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William
Gibson wurde 1948 in den Vereinigten Staaten geboren, lebt aber seit vielen Jahren mit
seiner Familie in Kanada. Jahrelang galt er zusammen mit Bruce Sterling als Begründer des
Cyberpunk, der in den achtziger und neunziger Jahren einen Boom erlebte. Mustererkennung
ist sein erster Roman seit 1999. Schon der Titel gibt einen Hinweis auf Gibsons eigene
Unsicherheit in dieser sich rasant verändernden Welt: Ein Muster enthält etwas
Vertrautes, eine Wiederholung, die es ermöglicht, eine Extrapolation zukünftiger
Ereignisse vorzunehmen. Genau wie seine Hauptfigur Cayce Pollard, die davon lebt,
potentielle Muster in Form von Trends frühzeitig zu erkennen, sucht Gibson nach einer
Konstante. Eine seiner Figuren spricht in einer der eindrucksvollsten Dialogenszenen
davon, dass wir aufgrund unserer unbeständigen Gegenwart keine Zukunft haben. Es geht nur
noch um Risikomanagement.Mustererkennung lässt sich aus verschiedenen
Blickwinkeln betrachten: Jeder Blickwinkel offenbart eine andere Seite des Buches, aber nicht alle stellen einen kritischen Leser zufrieden. Gibsons Roman ist anders und doch vertraut. Seine ersten Romane schrieb der Kanadier auf eine Schreibmaschine, inzwischen dürfte er zum Computer übergewechselt sein. Im gleichen Maße wie sich die Technologie an seinem Arbeitsplatz breit gemacht hat, schrumpft sie in seinen literarischen Werken zusammen. Mit einer unglaublichen Genauigkeit beobachtet er eine kleine Gruppe von Freaks - Internetjunkies ebenso wie elitäre reiche Russen oder die Werbemacher in ihren Think Tanks, die unnötige Produkte verkäuflich machen. Bizarr wird der Roman durch die eingeschobenen E-Mails des Dokumentarfilmers Damien, der in dem schlammigen Boden um Stalingrad Knochen, Waffen und schließlich eine komplette Stuka ausgräbt - Stalingrad als der Höhepunkt eines Menschen fressenden Vernichtungsfeldzuges betrachtet durch die Augen der Techno-Generation. Stalingrad als erster Wendepunkt, der 11. September 2001 als der nächste. Im Mittelpunkt von Gibsons Mustererkennung stehen kommentarlos ins Internet gestellte Filmclips. Um diese herum bildet sich im Internet ein aktives Forum. Die intuitive Marketing-Beraterin Cayce Pollard wird beauftragt, den Regisseur oder Designer ausfindig zu machen. Anfangs ist sie nicht sonderlich begeistert, auf die Suche nach der geheimnisvollen Person zu gehen, doch als ihr Computer gefilzt, in die Wohnung eines Freundes eingebrochen und auf einem der Clips eine Kennung entdeckt wird, macht sie sich an die Arbeit. Diese wird sie über Tokio nach Russland führen. Im letzten Fünftel von Mustererkennung hat der Leser mehr als einmal das Gefühl, durch das Prisma in eine fremde Welt zu blicken. Zu phantastisch ist die traurige Geschichte, die uns der Autor präsentiert. Dabei hält sich Gibson stilistisch zurück und bemüht sich, die Geschehnisse ruhig, fast schon zärtlich zu beschreiben. Hier hilft die konsequente Fokussierung auf die Hauptfigur. Im Laufe des Romans gibt es nur zwei Quellen, aus denen der Leser Informationen beziehen kann: aus Cayce Pollards Blickwinkel und den vielen Botschaften aus dem Internet. Dieser Kontrast zu den ersten furios zusammengesetzten Auftaktkapiteln gibt dem Roman seine innere Stärke. Im Gegensatz zu den Jungen, die zur See reisen mussten, um als Männer zurückzukommen, vervollständigt sich Cayces Persönlichkeit in einem Luxusgefängnis vor den Toren Moskaus. Gibsons ist weiterhin ein brillanter Autor. Mustererkennung ist eine exakt definierte Beschreibung unserer Gegenwart. Man googelt Personen. Markennamen ersetzen Produkte. Japan ist ein Synonym für unsere Spielkultur. Von dort aus werden menschliche Freuden wie Perversionen befriedigt. Die Großkonzerne in Gibsons früheren Romane sind der Droge Entertainment gewichen, halten die Bevölkerung aber um so fester in den Krallen. Die ersten dreißig Seiten sind ein Feuerwerk aus allgegenwärtigen Markennamen und Markenprodukten - kein Wunder, dass seine Protagonistin unter dem Produktplacement leidet. Ironischerweise ist sie ein intuitiver Trend Scout und dann am erfolgreichsten, wenn sie einer Spur folgt, die irgendwann zu einer Marke wird. Das erwarten ihre schwerreichen Auftraggeber von ihr und das sind die Ansprüche, die sich selbst an sich stellt. Obwohl Gibsons Roman Züge der leCarre´schen Thriller annimmt und seine Protagonisten in ein vergleichbares und auswegloses Labyrinth aus Spionage und Verrat stürzt, ist es weder ein Krimi noch ein Science-Fiction-Roman. Als Gesamtwerk befriedigt die intelligente und menschlich sehr anrührende Auflösung des Plots alle Zweifler. Mustererkennung ist nur abschnittweise der bahnbrechende Roman, den in erster Linie die Mainstreamkritiker in ihm sehen wollen. Gibson sucht in dieser konfusen Welt seine Stimme. Er beendet seine Cyberpunkzeit. Gibsons Gegenwart ist fremdartiger und phantastischer als seine Zukunft, und vielleicht ist Mustererkennung die Geburtsstunde eines neuen Gegenwartsautors, der noch Laufen lernen muss. Thomas Harbach ALIEN CONTACT |
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