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Boris Koch

Der adressierte Junge

Originalausgabe • 2005

Science Fiction > Alien Contact
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Sebastian hat von seinem Vater eine Briefmarke und eine Adresse in Kanada auf die Stirn tätowiert bekommen. Und wenn er nicht brav ist, dann wird ihn sein Vater fesseln und knebeln, zur Post bringen und an den bösen Piraten James Gunn verschicken, der große und kleine Jungen foltert. Und so ist Sebastian brav. In seinem Leben ist es vollkommen normal, dass seine Schwester nichts mehr isst, weil sie sich vor dem Vater fürchtet, die Mutter regelmäßig misshandelt wird und der Vater den ganzen Tag entweder vor dem Fernseher sitzt oder seine Familie schikaniert. – Was hier zunächst wie eine skurrile Fantasygeschichte beginnt, entwickelt sich zu einer Horrorvision des alltäglichen häuslichen Schreckens in einer kaputten Familie. Und trotz ihrer Kürze – der Text ist nur fünf Seiten lang – gehört diese Geschichte zu den besten Horrorgeschichten der letzten Jahre. Denn der Horror ist keineswegs imaginär, wie in Vampir- oder Monstergeschichten, sondern vorstellbar und alltäglich.

Der schmale Erzählungsband Der adressierte Junge enthält fünf Geschichten, an denen sich die Entwicklung von Boris Koch als Autor ablesen lässt. Zwei der Geschichten, und zwar »Todestag« und »Poteideita«, sind bereits acht Jahre alt und in anderen Publikationen erschienen, wobei der Autor sie stark bearbeitet bzw. neu geschrieben hat. In »Todestag« geht es um den Wunsch eines Okkultisten, den Tod zu besiegen, »Poteideita« ist eine stimmungsvolle, eher handlungsarme Geschichte über einen geheimnisvollen Ort in Griechenland. Beide Geschichten sind solide erzählt, interessant umgesetzt, kommen jedoch nicht so recht auf den Punkt. Sie sind Beispiele für den »alten« Boris Koch, der sein Publikum gut zu unterhalten weiß. »Der adressierte Junge« und »Die Mutter der Tränen« jedoch sind zwei Erzählungen, die den »neuen« Boris Koch zeigen, einen Autor, der sich erzählerisch sehr viel weiter entwickelt hat und dem man spätestens seit seinem exzellenten Erzählungsband Dionysos tanzt große Beachtung schenken sollte. Während »Der adressierte Junge« sich – wie oben beschrieben – mit den Schrecken in der Familie beschäftigt, thematisiert »Die Mutter der Tränen« die Schrecken, die eine Familie durch fremde Einflüsse erleidet. Ein Familienvater muss nicht nur erdulden, wie sein kleiner Sohn einem grausamen Verbrechen zum Opfer fällt, sondern muss mit ansehen, wie die Familie danach auseinander bricht. Tochter, Ehefrau und schließlich er selbst leiden unter Visionen einer erotischen Madonna, die sich am Schmerz der Menschen labt. – Auch hier ist Boris Koch wieder besonders lesenswert, wenn er sich mit Ausnahmesituationen des täglichen Lebens befasst.

Leider sind die äußere Gestaltung des Buches und die Typographie nicht sonderlich ansprechend, der Inhalt jedoch lohnt die Anschaffung auf jeden Fall.

Hardy KettlitzALIEN CONTACT

Originalausgabe
Boris Koch: Der adressierte Junge (Augsburg: Eloy Edictions, 2005)
Titelbild von David Magitis, Paperback, 102 Seiten
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