| Sebastian hat von seinem Vater eine Briefmarke und eine Adresse in Kanada auf
die Stirn tätowiert bekommen. Und wenn er nicht brav ist, dann wird ihn sein Vater
fesseln und knebeln, zur Post bringen und an den bösen Piraten James Gunn verschicken,
der große und kleine Jungen foltert. Und so ist Sebastian brav. In seinem Leben ist es
vollkommen normal, dass seine Schwester nichts mehr isst, weil sie sich vor dem Vater
fürchtet, die Mutter regelmäßig misshandelt wird und der Vater den ganzen Tag entweder
vor dem Fernseher sitzt oder seine Familie schikaniert. Was hier zunächst wie eine
skurrile Fantasygeschichte beginnt, entwickelt sich zu einer Horrorvision des
alltäglichen häuslichen Schreckens in einer kaputten Familie. Und trotz ihrer Kürze
der Text ist nur fünf Seiten lang gehört diese Geschichte zu den besten
Horrorgeschichten der letzten Jahre. Denn der Horror ist keineswegs imaginär, wie in
Vampir- oder Monstergeschichten, sondern vorstellbar und alltäglich. Der schmale
Erzählungsband Der adressierte Junge enthält fünf Geschichten, an denen sich
die Entwicklung von Boris Koch als Autor ablesen lässt. Zwei der Geschichten, und zwar
»Todestag« und »Poteideita«, sind bereits acht Jahre alt und in anderen Publikationen
erschienen, wobei der Autor sie stark bearbeitet bzw. neu geschrieben hat. In »Todestag«
geht es um den Wunsch eines Okkultisten, den Tod zu besiegen, »Poteideita« ist eine
stimmungsvolle, eher handlungsarme Geschichte über einen geheimnisvollen Ort in
Griechenland. Beide Geschichten sind solide erzählt, interessant umgesetzt, kommen jedoch
nicht so recht auf den Punkt. Sie sind Beispiele für den »alten« Boris Koch, der sein
Publikum gut zu unterhalten weiß. »Der adressierte Junge« und »Die Mutter der
Tränen« jedoch sind zwei Erzählungen, die den »neuen« Boris Koch zeigen, einen Autor,
der sich erzählerisch sehr viel weiter entwickelt hat und dem man spätestens seit seinem
exzellenten Erzählungsband Dionysos tanzt
große Beachtung schenken sollte. Während »Der adressierte Junge« sich wie oben
beschrieben mit den Schrecken in der Familie beschäftigt, thematisiert »Die
Mutter der Tränen« die Schrecken, die eine Familie durch fremde Einflüsse erleidet. Ein
Familienvater muss nicht nur erdulden, wie sein kleiner Sohn einem grausamen Verbrechen
zum Opfer fällt, sondern muss mit ansehen, wie die Familie danach auseinander bricht.
Tochter, Ehefrau und schließlich er selbst leiden unter Visionen einer erotischen
Madonna, die sich am Schmerz der Menschen labt. Auch hier ist Boris Koch wieder
besonders lesenswert, wenn er sich mit Ausnahmesituationen des täglichen Lebens befasst.
Leider sind die äußere Gestaltung des Buches und die Typographie nicht sonderlich
ansprechend, der Inhalt jedoch lohnt die Anschaffung auf jeden Fall.
Hardy
Kettlitz ALIEN CONTACT
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