Lateinisch: sich vereinigen, zusammenwachsen) – ein Kinderwunsch. Sogar George ist von der familiären Ausstrahlung, vom Geruch, von der »gedankenlosen, liebevollen Glückseligkeit« gefangen. Hier, kurz vor Schluss, widerspricht Baxter der eigenen Darstellung. Denn weder das Mädchen Lucia, das als junge Mutter den Orden verlassen will, noch Georges Schwester Rosa, die den Orden verteidigt, beschreibt er als willenlose Insekten. Und McLachlan, der antritt, die Krypta zu sprengen, weil die Lebensform des Schwarms angeblich das Ende der menschlichen Geschichte bedeutet, verhält sich selbst wie ein schwarmgesteuerter Selbstmörder.

Was ist in diesem Zusammenhang Freiheit? Die nahe liegende Frage, ob zugunsten einer Mehrheit die oder der Einzelne geopfert werden darf, schiebt Stephen Baxter allerdings rasch beiseite. Statt dessen schildert er eine beunruhigende Szene, in der hochgerüstete Soldaten auf einem fernen Planeten menschliche Schwärme vernichten. Wer nicht vernichten kann, dem wird die Kommission für Historische Wahrheit als neues Aufgabengebiet vorgeschlagen. Die Szene ist ein Wiederhall der Gegenwart in der Zukunft - Der Orden wird fortgesetzt, bildet den Anfang einer Trilogie. Zur Erinnerung: Das Alte Rom hat nur überlebt, solange es sich ausgedehnt hat. Möglicherweise bietet der Autor künftig noch eine größere Theorie oder einen größeren Widerspruch, der die Lücken des vorliegenden Romans aufhebt.

• Uwe Salzbrenner • ALIEN CONTACT

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Originalausgabe
Stephen Baxter, Coalescent (2003)
dt. Erstausgabe
Stephen Baxter, Der Orden
(München: Heyne, 2005) [06/6479] Bestellen
Deutsch von Peter Robert, 640 S., TB.
Siehe auch
Stephen Baxter: Sternenkinder (Exultant, 2004)
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