ALIEN CONTACT
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Wolfgang Jeschke/Sascha Mamczak (Hrsg.)

Das Science Fiction Jahr 2003

Originalausgabe • 2003

Science Fiction > Alien Contact
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Das Science Fiction Jahr wird volljährig, denn jetzt liegt tatsächlich bereits die 18. Ausgabe des Heyne-Jahrbuchs vor. Wohl weniger aus diesem Anlass, als vielmehr aus marktstrategischen Gründen wurde dem Werk einige Änderungen verpasst. Zunächst fällt das neue Format ins Auge: etwas größer als die Taschenbücher, aber auch wiederum kleiner als die Heyne-Paperbacks. Viel wichtiger jedoch ist die Änderung - oder vielmehr Verbesserung - des Konzepts. Während es sich in den bisherigen Jahren mehr oder weniger um endlose Marktberichte und Aufzählungen mehr oder weniger relevanter Bücher mit einigen zusätzlichen Texten handelte, haben sich die Herausgeber nun auf das Wesentliche oder zumindest wesentlich Interessantere konzentriert, nämlich die thematischen Sachbeiträge und Essays.

Am Anfang des Buches findet sich auf 250 Seiten das Schwerpunktthema »Science Fiction und Religion«. Dabei sind die beiden Herausgeber sehr demokratisch vorgegangen und haben wirklich informative und aufschlussreiche Artikel gleichberechtigt neben inkompetentes Geschwätz gestellt. Gleich zu Beginn gibt Dr. Linus Hauser, Professor für Systematische Theologie, einen 50-seitigen Überblick über religiöse Themen der phantastischen Literatur und ihrer Vorläufer. Dabei bezieht er sich interessanterweise eingangs auf Superman und Star Wars, um kurz darauf beginnend mit den Himmelsreisen der Antike die ganze Science Fiction aus religiöser Sicht aufzudröseln. Nun ist der Professor ganz gewiss eine Kapazität auf seinem Gebiet, aber mit dem Faktenwissen zur Science Fiction hapert es dann doch etwas. Nicht nur werden Autorennamen oft etwas seltsam geschrieben (Robert Anton Heinlein, Pierce Anthony), Wortschöpfungen wie »Cosmicopera« tauchen auf und Star-Trek-Zitate werden falsch zitiert - Der Wüstenplanet, den wohl wichtigsten Roman mit religiösen Themen, erwähnt er gar nicht erst. Ganz zu schweigen davon, dass so manchem Trekkie die Haare zu Berge stehen werden, wenn er liest, dass Gene Roddenberry als religiöser Heilsbringer bezeichnet wird, dicht gefolgt von einer Analyse der Machenschaften von L. Ron Hubbard. Es ist mehr als erstaunlich, dass die beiden Herausgeber den Autor nicht um Korrekturen gebeten haben.

Äußerst spannend und vor allem politisch interessant ist der Beitrag »Der nächtliche Flug auf dem Buraq nach Jerusalem« von Alexander Seibold. Darin geht es um Asimov, Asahara und Bin Laden. Der Autor untersucht, was denn wohl Aum, Al-Qa’ida, Taliban und andere mit Science Fiction zu tun haben und was an den Gerüchten dran ist, dass Bin Laden seine Organisation nach Asimovs Foundation benannt hat.

Bei einem Schwerpunkt Religion darf natürlich auch das Spätwerk von Philip K. Dick nicht fehlen. Und so beschäftigt sich Michael Nagula ausführlich mit der Valis-Trilogie.

Nur bedingt mit Religion hat Robert Hectors Aufzählung der alternativen Endzeitvisionen in der Science Fiction zu tun. Die Apokalypse gab es einfach zu oft, sowohl in der Literatur wie auch im Film. Zumindest weiß der Autor mitzuteilen, dass die Heftromanserie Maddrax bei den Lesern Kultstatus erlangt hat - ist ja ganz klar, bei so viel Religionsaufarbeitung im Heftroman. Aber Scherz beiseite, Walter M. Millers Roman Lobgesang auf Leibowitz wird danach auch noch aufgezählt.

Einiges zu viel des Guten tut Alexander Seibold mit seiner umfangreichen, ermüdenden Analyse von »Stanley Kubricks Odyssee zum Unbedingten«. Um 85 Seiten über 2001 zu lesen, inklusive Aufzählung aller musikalischen Motive des Films, muss man schon ein großer Fan dieses Meisterwerks sein.

Nach dem Themenschwerpunkt Religion folgen die bekannten Rubriken des Jahrbuches. Zunächst darf Peter M. Gaschler wieder einmal viel zu viele Filme aufzählen. Zwar nennt er die Rubrik »Wichtige Filme 2002«, allerdings mit dem Zusatz »- und darüber hinaus«. Genau dieses »darüber hinaus« jedoch macht die Rubrik so unbrauchbar. Um ein Beispiel herauszugreifen: Es wird nicht so recht klar, warum hier George A. Romeros Day of the Dead von 1985 vorgestellt wird. Zu den wichtigen Filmen des Jahres 2002 zählt er wohl kaum. Vielleicht ist er als Video oder DVD erschienen, aber das verschweigt Peter Gaschler. Und so werden 20 alte Filme vorgestellt. Darunter auch Nomaden der Lüfte, ein Film, der in schönen Bildern das Verhalten der Zugvögel zeigt. Es ist sicher eine große Herausforderung, den Zusammenhang zwischen Zugvögeln und Science Fiction herzustellen, aber vielleicht gelingt das ja einem anderen Leser des Jahrbuches.

Einer der informativsten Beiträge ist »Mein Gott, es lebt! - Künstliche Intelligenz im Science-Fiction-Film« von Uwe Neuhold. Nach einer fundierten Einleitung präsentiert der Autor Zeittafeln, die wissenschaftliche und technologische Entwicklung zur KI neben Werke aus Literatur, Theater, Film und Fernsehen stellt und so den Leser mitverfolgen lässt, inwieweit sich tatsächliche Erkenntnisse in den Medien widerspiegeln.

Endlich einmal wieder um Science-Fiction-Literatur geht es in Wolfgang Neuhaus’ Beitrag »Im Bann des Hyperraums - Eine Annäherung an das (modernisierte) Genre der Space Opera«. Nachdem die klassischen Space Operas kurz angerissen werden, stößt Neuhaus schließlich auf Hyperion von Dan Simmons und die Kultur-Romane von Iain M. Banks. Offenbar hat der Autor vor gut zehn Jahren aufgehört, SF zu lesen, denn der Artikel endet gänzlich unvermittelt. Wer sich also Erkenntnisse über die wirklich modernen Space Operas von beispielsweise Peter F. Hamilton, Alastair Reynolds, Ken MacLeod oder gar Stephen Baxter erhofft, wird grob enttäuscht.

Der große Altmeister Brian W. Aldiss ist mit einer Rede vom Literaturkongress KOSMOPOLIS in Barcelona vertreten. Während die Rede sehr klug beginnt, macht sich Aldiss dann leider lächerlich, indem er fordert, der Science Fiction - oder zumindest einem Teil dieser Literatur - einen neuen Namen zu geben, nämlich »Surreale Dichtung«. Man könnte glauben, dass diese Rede aus den 60er Jahren stammt, als einige britische Autoren den Begriff »Speculative Fiction« anstelle der »Science Fiction« forderten.

Ob man die Interviews mit William Gibson, Marcus Hammerschmitt und Mary Doria Russell interessant findet, hängt ganz sicher von dem individuellen Interesse des Lesers ab. Insbesondere das letztgenannte Interview, geführt von Gundula Sell, ist nur dann verständlich, wenn man die Romane Sperling und Gottes Kinder auch tatsächlich gelesen hat.

Einer der Höhepunkte des Jahrbuches, und das schon seit mehreren Ausgaben, sind die Essays von Thomas M. Disch, die seinem Sachbuch The Dreams Our Stuff is Made of entnommen sind. Diesmal heißt der Beitrag »Edgar Allan Poe, unser peinlicher Vorfahr«, wobei Disch respektlos und mit viel Hintergrundwissen nachweist, dass nicht etwa Mary Shelleys Frankenstein der Ursprung der modernen Science Fiction ist, sondern vielmehr Poe, obendrein mit seinen eher mittelmäßigen Werken.

Weitere Rubriken des Jahrbuches sind »Science« (diesmal auf der Suche nach Außerirdischen), »Hörspiel«, »Computer« und »Bücher« (Rezensionen).

Hermann Urbanek, der für seine aus Verlagsprogrammen und der US-Zeitschrift Locus abgeschriebenen Berichte über die deutsche, amerikanische und britische SF-Szene im letzten Jahr noch 214 Seiten zu Verfügung hatte, musste sich diesmal mit 60 Seiten begnügen. Leider wurde genau an der falschen Stelle gekürzt, denn vermutlich interessiert es kaum jemanden, welcher x-te Band einer Serie bei Heyne, Bastei oder Blanvalet erschienen ist. Besser wäre es gewesen, den interessanteren Büchern deutscher Autoren aus kleinen Verlagen mehr Raum zu widmen. Denn schließlich erreichen die großen Verlage ihre Zielgruppen ohnehin, während die Kleinverlage auf Fachpublikationen wie das SF-Jahr angewiesen sind, um ihre Leserschaft zu finden.

Abgeschlossen wird das Jahrbuch durch eine Auflistung der SF- und Fantasy-Preise, die im letzten Jahr verliehen wurden, und durch die Bibliographie der phantastischen Literatur im Heyne-Taschenbuch des Jahres 2002.

Es lässt sich feststellen, dass Das Science Fiction Jahr 2003 um ein vielfaches interessanter und informativer ist als das Vorjahresbuch. Und so lohnt sich das Hoffen und Bangen, ob wohl im nächsten Jahr wieder ein Jahrbuch erscheint.

• Martin Höllmann

Originalausgabe
Wolfgang Jeschke, Sascha Mamczak (Hrsg.), Das Science Fiction Jahr 2003
(München: Heyne, 2003) [06/6438] Bestellen
Titelbild von Giancarlo Donato, 840 Seiten, TB
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