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Der
Roman spielt zu Beginn des 21. Jahrhunderts. In Medizinerkreisen wird eine neue Modedroge
konsumiert: MTS = Microtubuli-Stimulantien = Schwester Mitternacht. Sie hat
halluzinatorische Wirkung, lässt den Konsumenten Bilder sehen, Stimmen hören und vor
allem Sex viel intensiver erleben. Dies spricht sich schnell herum. Allerdings gibt es
auch Zweifel an der Wirksamkeit des Mittels, und es wird vermutet, dass allein die
Gerüchte, die sich wie die Droge rasend schnell verbreiten, die Leute in eine
Erwartungshaltung bringen, die sie durch Einnahme von MTS erfüllt sehen (müssen);
vielleicht ist MTS nur ein Placebo.Eng verbunden mit der Erforschung der Geheimnisse um diese Wunderdroge ist Frank Urban, der sich eingangs eigentlich das Leben nehmen will, aber nicht einmal dies auf die Reihe bringt. Er ist MTS-Junkie und abgebrochener Medizinstudent, der sich lieber den schnellen Euro mit dem Schreiben von »medizinischen Fachartikeln« für ein Boulevardblatt verdient. Er wird am Ende zum Religionsstifter. Zum zweiten ist da die Fotoreporterin Christine Hager, die mit zusammen Urban auf einen seltsamen Patienten der Psychiatrie angesetzt wird. Und dann gibt es noch die Molekularbiologin Lay, die vom japano-amerikanischen Konzern Sagai angeheuert wird, weil sie Erfahrungen mit MTS hat. Sie soll hinter das Geheimnis dieses seltsamen Patienten kommen. Er nennt sich Evangelis. Man darf ihn sich als ausgemergelten Rasputin-Typen vorstellen. Er gibt sich als Prophet und besitzt eine seltsame Gabe, die sich allerdings eher als Fluch herausstellt: Alle Frauen, die nur in seine Nähe kommen, wollen sofort Sex mit ihm. Diese Parallele zur Wirkung von MTS möchte der besagte Konzern gerne genauer untersuchen. Susanne Gebhardt ist die Skeptikerin, die nicht an MTS glaubt. Sie wird von einer Macht als Agentin angeworben, die - scheinbar - gegen Sagai und MTS agiert. Die Konflikte, Geheimnisse und personellen Beziehungsgeflechte werden sehr raffiniert konstruiert und im Laufe einer spannenden und mitunter aktionsreichen Handlung gelöst oder zumindest so weit getrieben, dass eine Lösung aussichtslos erscheint. Insbesondere die sexuelle Attraktion der Droge wird durch deftige Szenen anschaulich dargestellt. Alles endet in einem Showdown in einer als Klinik genutzten Alpenburg. Das Geheimnis um MTS entpuppt sich als etwas, das menschlichen Maßstäben nicht mehr gerecht wird. Diesen Roman der beiden Science-Fiction- und Popkultur-Enthusiasten kann man zum einen als spannende Geschichte lesen, in dem es vor allem um die Lösung von Geheimnissen geht, aber auch als wortwörtliche Wissenschafts-Dichtung: Im Zentrum stehen weniger Figuren, Konflikte und Plot als vielmehr ein Komplex natur- und gesellschaftswissenschaftlicher Ideen. Der zentrale Begriff, um den sich alles dreht, ist das Mem, also die Entdeckung des Biologen Richard Dawkins, der mit seinem Buch Das egoistische Gen 1976 einen neuen Forschungszweig ins Leben rief, die Memetik. Die fiktive Droge verkörpert anschaulich die Funktionsweise von Memen, sich selbst
fortpflanzender und miteinander konkurrierender Ideen. Zum grundsätzlichen Verständnis
der Memetik wird im Buch ein Artikel der Mitautorin B. Kirchner zitiert [ Schwester Mitternacht sei allen Liebhabern niveauvoller, fundierter und hervorragend formulierter Near-Future-SF wärmstens empfohlen. Thomas Hofmann ALIEN CONTACT |
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