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| Der Planet Solaris ist in einer nicht näher bestimmten Zukunft das größte
Rätsel der Wissenschaft. Kris Kelvin, ein »Solarist«, trifft zu Beginn des Romans auf
der Forschungsstation über der Planetenoberfläche ein. Die Oberfläche - das ist ein
riesiger Ozean, der ein Eigenleben besitzt und aus seiner zähen Materie gewaltige,
scheinbar sinnlose Formen ausbildet. Manche halten diese Formen für den Ausdruck einer
Intelligenz, manche betrachten sie als zufällige Phänomene. Die beiden anderen
Wissenschaftler an Bord der Station bereiten Kelvin einen seltsamen Empfang - der kurz
zurückliegende rätselhafte Tod ihres Kollegen Gibarian scheint sie kaum zu betreffen.
Stattdessen werden sie voll und ganz von ihren »Gästen« in Anspruch genommen, die sie
scheinbar ebenso sehr schätzen wie fürchten. Und es dauert nicht lange, bis auch Kelvin
zum ersten Mal Besuch von einem solchen »Gast« erhält ... Das Werk des mittlerweile 81jährigen polnischen Schriftstellers und Philosophen Stanislaw Lem füllt mehrere Regalmeter - und nur ein Teil davon ist Science Fiction. Doch selbst für diesen Bruchteil ist es nahezu unmöglich, ein einziges Werk auszuwählen, das Lems Bandbreite auch nur annähernd repräsentiert. Wenn man es dennoch tun müsste, würde man sich wohl für Solaris entscheiden. Die Heyne-Ausgabe in der Reihe »Meisterwerke der SF« trägt dem nicht nur mit ihrer gewohnt schönen Gestaltung Rechnung, sondern auch mit einem Vorwort von Ursula K. LeGuin und einem Nachwort von Erik Simon, das einen guten Überblick über das Leben und Schaffen Lems gibt. Es erübrigt sich beinahe, die Vorzüge des Romans selbst zu preisen: Als Hard-SF ist Solaris ist auch 34 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch überzeugend. Die Geschichte ist ungemein spannend. Und obwohl die Handlung aus der Ich-Perspektive erzählt wird, bewahrt Lem die für seine wissenschaftlicheren Romane typische Kühle und kritische Distanz, mit der er den Leser gleichsam zwingt, einen Schritt zurückzutreten, um über das Gelesene nachzudenken. Hier zeigt sich auch die Eigenschaft, die Lems gesamtes schriftstellerisches Schaffen durchzieht, egal, ob man sich mit seinen Essays, seinen humorvollen Erzählungen oder eben der »ernsthaften« SF befasst: seine prinzipiell gesellschaftskritische Haltung. In Solaris tritt diese Haltung subtil als Wissenschafts- und Erkenntniskritik in Erscheinung. Das Thema des Romans ist sowohl die Unmöglichkeit, etwas unvoreingenommen zu betrachten, als auch das Streben nach der eben deshalb unmöglichen »letzten Erkenntnis« - eine Kombination, die nicht nur in der »Solaristik« dazu führt, dass das Fremde immer nach den eigenen Maßstäben zurechtgestutzt wird. Die Mimikry-Eigenschaften des außerirdischen Ozeans verdeutlichen dieses Thema: Für die Forscher der »Solaristik« ist ihr Gegenstand reine Projektionsfläche. Das Fremde wird streng wissenschaftlich stereotypisiert und kategorisiert, doch seine Kartographen finden darin letztlich nur das, was sie selbst mitbringen. Solaris kritisiert, wenn auch nicht ohne Sympathien, eine wissenschaftliche Praxis, die nur die Sprache ihrer eigenen Hegemonie kennt und folglich am Versuch echter Kommunikation mit ihrem Gegenüber scheitern muss. Kennzeichnend für dieses streng hegemoniale Konzept von Wissenschaft ist, wie LeGuin in ihrem Vorwort zu dieser Ausgabe hervorhebt, das völlige Fehlen von Frauen. Überhaupt tauchen weibliche Personen bei Lem auffälligerweise immer als das (zumeist beängstigende) »Andere« auf - in den seltenen Fällen, in denen sie überhaupt vorkommen. Anstatt Lem seine misogyne Einstellung zum Vorwurf zu machen (was sicher berechtigt wäre), weist Le Guin jedoch auf das möglicherweise unfreiwillige kritische Potential dieser Formation hin. Ein zentraler Aspekt der sich als unparteiisches Subjekt wähnenden Wissenschaft, die in Solaris ironisch vorgeführt wird, ist eben ihre enge Verknüpfung mit patriarchalen Herrschaftsansprüchen. Es ist zu bezweifeln, dass Lem selbst diese antipatriarchale Kritik mitgedacht hat, insbesondere, wenn man sich seine anderen Werke ansieht - dennoch materialisiert sie sich in der Thematik des Romans fast zwangsläufig. Obwohl Lem seit 1987 keine Zeile Science Fiction mehr verfasst hat, und obwohl er sich niemals als Science-Fiction-Autor im eigentlichen Sinne betrachtet hat, ist sein (oft verdeckter) Einfluss auf das Genre ungebrochen (insbesondere ist hier der humorvolle und von Solaris stilistisch vollkommen verschiedene Roman Der futurologische Kongress hervorzuheben, der zentrale Motive des Cyberpunk um gut zehn Jahre vorwegnimmt). Solaris vereint einen Großteil der Aspekte, die Lems überragende Position rechtfertigen. Nicht von ungefähr war der Roman auch die Vorlage für den gleichnamigen Film (1972) von Andrej Tarkowski, der das russische Science-Fiction-Kino über lange Zeit definieren sollte. Die Verfilmung greift den persönlichen Konflikt des Helden Kelvin stärker auf, vertieft die teilweise psychoanalytische Bildsprache des Romans, lässt aber die wissenschaftskritischen Aspekte eher außen vor. Die amerikanische Neuverfilmung von James Cameron und Steven Soderbergh, die in den USA am 27. November 2002 anlief, scheint diese Tendenz zu verstärken (so erklärte Soderbergh in einem Interview, dass es sich eigentlich um eine »Liebesgeschichte« handele, die zufällig im Weltraum spiele). Obwohl auch diese »psychologischen« Aspekte von Solaris lesens- und verfilmenswert sind, ist es schade, dass der wissenschaftskritische Kern des Buches in seiner Rezeption allzu oft verschwindet. Jakob Schmidt ALIEN CONTACT
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