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| Das schwedische Unikum und Multitalent Sam J. Lundwall konnte
neben seiner beispielhaften Tätigkeit als Herausgeber von Science-Fiction-Magazinen und
einer phantastischen Buchreihe auch als Autor überzeugen. Neben seinen vielen
informativen Sachbüchern gelten heute die meisten seiner Texte als Humoresken, doch aus
seiner Feder stammen auch zwei dunkle, bitterböse Romane: 2018 oder Der King Kong
Blues und Fängelsestaden oder, wie Herbert W. Franke auf
Deutsch übersetzt, Die Gefängnisstadt. Diese Geschichte weist neben ihren
brutalen Zügen, die auf Bildern des Italieners Piranesi basieren, mehr gotische Züge
auf. Der erste Text ist aus heutiger Sicht eine glänzende, stimmungsvolle Satire auf die
Vorzeigegesellschaft Schweden schlechthin. Der einfache Kern dieses Romans ist die Suche eines Mannes nach einer Frau. Der Kontakter Erik Lenning erhält von seinem Chef Leonard Knockenbergh, dem absoluten Beherrscher der Werbeagentur Inter-Aid, den Auftrag, die inzwischen achtzehnjährige Anniki zu suchen. Sie war das erste Baby des neuen Jahrtausend und soll als Modell für ein neues Deo eingesetzt werden. Der unmögliche Auftrag beweist, wie genau Lundwalls erfundene und perfide Gesellschaft der Realität des 21. Jahrhunderts gleicht. Eine ganze mächtige Industrie schafft Ikonen und vermarktet Produkte, um sich selbst zu ernähern. Doch wie viele tausend oder hunderttausend - Schweden ist Anniki durch die staatlichen Kontrollnetze geschlüpft und lebt als Unperson und Prostituierte. Schon im Aufbau seines utopischen Gebildes nutzt Lundwall die Presse- und Medienlandschaft. Es finden sich alleine vier Seiten mit Quellen zu den unterschiedlichsten bizarren und damals in der Presse erschienenen Meldungen. Aus deutscher Sicht die Bekannteste: Bei einer Show im Deutschen Fernsehen wäre unter der Leitung von Dietmar Schönherr am 27. März 1971 eine Kandidatin beinahe ertrunken, und die Nation sah gebannt zu. Kurze Zeit später flimmerte in Anspielung auf diese Situation und basierend auf einem Roman von Robert Sheckley der Film Das Millionenspiel über die Bildschirme. Doch Lundwalls satirische Dystopie greift über diese Situationen hinaus: Die Mafia setzt Atombomben ein, die aus jährlich aus den Meilern verschwindendem Uran hergestellt werden. Jede Terrororganisation, die etwas auf sich hält, muss zumindest eine Bombe haben. Ein gelangweilter Scheich, der durch 600 Milliarden Barrel Erdöl der wirtschaftliche Herrscher der Welt ist, verschickt Arbeiter von einer Woche auf die andere nach Sibirien. Während in Lundwalls Vision die Arbeiter noch zwischen Umzug und Arbeitslosigkeit wählen können, bleiben sie heute daheim und ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft zurück. Voller Stolz hilft Knockenbergh seinem verzweifelten Spürhund, indem er seine Beziehungen spielen lässt und alle, wirklich alle Informationen über Annikis bekanntes Umfeld aus den Computern zieht. Die hier praktizierte Überwachung ist realistischer als George Orwells Vision. Die Unfähigkeit der staatlichen Organe, positiven Nutzen aus der Transparenz der Daten zu ziehen, unterstreicht der Autor mit der süffisanten Bemerkung, dass Millionen von Kundendaten von staatlichen Organen für einen lächerlich geringen Preis unwiederbringlich an ein Marktforschungsunternehmen verkauft worden sind. Die Gesellschaft hat sich in Kontaktarmut und staatlicher Kontrolle isoliert und destabilisiert. Nur solange die Ausgestoßenen verschämt in ihrem Abseits bleiben, funktioniert oberflächlich das Gebilde Staat mit seiner kleinen multinationalen Gruppe mächtiger Konzerne, von denen die Politik bestimmt wird. Ein Aufstand des Subproletariats könnte jegliche Ordnung beseitigen und die Welt in den Abgrund stoßen. Nicht umsonst hält ein gelangweilter und auf alten Traditionen beharrender Scheich inzwischen eine Macht in Händen, um die in unserer Realität knappe dreißig Jahre nach diesem Buch entsetzliche als Glaubenskriege getarnte Auseinandersetzungen stattfinden werden: das Öl. Der Roman entstand sicherlich nicht zuletzt unter dem Eindruck der Ölkrise und den ersten Rissen im Fortschrittsglauben. Der Autor hat den Mut, insbesondere den aufkommenden schwedischen Sozialstaat mit seiner Vollkaskomentalität aufs Korn zu nehmen. Grotesk sind die Extrapolationen. Detailliert und mit einem feinen Gespür für die gefährlichen Unterströmungen nach außen so stabiler Gesellschaften wie Schweden oder Japan zerlegt er sie in ihre Einzelteile und zeigt schonungslos und offen den Krebs, der unter dem strahlenden Angesicht wächst und gedeiht. Außenstehenden offenbart sich dieser nur beim nächsten sinnlosen Politikermord oder spektakulären Gesichtsverlust eines ehrenwerten Mannes. Sowohl Brian Stableford in einer ausführlichen Kritik als auch Herbert W. Franke in seinem informativen Nachwort stellen die Frage, ob es Lundwall Spaß gemacht hat, ein so deprimierendes Buch zu schreiben, beziehungsweise, ob es dem Leser Spaß macht, ein so deprimierendes Buch zu lesen. Auch wenn viele diese These entrüstet zurückweisen, es macht Spaß, diesen Roman zu lesen. Es macht Freude, die einzelnen Andeutungen Lundwalls auf unsere Wirklichkeit zu übertragen und zu erkennen, wie genau er die westlichen Gesellschaften beobachtet hat, und es ist wichtig, zu erkennen, dass die Ideale, die manche noch in sich tragen, nichts als Illusionen sind. Doch Lundwall bietet keine Lösungen an. Das ist nicht die Aufgabe des Hofnarren, über den alle herzlich lachen können. Ganz bewusst spielt der Autor mit den Rollenklischees hartherziger Kapitalist und Hure mit einem Herzen aus Gold und tauscht die Funktionen gegeneinander aus. Der Kontakter Lenning hat sich mit Haut und Haaren verkauft und ist die Hure geworden, während Anniki in ihrer Isolation einen Hauch von Anstand behalten konnte. Am Ende löscht die wahre Liebe für einen Augenblick das dunkle kapitalistische Herz aus. Es ist jedoch kein Happy End, sondern nur eine Momentaufnahme. 2018 ist der Gegenwart näher denn je. Die Unterschiede sind nur noch marginal. Und das macht eine Neuentdeckung dieses fesselnden, frechen und die Genregrenzen überschreitenden Buches nicht nur wünschenswert, sondern notwendig. Thomas Harbach ALIEN CONTACT |
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