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K. W. Jeter

Blade Runner - Die Rückkehr

Blade Runner - The Edge of Human • 1995
Blade Runner - Replicant Night • 1996

Science Fiction > Alien Contact
Buch-Tips
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Bei dem knapp 700seitigen Taschenbuch handelt es sich zur Hälfte um die Neuauflage des bereits 1997 bei Haffmanns als Blade Runner II erschienen Romans, der Ridley Scotts Film und Philip K. Dicks Roman fortsetzte. Die zweite Hälfte des Buches enthält mit Nacht der Replikanten die deutsche Erstveröffentlichung der zweiten Blade-Runner-Fortsetzung aus Jeters Feder. Die Fortsetzungen beziehen sich weit stärker auf den Film als auf die Romanvorlage von Philip K. Dick. Dennoch machen beide Romane deutlich, dass Jeter seinen Dick gelesen hat.

Der erste Roman, hier unter dem Titel Deckards Weg, setzt ein Jahr nach dem Ende der Filmhandlung ein. Rick Deckard hat sich mit seiner Geliebten, der Replikantin Rachael, in eine Waldhütte zurückgezogen. Rachael schläft die meiste Zeit über in einem Stasis-Sarg, um ihre begrenzte Lebenszeit zu verlängern. Deckards melancholisches Exil wird gestört, als Sarah Tyrell bei ihm auftaucht, die Erbin des Tyrell-Konzerns, die Rachael aufs Haar gleicht - sie war die menschliche Vorlage bei der Erschaffung der Replikantin. Sarah erklärt Deckard, dass einer der entflohenen Replikanten überlebt hat und sich in LA versteckt. Sie setzt ihn unter Druck, damit er auch diesen letzten »Haujob« erledigt. Notgedrungen kehrt Deckard nach LA zurück, wo er unter anderem erfahren muss, dass einer der Flüchtlinge, die er vor einem Jahr zur Strecke gebracht hat, in Wirklichkeit ein Mensch war ...

Deckards Weg folgt weitgehend den Gesetzen des Film-Sequels: Bekannte Schauplätze werden aufgesucht, alte Feinde erstehen von den Toten auf, und Szenen aus dem Film werden re-inszeniert, wobei Deckatrd immer mehr zum Gejagten wird. Jeter lässt sich sehr viel mehr Zeit für die Exposition, als es in einem Film möglich gewesen wäre. Dabei hält er ein über weite Strecken gelungenes Mischungsverhältnis zwischen Deckards Introspektiven und den Informationsbrocken aufrecht, aus denen sich der Spannungsbogen zusammensetzt. Nebenher treibt Jeter ein für Filmkenner amüsantes Spiel, indem er kleine Unschlüssigkeiten aufgreift und sie zu Hinweisen auf eine Verschwörung in den Reihen des LAPD ausarbeitet. Sprachlich kann Jeter zwar nicht mit Dick mithalten, es gelingt ihm aber hervorragend, die drückende Stimmung des Films mit ihren erschreckenden, stilisierten Gewaltentladungen einzufangen. Thematisch nimmt sich Deckards Weg ebenfalls der Fragen nach Identität, Original, Kopie und die Definition des Menschseins an. Hier betritt Jeter keine neuen Pfade, aber er schafft es, das Thema adäquat und anspruchsvoll umzusetzen. Ganz wie Ridley Scotts Blade Runner spielt Deckards Weg ein humanistisches Thema als bitter verzerrte Melodie.

Nacht der Replikanten beginnt im Orbitalstudio der Speed Death Productions, die unter dem Titel Blade Runner gerade Deckards letzten Einsatz fürs LAPD verfilmen. Deckard, der mittlerweile in einer hasserfüllten Scheinehe mit Sarah Tyrell auf dem Mars lebt, ist als technischer Berater zugegen. Als ein Replikant bei den Dreharbeiten getötet wird, schmeißt Deckard den Job und kehrt zum Mars zurück. Kurz zuvor erhält er jedoch Besuch von seinem alten Kollegen Holden, der nunmehr für eine Replikanten-Sympathisanten-Organisation arbeitet. Holden übergibt ihm einen Koffer, der die einzige Hoffnung für eine Replikantenrebellion auf den äußeren Kolonien darstellt ...

Der zweite Roman entfernt sich weit mehr von der Filmvorlage und nimmt sogar einen ironischen Standpunkt zu ihr ein, wenn er sie als Billig-Fernsehproduktion zu zweifelhaften Ehren kommen lässt. Deckard bewegt sich durch die Kulissen des LA, das wir aus dem Film kennen, und stellt fest, dass sie ihm realer vorkommen als das wirkliche LA. Nacht der Replikanten dreht sich nicht mehr so sehr um die Frage, ob einzelnen Individuen nun menschlich zu nennen sind oder nicht. Hier steht vielmehr im Vordergrund, wie real die Wirklichkeit selbst ist. Deckard und Sarah Tyrell, aus deren Perspektive die Handlung abwechselnd erzählt wird, verlieren zunehmend die Fähigkeit, zwischen Einbildung, Inszenierung und Realität zu unterscheiden. Um sein Thema mit den Metaphern der Science Fiction auszuführen, führt Jeter einige skurille Elemente ein, die nicht in das »realistische« Noir-Universum des Films passen und weit eher der Dickschen Psychedelik entlehnt sind. Sogenannte »Taschenuniversen«, drogeninduzierte andere Dimensionen, erinnern deutlich an Dicks Romane, ebenso wie sprechende Wecker und ein Koffer mit der Persönlichkeit von Roy Batty. Sarah Tyrell erlebt dagegen eine waschechte Geisterhaus-Geschichte an Bord eines in den Tiefen des Ozeans versunkenen Raumschiffes, die wiederum eher filmische Vorbilder hat.

Wie schon beim ersten Teil kommt die Geschichte nur langsam ins Rollen. Jeter lockt seine Leser durchaus geschickt auf einige falsche Fährten. Die Handlung des Romans ist streckenweise redundant - hier scheint Jeter den Versuch zu unternehmen, sein Thema in der Struktur zu reflektieren. Gegen Ende kommt es zu einer mehrfachen Wiederholung der Konfrontation zwischen Sarah und Deckard - solange, bis diese endlich zu ihrem vorgesehenen Ende findet. Stilistisch und thematisch ist Nacht der Replikanten ambitionierter als Deckards Weg. Das ist aber auch die Schwäche des Romans: denn obgleich Jeter zweifellos ein guter Autor ist, ist er doch nicht gut genug, um die Selbstbezüglichkeiten seiner Geschichte nahtlos in die Geschichte selbst zu integrieren. Die Wiederholungen, die zuweilen durchaus alptraumhafte Effekte erzeugen, schmälern andernorts den Lesegenuss.

Beiden Romanen kommt zugute, dass sie sich auf die Figur Deckards konzentrieren. Der zynische, wortkarge Killer und Ermittler, den es immer weiter nach unten zieht, knüpft voll und ganz an den Film an. Jeter verleiht der Figur sogar ein wenig zusätzliche Tiefe. Die großen Geschichten über rebellierende Replikanten und Regierungsverschwörungen, die Jeter anreißt, bleiben letztlich im Dunkeln und treten hinter die Auswirkungen zurück, die sie auf Deckard haben.

Blade Runner - Die Rückkehr kann damit durchaus in der Liga »richtiger« Science-Fiction-Romane mitspielen, wenn man diese von Film- und Serienbegleitromanen wie Star Trek und Star Wars abgrenzt (für die der Autor übrigens ebenfalls Titel beigesteuert hat). Pflichtlektüre ist das Buch freilich nicht. Im englischen Original ist übrigens bereits 2001 ein dritter Blade-Runner-Roman von Jeter erschienen.

• Jakob Schmidt • ALIEN CONTACT

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Originalausgaben
K. W. Jeter, Blade Runner - The Edge of Human (1995)
K. W. Jeter, Blade Runner - Replicant Night (1996)
Deutsche Erstveröffentlichung
K. W. Jeter, Blade Runner - Die Rückkehr
(München: Heyne Verlag, 2004) [06/6468] Bestellen
Aus dem Englischen von Michael Nagula, Titelillustration von Jürgen Rogner, 688 Seiten
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