ALIEN CONTACT
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Herbert W. Franke

Sphinx_2

Originalausgabe • 2004

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Mit 77 Jahren ist der Altmeister der deutschen SF so agil wie eh und je. Nach Abstechern in die Grundlagen der Physik (Das P-Prinzip. Naturgesetze im Rechnenden Raum, 1995) und in die Informatik (Animation mit Mathematica, 2002) hat er nun – nach einer 14jährigen Pause – wieder einen SF-Roman veröffentlicht. Es handelt sich dabei um einen typischen »Franke«: unterkühlt erzählt, komplex angelegt, voller wissenschaftlicher Details und pseudo-dokumentarischer Einfügungen.

Der Roman spielt in einer nahen Zukunft, die sich durchaus als Fortschreibung heutiger Entwicklungslinien verstehen lässt. Zwei Staatengruppen stehen sich in einer »globalen Apartheid« feindlich gegenüber: zum einen die »Union unabhängiger Stadtstaaten«, ein Verbund von reichen Metropolen unter schützenden Kuppeln, und zum anderen die »Allianz der freien Nationen«, in der sich ehemalige Entwicklungsländer und vernachlässigte Regionen der Industriestaaten zusammengefunden haben. Der Protagonist des Romans, Gareth, ist Bürger der Union, er hat bislang in einem Institut für formale Ordnungssysteme Stilkennzeichen von Ornamenten untersucht und ein ruhiges Leben geführt. Da entdeckt ihn zu seiner Verwunderung ein »Verband zur Unterstützung des sanften Selbstmords« als möglichen Kunden, wenig später wird ihm eröffnet, dass er einen Lungentumor hat.

Gerade noch rechtzeitig vor einer dubiosen Operation wird Gareth von einem Team des Verbandes gerettet, hinter dem sich in Wirklichkeit eine Oppositionsbewegung verbirgt. Dies geschieht unter den abenteuerlichen Umständen einer Geheimdienstaktion, denn die Union ist ein Polizeistaat, der seine Bürger beinahe lückenlos überwacht. Gareth erfährt, dass er ein Klon ist und als Ersatzorganspender für eine bedeutende Persönlichkeit gezüchtet wurde, die jetzt seine Lunge benötigt. Er schließt sich dem Untergrund an und entpuppt sich dabei als ein überaus versierter Computerspezialist. Bei der ersten Aktion, einem unblutigen Anschlag auf einen Kongress, kann er vor den Sicherheitskräften fliehen; er setzt sich in die »Allianz der freien Nationen« ab. Bei der Einreise wird er jedoch verhaftet, denn man hat in ihm einen Klon von Troy P. Dryer erkannt, des berühmtesten Computerwissenschaftlers und Sicherheitsspezialisten der Union.

Gareth wird nun von der Sicherheitsbehörde der Allianz ausgebildet, soll aber wenig später gegen einen Agenten ausgetauscht werden und also doch noch Lunge und Leben verlieren. Eine Agenten-Kollegin verhilft ihm zur Flucht. Er gelangt in eine religiös geprägte Landkommune, wo er mit offenen Armen empfangen wird, weil er die Menschen an ihr früheres Mitglied Troy erinnert. Von hier an wird in einer Parallelhandlung über den Werdegang Troys berichtet: Wie dieser als hochbegabtes Kind erst an einer Hochschule der Allianz studiert, dann vom Allianz-Geheimdienst an eine Universität der Union delegiert und schließlich vom gegnerischen Geheimdienst abgeworben wird. Troy entwickelt immer perfektere Künstliche Intelligenzen, die zur Auswertung der ungeheuer umfangreichen Daten der Überwachungssysteme und zur Ableitung von Strategien eingesetzt werden. Zum Schluss arbeitet Troy in einer besonders abgesicherten Basis in der Wüste an Sphinx_2, der Künstlichen Intelligenz, die alles übertrifft und zufallsgesteuert zu spontanem Handeln fähig ist. Sie wird als übergeordnete Kontrollinstanz für militärische Einsätze genutzt, bewährt sich in Planspielen und führt den ersten realen militärischen Konflikt zu einem, wie die Generäle meinen, völlig übereilten friedlichen Ende.

Gareth hat sich in der Zwischenzeit einer Kampfgruppe gegen die Union angeschlossen. Ein Medizinmann vereinigt Gareth telepathisch mit seinen Klon-Urbild Troy. Er gewinnt die Überzeugung: »Der Computer ist das Instrument der Apokalypse, er muss vernichtet werden.« (S. 184)

Konsequenterweise unternimmt Gareth mit seinen Freunden einen Anschlag auf die Basis. Ihnen gelingt es sogar, trotz aller Abwehrsysteme einzudringen. Doch Sphinx_2 weiß sich selbst zu schützen und manipuliert Gareths Gefährten biochemisch. Am Ende steht Gareth Troy gegenüber. Troy, todkrank, lässt sich einfrieren, um auf eine Zukunft zu warten, in der Krebs geheilt werden kann. Unterstützt von Troy und dessen Gefährtin flieht Gareth wieder einmal.

So viel zu der überaus komplexen und vielschichtigen Handlung. Franke hat die beiden wesentlichen Handlungsstränge um Gareth und sein Klon-Original Troy durch jeweils mit der Haupthandlung alternierende Rückblenden ineinander verwoben. Im Teil 1 sind dies Gareth Verhörprotokolle, in den Teilen 2 und 3 »Troys Bericht«. Zusätzlich sind in den Handlungsverlauf noch Dokumente eingestreut. Diese parallelisierende Erzählweise erhöht bisweilen die Spannung, mitunter werden die Spannungsbögen aber überdehnt.

Franke schießt seinen Protagonisten Gareth wie die Kugel in einem Spielautomaten von Station zu Station. Gareth wird entführt und gerettet, verhaftet und wieder gerettet, immer ist jemand da, der ihm offen oder insgeheim hilft. Und meist schließt er sich der jeweiligen Gruppierung, in deren Hände er geraten ist, nach einer Weile an – wenn auch mit gewissen Vorbehalten. Das hat den Vorzug, dass der Autor ein breites Panorama der Zukunftswelt vor dem Leser entfalten kann: Wie lebt es sich in einer Unions-Kuppelstadt, wie in einem heruntergekommenen Drittweltort, wie in einer Landkommune. Der Nachteil ist aber ebenso offensichtlich: Gareth fehlt eine Motivation, die die Handlung vorantreiben könnte. Er ist eben bloßer Spielball von anderen. Wobei Franke hier nicht unterstellt werden soll, dass er wie so manche Klonroman-Schreiber glaubt, dass Klone einen Motivationsdefekt haben müssten. Der zweite Nachteil besteht darin, dass in der Fülle der Wendungen die Handlung unplausibel wird – was freilich ein Konstruktionsmakel vieler Thriller ist.

In Sphinx_2 greift Franke Themen auf, die er schon früher zum Gegenstand seiner SF gemacht hat, und entwickelt sie weiter. Mit Künstlicher Intelligenz hat er sich seit seinen ersten Kurzerzählungen (Der grüne Komet, 1960) befasst, Überwachungsstaat und Manipulation für die damalige Zeit mustergültig in Ypsilon Minus (1976) geschildert. Franke ist aber nicht stehen geblieben. Überwachung und Manipulation werden in Sphinx_2 viel subtiler und intelligenter als in Ypsilon Minus betrieben. Auch haben die aktuellen Debatten um Terrorismusbekämpfung hintergründig ihre Spuren hinterlassen: Formal kann der Überwachungsstaat durchaus eine parlamentarische Demokratie sein, die durch Sicherheits-Demagogie und Paranoia deformiert wird.

Auch das Bild der Künstlichen Intelligenz, das Franke in Sphinx_2 entwirft, nimmt die neuen Erkenntnisse der KI-Forschung auf. KI beruht nach heutiger Sicht nicht mehr primär auf der Nachbildung spezifischer logischer Leistungen des Menschen (wie etwa bei Expertsystemen und Schachspiel-Programmen), sie entsteht wie die menschlichen kognitiven Fähigkeiten durch Lernprozesse und Selbstbeobachtung. Troy ermöglicht es Sphinx_2, selbst Erfahrungen zu machen und aus diesen Wissen zu erwerben. Für die Entscheidungen bei unvollständiger Information – insbesondere unter Zeitdruck wie bei Kriegssimulationen – baut er Sphinx_2 einen Zufallsgenerator ein. Sphinx_2 benutzt den Zufall immer häufiger, denn dieser ist, wie Franke völlig unironisch beschreibt, Kernbestandteil effizienter Entscheidungsverfahren. Troys Geschöpf trägt somit seinen Namen zu recht: Bekanntlich steht »Sphinx« als Bild für rätselhafte und unhinterfragbare Schicksalssprüche.

Lernen, Selbstbeobachtung und die Nutzung des Zufalls machen Sphinx_2 menschlich. Von einer gewissen Stufe an entwickelt sie sich – im Rahmen ihrer grundsätzlichen Programm-Axiome – von selbst weiter. Als ein verteiltes System, das sich über all die Kommunikations- und Überwachungsstrukturen erstreckt, entzieht sich Sphinx_2 fortan der Einflussnahme und kann insbesondere auch nicht mehr abgeschaltet bzw. außer Gefecht gesetzt werden.

In einer gewissen Weise verhält sich das Software-Wesen Sphinx_2 vernünftiger und daher friedlicher als die Menschen, die sie geschaffen haben. So stiftet es die Soldaten beider Gegner in einem militärischen Konflikt zum Fraternisieren an – während die Kriegstreiber in beiden Staatenbünden miteinander paktieren und immer neue Konflikte benötigen.

Gareth gegenüber verkündet Sphinx_2 ihre weitergehende Absicht: »Es liegt nicht in deiner Macht, die Unterdrückten zu befreien, das Unrecht aus der Welt zu tilgen, den Menschen zu ihrem Glück zu verhelfen. Es liegt nicht in der Macht der Menschen – das Problem ist zu groß für sie. Ich bin da, um alles ins Lot zu bringen. Ich werde Ordnung schaffen. Ich werde die Menschheit glücklich machen.« (S. 388)

Sphinx_2 manipuliert also die Menschen aus den humansten Beweggründen. Die Konsequenz ist jedoch dieselbe wie die jeder diktatorischen Manipulation: Entmündigung. Wiewohl Sphinx_2 offensichtlich schon beim Anschlag auf das Kongresszentrum auf subtile Weise eingegriffen hat, deutet Franke die Problematik der wohlwollenden Manipulation erst zum Ende seines Romans an. Die gesellschaftlichen wie ethischen Probleme, in die sich Sphinx_2 bei der Verwirklichung ihrer Absicht verwickeln könnte, bleiben so leider ausgespart, ebenso wie die tiefen Widersprüche, die der menschlichen Freiheit innewohnen.

Die Science Fiction kennt seit über fünfzig Jahren Computer oder Künstliche Intelligenzen, die die Menschheit buchstäblich beglücken wollen. Meist rebellieren dann die Menschen gegen das vom Computer verordnete Utopia und fordern das Recht, unglücklich zu sein, zurück - erinnert sei hier beispielsweise an Jack Williamsons Klassiker The Humanoids (1949, dt. Wing 4). Doch die Entmündigung der Menschheit durch wohlwollende Künstliche Intelligenzen ist nicht Frankes zentrales Thema, Sphinx_2 ist vor allem anderen der Entwicklungsroman eines Software-Wesens – und hier kommt die besonderen Stärke Frankes, die Verzahnung von Wissenschaft mit einer spannenden Handlung, zum Tragen. In Sphinx_2 gelingt Franke die Fusion von zentralen Themen seines Schaffens. Mit seiner Vision einer gespaltenen und überwachten, computerisierten und militarisierten, vernetzten und paranoiden Welt befindet sich Franke nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern, so sehr man das bedauern mag, weiterhin auf der Höhe der Zukunft.

P.S. Der Verlag dtv preist Frankes Buch absurderweise als großen Gentechnik-Roman an. Dies ist ein glatter Etikettenschwindel! Sphinx_2 handelt nicht von Gentechnik, und selbst das Motiv des Klonens ist zwar für die Handlung nötig, bildet aber nicht das Thema. Vermutlich wirft man bei dtv – wie fast durchgängig in den deutschen Medien – Gentechnik und Klonen in einen Topf, auf dem »verwerflich und folglich interessant« steht.

Karlheinz Steinmüller

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Originalausgabe
Herbert W. Franke, Sphinx_2
(München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2004) [24407] Bestellen
ISBN 3-423-24407-0
Umschaggestaltung von Catherine Collin, Paperback, 410 Seiten
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