ALIEN CONTACT
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William Gibson

Cyberspace

Burning Chrome • 1983

Science Fiction > Alien Contact
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1981, als der PC drei Jahre alt war, ein Drucker neun Nadeln hatte und in punkto Lautstärke noch manche Elektrosäge übertraf, entschloss sich ein unbekannter Nachwuchsautor namens William Gibson, seinen Beobachtungen der ersten Generation jugendlicher Computerfreaks und seiner Einstellung zur Science Fiction Ausdruck zu verleihen. Dazu benutzte der arbeitslose Kanadier eine Schreibmaschine (und tut dies bis heute), denn von Computern hatte er keine Ahnung. Was dabei herauskam, waren die vorliegenden Erzählungen, die den Weg für den Cyberpunk ebneten - zunächst die Bezeichnung für einen halbwüchsigen, mit allerlei Implantaten und technischen Spielereien ausgestatteten Hacker, später der Begriff für eine neue Literaturgattung innerhalb der Science Fiction, der sich auch Bruce Sterling, John Shirley, Pat Cadigan, Lewis Shiner und Myra Çakan anschlossen.

Der Spielplatz dieser Autoren und ihrer Protagonisten ist der Cyberspace, ein künstliches Universum, entstanden durch den Zusammenschluss von Millionen von Maschinen (so die Definition in Brian W. Aldiss' und David Wingroves Science-Fiction-Chronik Der Milliarden-Jahre-Traum). In Gibsons Neuromancer-Trilogie erscheint diese Welt als Arena, in der riesige Kartelle ihre Konkurrenzkämpfe auf dem Rücken von Cyberpunks austragen. Sieg und Niederlage liegen dort nah beieinander, durch das Lahmlegen eines Verteidigungssystems oder die Entschlüsselung eines Codes können sich Machtverhältnisse ändern und Großkonzerne um ihr Vermögen gebracht werden. Andererseits kann jeder kleine Fehler den Job kosten und Übermut tödliche Folgen haben. Dies alles findet sich schon in »Chrom brennt«, der letzten Erzählung dieses Bandes, die dem Autor 1982 eine Nominierung für den Nebula Award einbrachte. Darin versuchen zwei Hacker, sich Zugang zum Bankkonto der Mafia-Chefin Chrom zu verschaffen und sie auf diese Weise zu entmachten. Welch hohen Preis die beiden hierfür zahlen müssen, erkennen sie erst, als ihr Plan tatsächlich aufgeht.

Dass der Cyberspace aber noch viel mehr ist, beweisen die anderen Geschichten dieses Buches. In »Der Wintermarkt« werden Träume anderer Menschen in Computer eingespeist und von begabten »Cuttern« zu Filmen verarbeitet. Obendrein kommen einige Künstler auf die Idee, ihre Persönlichkeit in einen Computer einzuspeisen, um auch post mortem noch schöpferisch tätig zu sein. »Luftkampf« gibt dagegen einen Einblick in ein futuristisches Zockermilieu. Mittels bloßer Gedankenkraft steuern Teenager einen Schwarm Flugzeuge durch eine virtuelle Spielwelt, während die Realität um sie herum in Anarchie versinkt. Ein Spiel ist auch Gibsons Umgang mit der Technologie künftiger Jahrzehnte. Niemand kann ihm unterstellen, bloßer Technophilie anheim zu fallen. Vielmehr zeigt der Autor, wie elektronische Neuerungen den Alltag der Personen verändern, neue Berufe erschaffen und neue Entfaltungsmöglichkeiten bieten, den Einzelnen zum Teil aber auch mehr vereinnahmen, als ihm und seinen Mitmenschen gut tut. Oder wie es die Süddeutsche Zeitung ausdrückt: »Die Neugierde, nicht die Verfallenheit an die Technik, prägt seine Bücher; die Lust am Experiment, nicht irgendwelche Technikgläubigkeit«. Deshalb stört es auch wenig, wenn man das Alter einiger Geschichten daran merkt, dass deren Helden einerseits allen Programmierern ihrer Zeit voraus sind, andererseits aber noch Kassetten und Diskettenlaufwerke benutzen.

Immer wieder beweist Gibson, welche Bedeutung Informationen im gerade begonnenen Jahrhundert haben werden. Sei es, dass die Erschaffung von sinnlich wahrnehmbaren Träumen einen neuen Dienstleistungszweig darstellt, wie in »Fragmente einer Hologramm-Rose«, oder dass - wie in »New Rose Hotel« - Viren einen Laborautomaten derart umprogrammieren, dass dieser einen Meningitis-Virus erzeugt. Die Welt, in der diese Informationen gehandelt werden, ist stets schmutzig, unbarmherzig und am Rande des Zusammenbruchs. Sie wird ausschließlich von mächtigen Konzernen und Verbrecherorganisationen auf der einen sowie von gescheiterten Existenzen, Tagelöhnern, Künstlern, Dealern, Computerfreaks und Straßenkämpfern auf der anderen Seite bewohnt. Normalos scheinen es dort nicht auszuhalten.

Überraschend ist, dass die schönsten Erzählungen dieses Buches den Autor von einer ganz anderen Seite zeigen. »Hinterwäldler« und »Roter Stern, Winterorbit« entwerfen eine Alternativwelt, in der die Apollo-Mission zur Katastrophe geriet und der Weltraum von der Sowjetunion beherrscht wird. Aber auch dieses Land zieht sich nach einem gescheiterten lunaren Bergbauprojekt aus der bemannten Raumfahrt zurück. Der Weltraum erscheint - gänzlich unamerikanisch - als reichlich trostloses Szenario. Nicht einmal die Entdeckung einer Singularität, die einigen Auserwählten den Kontakt zu außerirdischen Zivilisationen ermöglicht, mag daran etwas ändern. »Das Gernsback-Kontinuum«, die wahrscheinlich bekannteste Geschichte dieses Bandes, erzählt von einem Fotografen, der Kontakt zu einem alternativen Amerika aufnimmt, in dem die fortschrittsgläubigen Weltentwürfe aus Heftserien der 30er Jahre Wirklichkeit geworden sind. »Wahlverwandte« gibt uns schließlich Auskunft darüber, warum einige Menschen Unmengen an Alkohol vertragen und in bestimmte Bars so gut hineinpassen, als gehörten sie zum Inventar.

Ebenso wie Gibsons Neuromancer-Trilogie, erhielt Cyberspace das Prädikat Meisterwerk der Science Fiction verliehen. Dies gibt Anlass zu der Hoffnung, dass auch jene Leser nach dem Buch greifen werden, die sonst wenig oder gar keine Science Fiction lesen. Schade nur, dass sich der Verlag alle Mühe gibt, genau sie vor den Kopf zu stoßen. Zum einen steht ausgerechnet »Johnny Mnemonic«, die Geschichte eines Mannes, der von seinen mächtigen Auftraggebern als lebende Festplatte für brisante Informationen benutzt wird, am Anfang des Buches. Mag diese Story auch verfilmt worden sein und mit Molly Millions bereits eine der Hauptfiguren aus Neuromancer vorstellen - sie bleibt dennoch die schwächste der zehn Erzählungen. Die Geschichte ist wie ein Comic aufgebaut und mit jenem unverständlichen Technik-Jargon überfrachtet, der etliche Literaturinteressierte davon abhält, Science Fiction zu lesen, und selbst viele eingefleischte Fans vergrault. Die Milieubeschreibungen, die dem Autor ansonsten sehr gut gelingen, sind weder beklemmend noch atmosphärisch dicht, sondern schlicht trivial. Der Verlag hätte sicherlich gut daran getan, die Reihenfolge der Erzählungen für die Neuausgabe zu verändern.

Zum anderen weist Übersetzer Peter Robert in einer Fußnote darauf hin, dass »jeder wahre Science-Fiction-Fan den Namen Hugo Gernsback kennt«. Alle durch die Meisterwerke der Science Fiction neu Hinzugewonnenen, die noch nicht wissen, dass er der Herausgeber des weltweit ersten Science-Fiction-Magazins war, werden sich also damit abfinden müssen, falsche Science-Fiction-Fans zu sein - mögen sie Cyberspace und die anderen Bücher dieser Reihe noch so begeistert haben.

• Gregor Jungheim • ALIEN CONTACT

Originalausgabe
William Gibson, Burning Chrome
(Arbor House, 1986)
lieferbare engl. Ausgabe
William Gibson, Burning Chrome
(New York: Ace Books, 1994) Bestellen
dt. Erstausgabe
William Gibson, Cyberspace
(München: Heyne, 1988) [06/4468]
dt. von Reinhard Heinz
Neuausgabe
William Gibson, Cyberspace
(München: Heyne, 1988) [06/4468] Bestellen
dt. von Reinhard Heinz & Peter Robert, Titelbild von Jürgen Rogner, Vorwort von John Shirley, TB, 252 Seiten
Leser-Service:
Lieferbare Titel von William Gibson
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