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Stephen King

Im Kabinett des Todes

Everything's Eventual • 2002

Science Fiction > Alien Contact
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Stephen King ist reifer geworden - sowohl stilistisch als auch thematisch. Ob dem Leser das gefällt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Im Kabinett des Todes hat kein durchgehendes Konzept, sondern vereinigt 14 kürzere und längere Texte, die sich in den letzten Jahren angesammelt haben. Doch der eifrige King-Leser und -Sammler wird ein Gutteil der Geschichten bereits kennen, denn mehr als die Hälfe des Buches (330 von 582 Seiten) ist bereits in anderen Publikationsformen auf Deutsch erschienen. So gab es die ursprünglich als eBook angebotene Geschichte »Achterbahn« schon als einzelnes Büchlein mit riesiger Schrift beim Ullstein-Verlag, die drei längeren Erzählungen »Im Kabinett des Todes«, »Lunch im Gotham Café« und »1408« sind 1999 als Hörbuch-Erstveröffentlichung Blut und Rauch erschienen, »L.T.s Theorie der Kuscheltiere« wurde 2002 ebenfalls als Hörbuch produziert, der Kurzroman »Die Kleinen Schwestern von Eluria« war in der von Robert Silverberg herausgegebenen Fantasy-Anthologie Der 7. Schrein enthalten, und »Der Straßenvirus zieht nach Norden« konnte man bereits in der Bestseller-Anthologie 999. Festmahl des Grauens von Al Sarrantino lesen.

Während die amerikanische Originalausgabe den klangvollen Titel Everything’s Eventual trägt, wollte Ullstein offensichtlich lieber das Horror-Image des Autors nutzen und titelte das Buch kurzerhand zu Im Kabinett des Todes um. Durchaus zu Recht, denn tatsächlich handelt es sich um eine Horror-Storysammlung, deren Bandbreite von der stimmungsvollen Erzählung bis zum comicartigen Schockeffekt reicht.

»Autopsieraum vier« ist eine schnörkellose Geschichte, in der ein Mann in einem Autopsieraum zu sich kommt und feststellen muss, dass er vollkommen bewegungsunfähig ist. Die Ärzte halten ihn für tot und wollen die genaue Todesursache feststellen, indem sie ihn aufschneiden. King schildert die Ängste des Mannes ausführlich, doch da die Story in der Ich-Form geschrieben wurde, kann man bereits am Anfang erahnen, wie sie enden wird.

»Der Mann im schwarzen Anzug« ist die schönste und stimmungsvollste Geschichte des Buches. Ein kleiner Junge geht erstmals mit seiner neuen Angel allein auf Fischfang und trifft tief im Wald auf den Teufel, der einen schwarzen Anzug trägt. Der Teufel jagt dem Kind einen gehörigen Schrecken ein, viel mehr geschieht auf den über 30 Seiten nicht. Auch wenn King den Text als »recht banales Volksmärchen« bezeichnet, ist er doch erzählerisch hervorragend umgesetzt. Ganz zu Recht erhielt der Autor dafür den O. Henry Award, der alljährlich für die besten amerikanischen und kanadischen Erzählungen vergeben wird, die in Magazinen erschienen sind.

»Alles, was du liebst, wird dir genommen« ist der zweite Höhepunkt des Bandes. Ein Vertreter für Fertiggerichte, der als Hobby während seiner Überlandfahrten auf Raststätten intelligente Klosprüche sammelt, ist so einsam und mit seinem Leben unzufrieden, dass er sich selbst umbringen will. King schildert die Einsamkeit des Mannes sehr eindringlich.

»Der Tod des Jack Hamilton« und »Im Kabinett des Todes« sind nicht sonderlich gelungen. Während King in der ersten Geschichte vergeblich versucht, eine Gangsterbande zu charakterisieren, spielt die zweite in der Folterkammer eines mittelamerikanischen Staates und hat einen mehr als unglaubwürdigen Schluss.

»Die Kleinen Schwestern von Eluria« ist die Vorgeschichte zu Kings Fantasy-Zyklus Der Schwarze Turm. Roland, der letzte Revolvermann, verfolgt den Mann in Schwarz. Als er die Stadt Eluria erreicht, wird er von Mutanten überwältigt. Die titelgebenden Kleinen Schwestern pflegen ihn, doch sie haben böse Absichten. - Obwohl hervorragend geschrieben, ist diese Geschichte sicher nicht jedermanns Geschmack. Leser der Dark-Tower-Serie werden sich zwar freuen, eine neue Story zu lesen, neue Erkenntnisse über Ronald und den Schwarzen Mann enthält der Text jedoch nicht.

»Alles endgültig« erzählt von einem jungen Mann, der die Gabe hat, durch schriftlich festgehaltene Beschwörungsformeln andere Menschen zu töten. Eine Organisation, deren wahre Motivationen der junge Mann nicht kennt, kommt für seinen Unterhalt auf. Die Naivität des Jungen und die späte Erkenntnis seiner eigenen Untaten wirkten leider nicht sonderlich glaubhaft.

»Der Straßenvirus zieht nach Norden« ist Kings Version von Das Bildnis des Dorian Gray. Ein Schriftsteller kauft ein Bild, das sich auf gespenstische Weise verändert.

»Dieses Gefühl, das man nur auf französisch ausdrücken kann« - gemeint ist Déjà vu - ist eine stilistisch hervorragende Kurzgeschichte über eine Frau, die eine bevorstehende Katastrophe vorausahnt.

»1408« und »Achterbahn« sind zwei nicht sehr phantasievolle, jedoch erstklassig erzählte Gespenstergeschichten.

Zu beeindrucken weiß King mit »Lunch im Gotham Café«. Die Geschichte erzählt, wie das Leben eines Mannes komplett aus den Fugen gerät, als sich seine Frau von ihm scheiden lassen will. Er trifft sich mit ihr und ihrem Anwalt im Gotham Café, wo einer der Kellner Amok läuft und ein Blutbad anrichtet.

»Der Glüggsbringer« ist schließlich die unspektakuläre Abschlussgeschichte des Buches, die von einem Zimmermädchen eines Hotels erzählt wird, das für seine beiden Kinder sorgen muss und zum ersten Mal im Leben »Glügg« hat.

Interessanterweise zeigt sich, dass King mit den Erzählungen, die ohne vordergründige Schockeffekte auskommen, mehr überzeugen kann. Viele Texte sind nicht, wie man es sonst von King gewohnt ist, bis in die letzte Konsequenz durchdacht. Stellenweise hat man den Eindruck, dass der Autor die Lust an den eigenen Geschichten verloren hat oder sie in zu kurzer Zeit schreiben musste. Als Lesefutter ist Im Kabinett des Todes hervorragend geeignet, jedoch ist es mit Sicherheit nicht Kings bester Erzählungsband.

Hardy KettlitzALIEN CONTACT

Originalausgabe
Stephen King, Everything’s Eventual
(New York: Scribner, 2002)
dt. Erstausgabe
Stephen King, Everything’s Eventual
(München: Ullstein, 2003) Bestellen
dt. von Wulf Bergner, Joachim Körber, Hedda Pänke, Jochen Schwarzer und Jochen Stremmel, 582 Seiten, Hardcover
Leser-Service:
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