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Jack McDevitt

Die Sanduhr Gottes

Deepsix • 2001

Science Fiction > Alien Contact
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Der zweite Roman von James Tiptree jr., Brightness Falls From the Air, spielt auf einem einsamen Planeten, dessen Sonne zu einer künstlichen Nova wird, weil eine Rakate eines längst vergessenen Krieges ihr Licht in naher Zukunft auslöschen wird. Sechzehn Menschen haben sich aus unterschiedlichen Motiven versammelt, um dieser letzten Sonnenfinsternis zuzusehen. Jack McDevitts Roman Deepsix (der deutsche Titel ist poetischer und schöner) könnte die Abenteuervariante des tiefsinnigen und pessimistischen Abschiedgeschenks Tiptrees sein.

Die Sanduhr Gottes spielt im gleichen Universum wie Gottes Maschinen, und auch die Heldin ist die gleiche. Zwischen den beiden Büchern liegen eine Reihe von Romanen, in denen sich McDevitt als Autor abenteuerlicher, aber geradlinig spannend erzählten Geschichten etabliert hat. Er ist kein Autor, der haufenweise Preise in die Wiege gelegt bekommen wird, aber jemand, zu dessen Romanen man gerne greift und der es versteht, seine Leser zu fesseln. Sein letzter Roman Slow Lightning wies Passagen auf, bei denen dem Betrachter im wahrsten Sinne des Wortes die Luft wegblieb.

Im Jahr 2223 steht das Schicksal von MALEIVA III - besser bekannt als DEEPSIX - unverrückbar fest. Der Planet liegt in der Flugbahn des wandernden Gasgiganten Morgan´s Welt, und die Wissenschaftler warten seit mehr als 27 Jahren auf den Augenblick der Kollision (dieses jahrzehntelange Warten steht auch im Mittelpunkt von Tiptrees Roman). Der Wissenschaftsrat entsendet das Raumschiff WENDY JAY mit einigen Wissenschaftlern an Bord, um das Ereignis zu beobachten und für die Nachtwelt zu katalogisieren. Zusammen mit der WENDY JAY kommt das Vergnügungsschiff EVENING STAR in dem Sonnensystem an. Die Passagiere haben ein Vermögen dafür gezahlt, die Zerstörung mitzuerleben, natürlich umringt von den Köstlichkeiten des Universums, die für Geld zu haben sind.

In letzter Sekunde kommt die wissenschaftliche Gemeinde auf den Gedanken, den zum Tode verurteilten Planeten noch zu erforschen, denn er gehört zu den wenigen Welten, die außerhalb der Erde »Leben« beherbergen. Die Pilotin Pricilla »Hutch« Hutchins soll die Mission leiten, doch wie so oft geht vom Moment der Landung an alles schief und die Uhr tickt unaufhaltsam der Kollision entgegen.

Neben der Archäologie steht im Mittelpunkt vieler Romane von Jack McDevitt eine Legende. Die Legende von Christopher Sims dreht sich um einen Kriegshelden und die Verzerrung der Wirklichkeit, in Die Straße suchen die Helden nach einem Atomkrieg nach einem geheimen Bunker, in dem das Wissen der Menschheit aufbewahrt wird. In Die Sanduhr Gottes verwächst die Faszination und die morbide Freude am Untergang mit wissenschaftlicher Forschung zu einer unwirklichen Geschichte, die für die Protagonisten alptraumhafte Dimensionen annimmt und mehr und mehr den Stoff zukünftiger Legenden bildet. Dabei wirkt besonders die ruhige, besonnene Art von »Hutch« kombiniert mit einem ausgeprägten Selbstbewußtsein als Turm in der Schlacht (sie schreibt an ihrer eigenen Legende als zukünftiger weiblicher Indiana Jones ohne Peitsche und Schlapphut).

Natürlich muss zugegeben werden, dass Jack McDevitt ein Spannungsautor per excellence ist, sein Roman sind »page turner« und oft dreht er die Spannungsschraube bis zum Zerreißen an, bevor er sie in einem atemberaubenden Höhepunkt auflöst. In Die Sanduhr Gottes überschlägt sich die Handlung auf den letzten dreißig oder vierzig Seiten noch einmal, und das nach mehr als sechshundert Seiten. Dabei braucht sich der Leser bis auf wenige wissenschaftliche Ausdrücke weder anstrengen noch sonderlich konzentrieren, doch die Schilderung des Überlebenskampfes - von der Zerstörung der beiden Lander durch Erdbeben bis zur »Sammlung« der verstreuten Besatzungsmitglieder - geht an die Grenzen des Erträglichen, und nicht selten setzt McDevitt den Kampf des Einzelnen metaphysisch mit dem Überleben einer Spezies gleich. Dabei zieht er keine Grenzen zwischen Menschen und Aliens.

Während James Tiptrees Roman die intellektuelle Lösung darstellt, geht McDevitt die Handlung von einer anderen Seite an. Dabei greift er weit in die Zeit zurück, und zwar in eine Zeit, bevor die »Space Opera« als barocke Oper durch Autoren wie M. John Harrison, Allistar Reynolds und natürlich Iain M. Banks wiedergeboren worden ist. Der Autor erinnert an einen frühen Larry Niven, oder besser noch, an einen würdigen Nachfolger Larry Nivens, denn wie kaum ein zweiter lebender Autor kann McDevitt die Actionssequenzen mit dem »sense of wonder« der Science Fiction verbinden. Der Leser staunt bei der Entdeckung der Artefakte der Aliens, deren Heimat DEEPSIX war (schon in Gottes Maschinen hatten die Ausgrabungen einen bleibenden Eindruck hinterlassen, hier übertrifft sich der Autor und lässt die »Reise in der Zeit« als märchenhafte Odyssee in einen fremden Organismus erscheinen), oder noch mehr bei den High-Tech-Produkten, die verschiedene Besucher hinterlassen haben (Picknick am Wegesrand als Hollywoodmetapher).

Im Rahmen dieser Sequenzen bleiben die Protagonisten - bis auf Hutch - deutlich zurück; oft sind sie nur Schemen, auf deren kurzer Auftritt gleich ein Abgang folgt. Auch die politischen Entwicklungen wirken aufgesetzt, simpel oder fast schon naiv (ein Fehler, den McDevitt seit seinem überarbeiteten Erstling Erstkontakt oft unterläuft). Im Kern jedoch findet der Leser hier einen Spannungsroman reinsten Wassers, der nicht auf die simple Schwarzweißmalerei der Military SF zurückgreifen muss oder sich in philosophischen Ergüssen ergeht, die weder die Protagonisten noch die Leser weiterbringt. Hinzu kommt, dass der Roman die richtige Länge hat (keine Trilogie in Sicht, auch wenn inzwischen drei oder vier Romane im gleichen Universum spielen) und seinen Leser einfach mitreißt.

• Thomas Harbach • ALIEN CONTACT

Deutsche Erstausgabe
Jack McDevitt, Die Sanduhr Gottes
(Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2004) [24321] Bestellen
Deutsch von Frauke Meier, Titelbild von Jim Burns, 685 Seiten
Siehe auch
Jack McDevitt: Chindi (Chindi • 2002)
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