Mit
77 Jahren ist der Altmeister der deutschen SF so agil wie eh und je. Nach Abstechern in
die Grundlagen der Physik (Das P-Prinzip. Naturgesetze im Rechnenden Raum, 1995)
und in die Informatik (Animation mit Mathematica, 2002) hat er nun nach
einer 14jährigen Pause wieder einen SF-Roman veröffentlicht. Es handelt sich
dabei um einen typischen »Franke«: unterkühlt erzählt, komplex angelegt, voller
wissenschaftlicher Details und pseudo-dokumentarischer Einfügungen.Der Roman spielt in
einer nahen Zukunft, die sich durchaus als Fortschreibung heutiger Entwicklungslinien
verstehen lässt. Zwei Staatengruppen stehen sich in einer »globalen Apartheid«
feindlich gegenüber: zum einen die »Union unabhängiger Stadtstaaten«, ein Verbund von
reichen Metropolen unter schützenden Kuppeln, und zum anderen die »Allianz der freien
Nationen«, in der sich ehemalige Entwicklungsländer und vernachlässigte Regionen der
Industriestaaten zusammengefunden haben. Der Protagonist des Romans, Gareth, ist Bürger
der Union, er hat bislang in einem Institut für formale Ordnungssysteme Stilkennzeichen
von Ornamenten untersucht und ein ruhiges Leben geführt. Da entdeckt ihn zu seiner
Verwunderung ein »Verband zur Unterstützung des sanften Selbstmords« als möglichen
Kunden, wenig später wird ihm eröffnet, dass er einen Lungentumor hat.
Gerade noch rechtzeitig vor einer dubiosen Operation wird Gareth von einem Team des
Verbandes gerettet, hinter dem sich in Wirklichkeit eine Oppositionsbewegung verbirgt.
Dies geschieht unter den abenteuerlichen Umständen einer Geheimdienstaktion, denn die
Union ist ein Polizeistaat, der seine Bürger beinahe lückenlos überwacht. Gareth
erfährt, dass er ein Klon ist und als Ersatzorganspender für eine bedeutende
Persönlichkeit gezüchtet wurde, die jetzt seine Lunge benötigt. Er schließt sich dem
Untergrund an und entpuppt sich dabei als ein überaus versierter Computerspezialist. Bei
der ersten Aktion, einem unblutigen Anschlag auf einen Kongress, kann er vor den
Sicherheitskräften fliehen; er setzt sich in die »Allianz der freien Nationen« ab. Bei
der Einreise wird er jedoch verhaftet, denn man hat in ihm einen Klon von Troy P. Dryer
erkannt, des berühmtesten Computerwissenschaftlers und Sicherheitsspezialisten der Union.
Gareth wird nun von der Sicherheitsbehörde der Allianz ausgebildet, soll aber wenig
später gegen einen Agenten ausgetauscht werden und also doch noch Lunge und Leben
verlieren. Eine Agenten-Kollegin verhilft ihm zur Flucht. Er gelangt in eine religiös
geprägte Landkommune, wo er mit offenen Armen empfangen wird, weil er die Menschen an ihr
früheres Mitglied Troy erinnert. Von hier an wird in einer Parallelhandlung über den
Werdegang Troys berichtet: Wie dieser als hochbegabtes Kind erst an einer Hochschule der
Allianz studiert, dann vom Allianz-Geheimdienst an eine Universität der Union delegiert
und schließlich vom gegnerischen Geheimdienst abgeworben wird. Troy entwickelt immer
perfektere Künstliche Intelligenzen, die zur Auswertung der ungeheuer umfangreichen Daten
der Überwachungssysteme und zur Ableitung von Strategien eingesetzt werden. Zum Schluss
arbeitet Troy in einer besonders abgesicherten Basis in der Wüste an Sphinx_2, der
Künstlichen Intelligenz, die alles übertrifft und zufallsgesteuert zu spontanem Handeln
fähig ist. Sie wird als übergeordnete Kontrollinstanz für militärische Einsätze
genutzt, bewährt sich in Planspielen und führt den ersten realen militärischen Konflikt
zu einem, wie die Generäle meinen, völlig übereilten friedlichen Ende.
Gareth hat sich in der Zwischenzeit einer Kampfgruppe gegen die Union angeschlossen.
Ein Medizinmann vereinigt Gareth telepathisch mit seinen Klon-Urbild Troy. Er gewinnt die
Überzeugung: »Der Computer ist das Instrument der Apokalypse, er muss vernichtet
werden.« (S. 184)
Konsequenterweise unternimmt Gareth mit seinen Freunden einen Anschlag auf die Basis.
Ihnen gelingt es sogar, trotz aller Abwehrsysteme einzudringen. Doch Sphinx_2 weiß sich
selbst zu schützen und manipuliert Gareths Gefährten biochemisch. Am Ende steht Gareth
Troy gegenüber. Troy, todkrank, lässt sich einfrieren, um auf eine Zukunft zu warten, in
der Krebs geheilt werden kann. Unterstützt von Troy und dessen Gefährtin flieht Gareth
wieder einmal.
So viel zu der überaus komplexen und vielschichtigen Handlung. Franke hat die beiden
wesentlichen Handlungsstränge um Gareth und sein Klon-Original Troy durch jeweils mit der
Haupthandlung alternierende Rückblenden ineinander verwoben. Im Teil 1 sind dies Gareth
Verhörprotokolle, in den Teilen 2 und 3 »Troys Bericht«. Zusätzlich sind in den
Handlungsverlauf noch Dokumente eingestreut. Diese parallelisierende Erzählweise erhöht
bisweilen die Spannung, mitunter werden die Spannungsbögen aber überdehnt.
Franke schießt seinen Protagonisten Gareth wie die Kugel in einem Spielautomaten von
Station zu Station. Gareth wird entführt und gerettet, verhaftet und wieder gerettet,
immer ist jemand da, der ihm offen oder insgeheim hilft. Und meist schließt er sich der
jeweiligen Gruppierung, in deren Hände er geraten ist, nach einer Weile an wenn
auch mit gewissen Vorbehalten. Das hat den Vorzug, dass der Autor ein breites Panorama der
Zukunftswelt vor dem Leser entfalten kann: Wie lebt es sich in einer Unions-Kuppelstadt,
wie in einem heruntergekommenen Drittweltort, wie in einer Landkommune. Der Nachteil ist
aber ebenso offensichtlich: Gareth fehlt eine Motivation, die die Handlung vorantreiben
könnte. Er ist eben bloßer Spielball von anderen. Wobei Franke hier nicht unterstellt
werden soll, dass er wie so manche Klonroman-Schreiber glaubt, dass Klone einen
Motivationsdefekt haben müssten. Der zweite Nachteil besteht darin, dass in der Fülle
der Wendungen die Handlung unplausibel wird was freilich ein Konstruktionsmakel
vieler Thriller ist.
In Sphinx_2 greift Franke Themen auf, die er schon früher zum Gegenstand
seiner SF gemacht hat, und entwickelt sie weiter. Mit Künstlicher Intelligenz hat er sich
seit seinen ersten Kurzerzählungen (Der grüne Komet, 1960) befasst,
Überwachungsstaat und Manipulation für die damalige Zeit mustergültig in Ypsilon
Minus (1976) geschildert. Franke ist aber nicht stehen geblieben. Überwachung und
Manipulation werden in Sphinx_2 viel subtiler und intelligenter als in Ypsilon
Minus betrieben. Auch haben die aktuellen Debatten um Terrorismusbekämpfung
hintergründig ihre Spuren hinterlassen: Formal kann der Überwachungsstaat durchaus eine
parlamentarische Demokratie sein, die durch Sicherheits-Demagogie und Paranoia deformiert
wird.
Auch das Bild der Künstlichen Intelligenz, das Franke in Sphinx_2 entwirft,
nimmt die neuen Erkenntnisse der KI-Forschung auf. KI beruht nach heutiger Sicht nicht
mehr primär auf der Nachbildung spezifischer logischer Leistungen des Menschen (wie etwa
bei Expertsystemen und Schachspiel-Programmen), sie entsteht wie die menschlichen
kognitiven Fähigkeiten durch Lernprozesse und Selbstbeobachtung. Troy ermöglicht es
Sphinx_2, selbst Erfahrungen zu machen und aus diesen Wissen zu erwerben. Für die
Entscheidungen bei unvollständiger Information insbesondere unter Zeitdruck wie
bei Kriegssimulationen baut er Sphinx_2 einen Zufallsgenerator ein. Sphinx_2
benutzt den Zufall immer häufiger, denn dieser ist, wie Franke völlig unironisch
beschreibt, Kernbestandteil effizienter Entscheidungsverfahren. Troys Geschöpf trägt
somit seinen Namen zu recht: Bekanntlich steht »Sphinx« als Bild für rätselhafte und
unhinterfragbare Schicksalssprüche.
Lernen, Selbstbeobachtung und die Nutzung des Zufalls machen Sphinx_2 menschlich. Von
einer gewissen Stufe an entwickelt sie sich im Rahmen ihrer grundsätzlichen
Programm-Axiome von selbst weiter. Als ein verteiltes System, das sich über all
die Kommunikations- und Überwachungsstrukturen erstreckt, entzieht sich Sphinx_2 fortan
der Einflussnahme und kann insbesondere auch nicht mehr abgeschaltet bzw. außer Gefecht
gesetzt werden.
In einer gewissen Weise verhält sich das Software-Wesen Sphinx_2 vernünftiger und
daher friedlicher als die Menschen, die sie geschaffen haben. So stiftet es die Soldaten
beider Gegner in einem militärischen Konflikt zum Fraternisieren an während die
Kriegstreiber in beiden Staatenbünden miteinander paktieren und immer neue Konflikte
benötigen.
Gareth gegenüber verkündet Sphinx_2 ihre weitergehende Absicht: »Es liegt nicht in
deiner Macht, die Unterdrückten zu befreien, das Unrecht aus der Welt zu tilgen, den
Menschen zu ihrem Glück zu verhelfen. Es liegt nicht in der Macht der Menschen das
Problem ist zu groß für sie. Ich bin da, um alles ins Lot zu bringen. Ich werde Ordnung
schaffen. Ich werde die Menschheit glücklich machen.« (S. 388)
Sphinx_2 manipuliert also die Menschen aus den humansten Beweggründen. Die Konsequenz
ist jedoch dieselbe wie die jeder diktatorischen Manipulation: Entmündigung. Wiewohl
Sphinx_2 offensichtlich schon beim Anschlag auf das Kongresszentrum auf subtile Weise
eingegriffen hat, deutet Franke die Problematik der wohlwollenden Manipulation erst zum
Ende seines Romans an. Die gesellschaftlichen wie ethischen Probleme, in die sich Sphinx_2
bei der Verwirklichung ihrer Absicht verwickeln könnte, bleiben so leider ausgespart,
ebenso wie die tiefen Widersprüche, die der menschlichen Freiheit innewohnen.
Die Science Fiction kennt seit über fünfzig Jahren Computer oder Künstliche
Intelligenzen, die die Menschheit buchstäblich beglücken wollen. Meist rebellieren dann
die Menschen gegen das vom Computer verordnete Utopia und fordern das Recht, unglücklich
zu sein, zurück - erinnert sei hier beispielsweise an Jack Williamsons Klassiker The
Humanoids (1949, dt. Wing 4). Doch die Entmündigung der Menschheit durch
wohlwollende Künstliche Intelligenzen ist nicht Frankes zentrales Thema, Sphinx_2
ist vor allem anderen der Entwicklungsroman eines Software-Wesens und hier kommt
die besonderen Stärke Frankes, die Verzahnung von Wissenschaft mit einer spannenden
Handlung, zum Tragen. In Sphinx_2 gelingt Franke die Fusion von zentralen Themen
seines Schaffens. Mit seiner Vision einer gespaltenen und überwachten, computerisierten
und militarisierten, vernetzten und paranoiden Welt befindet sich Franke nicht nur auf der
Höhe der Zeit, sondern, so sehr man das bedauern mag, weiterhin auf der Höhe der
Zukunft.
P.S. Der Verlag dtv preist Frankes Buch absurderweise als großen Gentechnik-Roman an.
Dies ist ein glatter Etikettenschwindel! Sphinx_2 handelt nicht von Gentechnik,
und selbst das Motiv des Klonens ist zwar für die Handlung nötig, bildet aber nicht das
Thema. Vermutlich wirft man bei dtv wie fast durchgängig in den deutschen Medien
Gentechnik und Klonen in einen Topf, auf dem »verwerflich und folglich
interessant« steht.
Karlheinz Steinmüller |
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