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| Porträt einer brennenden Welt | Folge 4 ALIEN CONTACT 39 |
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| Schauen Sie sich dieses Buch genau an. Lauschen Sie seinem
Pulsschlag. Es ist Fortsetzung und Höhepunkt der letzten beiden Romane von William
Gibson, und es vereinigt ihre Triumphe und Schwächen als Wasser auf seine Mühlen, als
das großartige Kunstwerk, das es ist. Es verleiht der entspannten Wirklichkeit von Virtuelles
Licht (1993) etwas Rückgrat, und es ironisiert das Liebeslied an das Innere der
Welt, die wir gleich betreten werden und die Idoru (1996) in das Hochzeitsgedicht
eines Klaustrophilen verwandelt hat. Und es baut sie als etwas Neues wieder auf, wie eine
Zeitbombe. All Tomorrow's Parties wiederholt natürlich einige der Fehler der beiden Vorgänger. Gibson ist nicht in der Lage, die Verwandlung der Oakland-Brücke im San Francisco des 21. Jahrhunderts in ein bengalisches Dorf aus einer Rube-Goldberg-Zeichnung zu beschreiben, ohne daß sein feiner, scharfer Stil zu tränenreichen Harte-Männer-Riffs à la Steinbeck und Ward Bond verkommt. Diese Verniedlichung des Blickfeldes schwächt Virtuelles Licht, und Andeutungen davon verwischen ein oder zwei Seiten lang die schärferen Linien des neuen Buches.Und genau wie Idoru gegen Ende der Handlung aus der Finsternis herausstolziert, so verliert auch All Tomorrow's Parties ein wenig an Ernsthaftigkeit, als das Ende naht. Alles paßt zusammen, doch das bedeutet nicht unbedingt, daß es Sinn ergibt, und wie in allen Romanen von Gibson entsteht das Gefühl, daß einige tiefschürfende Geistesblitze zugunsten eines genretypischen Finales verspielt werden. Es gibt Verfolgungsjagden. Bösewichte werden besiegt. Die Kavallerie trifft ein. Hochzeiten der einen oder anderen Art werden bekanntgegeben. Herr Bogart und Herr Rain reichen einander die Hände. Aber das haben wir erwartet. Etwas erschrocken sind wir dagegen über das durchgehaltene Erzähltempo des neuen Romans, über die unfehlbare Richtigkeit dessen, was er über die neue Welt tatsächlich sagt - als wäre es William Gibson gelungen (ohne den sonst üblichen fatalen Preis zu entrichten), die alles verbrennende Heftigkeit eines Schriftstellers zu erlangen, der alt geworden ist und weiß, daß er noch etwas zu sagen hat, und zwar schnell. All Tomorrow's Parties ist in weiten Teilen des Gestus der Jugend beraubt worden und insofern das Buch eines alten Mannes. Was bisher geschahDie Geschichte ist eine Art Fortsetzung dessen, was zuvor geschah. Laney (aus Idoru) ist zu einem Kistenmann geworden (der Begriff stammt von Kobo Abe) und lebt in einem Karton in einer U-Bahn von Tokio. Seine durch Drogen verursachte Sensibilität für Informationsmuster hat dramatisch zugenommen - er spürt jetzt bereits die Verletzung, die durch einen Wendepunkt der Geschichte verursacht wird, einen Punkt, an dem (wie in der Kosmologie des Hinduismus) ein Neues Zeitalter anbricht. Er spürt, daß dieser Wendepunkt durch das Zusammentreffen einzelner Figuren im Dorf auf der Brücke ausgelöst werden könnte oder ausgelöst wird. Wir begegnen einigen Bewohnern der vorausgehenden Bücher: Rydel, ein Mann, der so wenig in der Lage ist, sich wie ein genretypischer Protagonist zu verhalten, daß er ebensogut Kanadier sein könnte; Rei Toei, die Idoru selbst, das holographische Artefakt, das aus reiner Information besteht und von Sekunde zu Sekunde komplexer wird; Chevette und Fontaine aus dem ersten Buch; und andere. Allein oder an der Nase geführt, treffen sich alle auf der Brücke. Mindestens noch eine weitere Figur trägt zu dieser Mischung bei - ein Assassine, der neu in dieser Romanfolge ist, und fast die ganze Zeit anonym bleibt, jedoch bis zum Schluß James Coburn in Die glorreichen Sieben gleicht. Er ist es, der zu Cody im engsten und aphoristischsten Verhältnis steht, der Informationen geschickt zu manipulieren weiß, zum reichsten Mann der Welt geworden ist und der auf den Veränderungen in das Neue Zeitalter surfen will, ohne einen Groschen zu verlieren. Und es ist Cody, auf den Laney seinen fürchterlichen, von Daten abhängigen Verstand konzentriert (sein Leben in der Kiste bildet genau den Verstand eines Mannes ab, der unter klinischen Depressionen leidet oder den Höhepunkt eines lebenslangen Rausches erreicht hat) und der sich schlußendlich an einem Punkt mit ihm auseinandersetzt, an dem der Roman Alfred Besters Der brennende Mann (1956) zutiefst ähnelt. Surfen in den RuinenAlles weitere ist Erzählung, guter Stoff, aber nicht von grundlegender Bedeutung. Einschneidend ist an diesem Buch nicht so sehr, was die exemplarischen Figuren in einem kurzen Kapitel nach dem anderen tun, sondern wie sich Aktionen und Reaktionen von Figuren zusammenfügen, die aus einem halben Dutzend ökologischer Nischen des neuen Jahrhunderts gestoßen werden. Das alles liefert uns das Portrait einer brennenden Welt - der Verfall und das Surfen in den Ruinen können nicht mehr lange auf sich warten lassen. Regierungen werden kaum erwähnt (außer am Schluß, als eine wunderbarerweise anwesende Regierung die Brücke vor einem Brandanschlag bewahrt); Kartelle, unter dem einen oder anderen Namen, unsichere Zusammenflüsse privatisierter Macht, verbinden sich und schlagen ihr Lager auf. Ein vertrautes Bild vielleicht, aber die Details und die geschliffene lächelnde Verzweiflung der Erzählung formen die Botschaften zu einer Prosa, die zu dicht ist, als daß man sie paraphrasieren könnte. Es gibt noch eine neue Figur, Silencio, ein kleiner Junge, der sich weigert zu sprechen und von Fontaine adoptiert wird, als dieser bemerkt, daß der Junge von Armbanduhren besessen ist - seine ersten Worte lauten: »auf der Rückseite der Verpackung« (als er eine Produktbeschreibung wiederholt, die Fontaine ihm vorliest); er ist vielleicht die wichtigste Figur des Buches. Für ihn wird die Welt, die ihn grundlegend traumatisiert hat, nur durch die komplexe Messung der Zeit durch mechanische Armbanduhren aus dem 20. Jahrhundert erträglich und verständlich; die einzige Möglichkeit, der Zersplitterung der Erfahrung durch Information, Informationsüberfluß, Informationstod zu entkommen, besteht darin, Ariadnes Floß zu bauen und darauf zu surfen. Unterm Strich liest sich All Tomorrow's Parties wie eine Art Gebet - wie viele seiner Texte. Alle seine Protagonisten sehnen sich danach, gerettet zu werden. Wenige werden es tatsächlich. Silencios Rettung, die darin besteht, sich auf Trugbilder zu fixieren, die die Wirklichkeit messen, könnte einen Durchbruch darstellen. Vielleicht besteht die Rettung für uns alle in einem Zeitpfeil, der über uns wacht, während wir vom Rand in die Wildnis der Zukunft fallen ... Erstveröffentlichung auf der Internetseite SF Weekly #129 www.scifi.com |
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