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Sascha Mamczak & Wolfgang Jeschke (Hrsg.)

Das Science Fiction Jahr 2004

Originalausgabe • 2004

Science Fiction > Alien Contact
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Woran mag es liegen, dass Das Science Fiction Jahr 2004 so viel interessanter ist als die vorhergehenden? Vielleicht daran, dass Wolfgang Jeschke nach seinem Ausscheiden als Herausgeber der Heyne-SF-Reihe mehr Zeit hat? Oder dass Sascha Mamczak, der in diesem Jahr erstmals an erster Stelle der Herausgeberschaft genannt wird, frischen Wind in die Buchreihe brachte? Oder vielleicht liegt es auch am zentralen Thema des Jahrbuchs, das auch eines der zentralen Themen der Science Fiction ist: die Space Opera.

Der gesamte erste Teil mit rund 260 Seiten beschäftigt sich mit den modernen Space Operas und ihren Autoren. Wie nicht anders zu erwarten, sind die Beiträge von schwankender Qualität. David G. Hartwell gibt zunächst in »Gold aus der Gosse« einen kundigen Überblick, der leider nicht auf die typischen alten Space Operas eingeht, was als Wissensbasis für den Leser der nachfolgenden Beiträge recht nützlich gewesen wäre. John Clute hingegen erläutert, »Wofür wir Space Operas benötigen« – wohlformuliert, aber erstaunlich inhaltsleer. Man hat den Eindruck, dass er die Space Opera besonders hervorheben will, weil er mit Sternentanz kürzlich selbst eine geschrieben hat.

Mit »Von der Erde zum Mond – in hundertundeinem Jahr« gibt es ein weiteres Kapitel aus Thomas M. Dischs preisgekröntem Sachbuch The Dreams Our Stuff is Made Of. Hartmut Kasper nimmt sich des unvermeidlichen Perry Rhodan an und schreibt einen wirren Artikel über das Motiv des singenden Cowboys in der größten deutschen Weltraumserie, wobei die meisten seiner Begründungen reichlich an den Haaren herbeigezogen wirken. Tiefpunkt des ersten Teils ist Usch Kiauschs Interviewartikel über Peter Hamilton, in dem man ein wenig über den Autor, aber so gut wie nichts über sein Werk erfährt. Dabei hat man den Eindruck, als hätte Kiausch keines der Bücher gelesen und kann deshalb nichts substanzielles darüber schreiben.

Ganz anders dagegen sind die sehr informativen Artikel von Wolfgang Neuhaus über den Hyperion-Zyklus von Dan Simmons und vor allem Erik Simons Beitrag über die wichtigste sowjetische Space Opera: Menschen wie Götter von Sergej Snegow. Politisch wird es in Carsten Polzins Beitrag über Ken MacLeod, der zu den ganz neuen Stars der Weltraumliteratur gehört. Unvermeidlich war natürlich auch ein Artikel über Iain M. Banks und dessen Kultur-Zyklus. Alexander Seibold analysiert die Honor-Harrington-Reihe von David Weber, was vermutlich dazu führen wird, dass einige Leser diese Serie gar nicht erst anrühren werden. Erik Simon wiederum beschäftigt sich mit dem Zonen-Universum von Vernor Vinge und den beiden Hugo-preisgekrönten Romanen des Autors. Interessant ist der sehr umfangreiche Beitrag von Uwe Neuhold, »Noch Science – oder nur noch Fiction?«, über häufig in Space Operas auftauchende Technologien und deren Wahrscheinlichkeit bzw. wissenschaftliche Machbarkeit.

Im zweiten Teil des Jahrbuchs geht es um »Bücher & Autoren«. Darin analysiert Michael K. Iwoleit sehr kundig die Muster und Quellen im Werk von J. G. Ballard. Höchst ärgerlich ist dabei nur, dass zum Teil sehr umfangreiche Zitate im englischen Original stehen geblieben sind, was nicht nur den Lesefluss empfindlich stört, sondern auch den nur deutschsprachigen Lesern des Buches unnötige Schwierigkeiten bereitet. Weniger anstrengend sind die sehr informativen Artikel von Ralf Reiter über die Romane von China Miéville und von Erik Simon über den kürzlich verstorbenen Kir Bulytschow. Deplaziert hingegen wirken die beiden Beiträge »Schweden im Weltall« von Linus Hauser und »Der erste letzte Mensch« von Karlheinz Steinmüller, während Gudula Sell in »Bücher statt Plüschtiere« über die neue Fantasy für Kinder und Jugendliche schreibt, aber sich wohl doch nicht so gut damit auskennt.

Der Interview-Teil des Jahrbuchs ist diesmal etwas kurz geraten. Dafür ist das Gespräch mit dem auskunftsfreudigen Andreas Eschbach sehr lesenswert und geht mehr in die Tiefe als bei vergleichbaren Gesprächen üblich. Das Interview mit Robert Feldhoff dagegen dürfte wohl hauptsächlich für Perry-Rhodan-Leser von Interesse sein.

Die zweite Hälfte des Jahrbuchs besteht aus den Rubriken Science, Film, Hörspiel, Comic, Computer, Rezensionen, Marktberichte und der Heyne-SF-Bibliographie. Hier kann man sich nur wiederholen: Die Wissenschaftsartikel sind hauptsächlich für diejenigen interessant, die sich für neue Wissenschaftstrends interessieren. Die viel zu lange Film-Rubrik besteht mal wieder aus Aufzählungen einiger neuer und vieler uralter Filme, die zufällig im Jahr 2003 im Fernsehen liefen, und Wolfgang Neuhaus ärgert sich über den viel zu langen 2001-Artikel von Alexander Seibold im letztjährigen Jahrbuch. Immer wieder interessant ist die Rubrik Hörspiel, auch wenn es 2003 nicht allzu viel Gutes zu hören gab. Hervorragend, unterhaltsam und sehr informativ ist der Rückblick »Der Weltraumhumorserienwettlauf« über Comic-Funnies in Ost- und Westdeutschland. Immer wieder von den Fans benörgelt wird die Rubrik über Computerspiele von Gerd Frey – dabei sind hier im Gegensatz zur Filmsparte tatsächlich nur die Neuerscheinungen zu finden.

Hermann Urbaneks Marktberichte zum deutschen, amerikanischen und britischen Markt sind in ihrer seit dem letzten Jahr verkürzten Form sehr lesenswert und konzentrieren sich nun endlich auf das Wesentliche. Uninteressant dagegen ist die Bibliographie »Phantastische Literatur im Heyne Verlag 2003«, da sie sich nur mit diesem einen Verlag beschäftigt. Eine nutzbarere Jahresbibliographie für SF-Leser wird man wohl bei der Konkurrenz, nämlich im Shayol Jahrbuch zur Science Fiction finden.

Fazit: Die Ausgabe von immerhin 22 Euro lohnt sich in diesem Jahr für Das Heyne Science Fiction Jahr voll und ganz. Kein Buch zum Nur-mal-kurz-Blättern, sondern zum Lesen, Dazulernen und Nachschlagen.

• Martin Höllmann

Originalausgabe
Sascha Mamczak & Wolfgang Jeschke (Hrsg.), Das Science Fiction Jahr 2004
(München: Heyne Verlag, 2004) [06/6450] Bestellen
Titelbild von Chris Moore, Paperback, 1047 Seiten
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