ALIEN CONTACT

Stephen Baxter

Titan

Titan • 1997

Science Fiction > Alien Contact
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Die Ausgangssituation dieses dickleibigen Romans erinnert an zwei zu Unrecht (fast) vergessene Science-Fiction-Filme: Im amerikanischen Thriller Unternehmen Capricorn (Capricorn One • USA 1978)simuliert die von Etatkürzungen bedrohte NASA eine bemannte Marslandung im Filmstudio, und in einem der wenigen SF-Streifen der DEFA wagen jugendliche Enthusiasten ohne Wissen der Raumforschungsbehörde einen Flug zu einem Lichtjahre entfernten Planeten, von dem sie nur den Namen kennen - Eolomea.

Daß Stephen Baxter jemals einen DEFA-Film gesehen hat, ist zu bezweifeln; Unternehmen Capricorn kennt er jedoch gewiß. In seinem neuen, bisher bedeutendsten Roman droht dem bereits auf einen winzigen Rest geschrumpften Raumfahrtprogramm der NASA nach dem Absturz der Raumfähre Columbia im Jahre 2004 das Ende. Hauptwidersacher der Raumfahrt sind sowohl die US-Militärsals auch eine christlich-fundamentalistische Bewegung, für die bereits die Behauptung der Existenz anderer Himmelskörper Blasphemie ist.

Zeitlich fällt die Columbia-Katastrophe mit zwei weiteren Ereignissen zusammen: Die vor Jahrzehnten ausgesandte Raumsonde Cassini vermeldet Lebensspuren auf dem Saturnmond Titan, und das wirtschaftlich aufstrebende kommunistische China unternimmt den ersten bemannten Weltraumflug.

Wie in Eolomea finden sich auch hier einige Weltraum-Enthusiasten, die sich nicht mit den Gegebenheiten abfinden und zum Saturn starten wollen - nur sind die meisten keineswegs jugendlich, sondern Veteranen der letzten bemannten Mondlandungen der NASA. Seit Jahrzehnten eingemottete Reste des Apollo-Mondprogrammes werden aus Museen und Lagern geholt und geringfügig modifiziert. Viel Geld ist dazu nicht nötig - für Baxter ist das NASA-Forschungsprogramm ohnehin nur eine bürokratische Geldvernichtungsmaschine, da alles, was man für einen bemannten Raumflug braucht, seit den siebziger Jahren vorhanden ist. Es ist jedoch Eile geboten - bei der nächsten Präsidentschaftswahl droht der Sieg eines von der fundamentalistischen Bewegung unterstützten Kandidaten. Gleichzeitig gilt es, sich gegen Anschläge der Militärs zu wappnen, die ihrem verhaßten Konkurrenten NASA den letzten Triumph nicht gönnen.

Natürlich geschieht das Wunder, und das Raumschiff Discovery startet zum Saturnmond Titan. Für die fünf Astronauten ist das Unternehmen damit ein Himmelfahrtskommando, das sie eigentlich nur durch ein Wunder überleben können, weil der Treibstoff nicht mehr für den Rückflug reicht.

Dieses zweite Wunder bleibt jedoch aus. Der neue amerikanische Präsident - für Baxter Inbegriff aller Ignoranz und lokalpatriotischen Beschränktheit - streicht sämtliche Versorgungsflüge zur Discovery und läßt sich auf einen militärischen Konflikt mit China ein, der damit endet, daß die chinesische Raumflotte einen Asteroiden in den Atlantik stürzen läßt. Die globale Katastrophe deutet Baxter nur in wenigen Szenen an, doch nun ist die Verbindung zur Erde unwiederbringlich abgerissen, als drei überlebende Astronauten den Saturnmond Titan betreten. Das Ziel ihres jahrelangen Fluges entpuppt sich nach der Landung sehr schnell als lebensfeindliche Eiswüste, deren einstmals vorhandene Biosphäre schon vor Jahrmillionen durch eine kosmische Katastrophe ausgelöscht wurde ...

Das Fazit des Buches bleibt widersprüchlich. Zahlreiche Details belegen, daß Baxter sich wie schon in Mission Ares intensiv mit dem amerikanischen Raumfahrtprogramm beschäftigt hat. Seine gnadenlose Kritik am bürokratisch erstarrten Apparat der NASA verrät fundierte Sachkenntnisse. Ähnliches gilt für die Schilderung des bizarren Ringsystems des Saturn und der beklemmend-faszinierenden Eiswelt des Titan. Weniger gelungen ist die Darstellung der handelnden Personen. Bis auf wenige positive Helden - ausschließlich amerikanische Wissenschaftler - wirken sie entweder erstaunlich blaß oder aber in grellen Schwarzweißfarben gezeichnet. Auch die Schilderung der politischen Großwetterlage hinterläßt keinen sehr glaubwürdigen Eindruck.

Der Schluß des Buches - auf den hier natürlich nicht genauer eingegangen werden soll -, ist grandios und erinnert an die besten Werke von Arthur C. Clarke.

• Gerd Bedszent • ALIEN CONTACT 39

Stephen Baxter
Titan (1997)
Titan, deutsch von Martin Gilbert (München: Heyne, 2000) [H06/6351] Bestellen
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