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China Miéville

Die Narbe | Leviathan

The Scar • 2002

Science Fiction > Alien Contact
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Wie schon Perdido Street Station hat Bastei Lübbe auch China Miévilles dritten Roman auf zwei Bände aufgeteilt - die Kalkulation macht’s notwendig. Mit seinem Vorgänger Perdido Street Station (deutsch als Die Falter und Der Weber, übrigens mit dem Kurd-Lasswitz-Preis 2003 als bester ausländischer Roman ausgezeichnet) verbindet The Scar, so der Originaltitel, außer der gemeinsamen Hintergrundwelt und ein paar vereinzelten Bezugnahmen nicht viel.

Bellis Schneewein, Sprachwissenschaftlerin und Heldin von The Scar, verlässt ihre Heimatstadt New Crobruzon nur widerwillig und auf der Flucht vor den Behörden, um in den nördlichen Kolonien des Stadtstaats ein neues Leben als Dolmetscherin anzufangen. Im Bauch des Schiffes, mit dem sie reist, wird eine Ladung Remades gefangen gehalten - Gesetzesbrecher, die zur Strafe für ihre Übertretungen durch mechanische und biologische Manipulationen entstellt worden sind und nun als rechtlose Arbeitskräfte dienen sollen. Kaum aufgebrochen, nimmt das Schiff den Crobruzoner Agenten Silas Fennec auf, der das Schiff im Dienste einer geheimen Mission zum Umkehren zwingt. Bevor die Reisenden jedoch wieder im heimatlichen Hafen einlaufen, werden sie von Piraten der Stadt Armada gekapert - einem legendären, schwimmenden Moloch, der über Jahrhunderte hinweg aus gekaperten Schiffen zusammengewachsen ist. Bellis muss sich mit dem Gedanken anfreunden, New Crobruzon niemals wiederzusehen und fortan als Bürgerin von Armada zu leben. Für die sozial distanzierte, konservative Bellis erscheint diese Perspektive unerträglich. Gemeinsam mit Silas Fennec sucht sie nach einem Fluchtweg - und verstrickt sich dabei immer tiefer in die politischen Kämpfe Armadas. Die »Liebhaber«, dass unheimliche Herrscherpaar Armadas, benötigen Bellis Dienste als Übersetzerin, um ein ehrgeiziges magisches Projekt umzusetzen.

Dem Leser wäre kein Dienst getan, würde hier mehr über die Handlung verraten - The Scar lebt maßgeblich von der ständigen Ungewissheit darüber, was eigentlich vorgeht. Miéville gelingt es, nach jeder beantworteten Frage drei neue aufzuwerfen. Die größten Fragezeichen sind dabei die Bewohner Armadas selbst, die sich dem Leser ebenso als Rätsel darbieten wie der Heldin Bellis. In dem Versuch, ihrer Heimatstadt New Crobruzon treu zu bleiben, geht Bellis wechselnde und oft widersprüchliche Bündnisse ein. Außer ihr und dem Armada-treuen Remade Tanner Sack bleibt keine der Figuren lange das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Mühelos vollführt Miéville mit seiner Geschichte radikale Kurswechsel, die im Nachhinein immer schlüssig erscheinen. Zuweilen mutet The Scar beinahe parodistisch an, wenn die Lesererwartungen demonstrativ vorgeführt und dann gebrochen werden. Wie schon sein Vorgänger zitiert The Scar ausgiebig sämtliche Genres: Aus den Tiefen des Meeres steigt lovecraftscher Horror empor, die armadische Politik gleicht dagegen einem waschechten Spionagethriller. Die Remades bringen eine Spur Cyberpunk ins Spiel - wobei The Scar allerdings betreffs Schauplatz und Atmosphäre weit Fantasy- und Abenteuer-lastiger ist als Perdido Street Station. Kaum ein Klischee bleibt unangetastet. Besonders auffällig ist das bei der Art und Weise, in der Miéville Magie in den Roman einbringt: Sie erscheint nicht etwa als Gegenteil der Naturwissenschaften, sondern als inhärenter Bestandteil von ihr. Der phantastische Aspekt der Magie verschwindet dadurch nicht, eher wird er durch eine die Wissenschaften parodierende Dimension erweitert.

Auf dem ersten Blick ein Hochseeabenteuerroman mit starkem Horroreinschlag, entpuppt sich The Scar so als eines von vielen möglichen Büchern, die sich aus dem zahllosen Andeutungen und Handlungssträngen hätten entwickeln können - und bis ganz zum Ende ist man am Rätseln, mit welchem dieser Bücher man es eigentlich zu tun hat. Das Thema der »möglichen Welten« entpuppt sich schließlich auch als philosophischer Kern des Romans; man hängt den Anspruch des Buches nicht zu hoch mit der Behauptung, dass The Scar hier aktuelle erkenntnistheoretische Debatten aufgreift. Doch Miéville wäre nicht Miéville, wenn er es nicht verstünde, die Frage nach der Beschaffenheit von Wirklichkeit und Identität politisch zu wenden. Und so stellen wir gegen Ende fest, dass sich The Scar von Anfang an um individuelle und kollektive politische Handlungsfähigkeit gedreht hat.

Dieses Thema macht The Scar letztlich auch zu einem persönlicheren Roman als Perdido Street Station. Und das, obwohl die Einsätze in The Scar weit höher geschraubt werden. Aber anstatt sein gigantomanisches Szenario apokalyptisch einzulösen, konfrontiert Miéville uns mit einer letzten, gelassenen Wendung der Geschichte. In diesem Sinne hat The Scar durchaus eine Botschaft: gesellschaftliche Konflikte und Veränderungen sind letztlich nicht in den mythischen Begrifflichkeiten der Fantasy, sondern eben politisch zu denken.

The Scar ist ungemein spannend, stilistisch wegweisend und inhaltlich ein wahrer Lichtblick. Als Neuerfinder der Fantasy kann man Miéville schon jetzt getrost in eine Reihe mit Michael Moorcock stellen - wobei Miéville noch dazu ein weit sorgfältigerer Welten- und Plotkonstrukteur ist.

• Jakob Schmidt • ALIEN CONTACT

Originalausgabe
China Miéville, The Scar
(London: Pan Macmillan, 2002)
lieferbare engl. Ausgabe
China Miéville, The Scar
(New York: TOR Books, 2003) Bestellen
dt. Erstausgaben
• China Miéville, Die Narbe
(Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2004) [24320]Bestellen
dt. von Eva Eppers
• China Miéville, Leviathan
(Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2004) [24322]Bestellen
dt. von Eva Eppers
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