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China Miéville

Der Eiserne Rat

Iron Council • 2004

Science Fiction > Alien Contact
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Die Metropole New Crobuzon ist in Aufruhr, Streiks bringen die Produktion ins Stocken. Mit dem »Caucus« hat sich ein loses Bündnis politischer Dissidenten zusammengefunden, dass die oligarchischen Verhältnisse kippen und eine demokratische Wende einläuten will. Derweil überfällt der anti-xenianische Quiller-Mob die Wohnviertel der käferköpfigen Khepri. Soziale Revolte liegt in der Luft, aber auch Pogrom. Mit einem kleinen Trupp Gefährten verlässt der Caucus-Mitkämpfer Cutter seine Heimatstadt auf den Spuren seines Geliebten Judah Low, der seinerseits auf der Suche nach dem legendären »Eisernen Rat« ist. Diese Reise auf den Spuren eines Dampfzugs, der vor einem Jahrzehnt von Aufständischen gekapert und entführt wurde, führt ihn über die Grenzen der bekannten Welt hinaus. In New Crobuzon schließt sich der junge Revolutionär Ori derweil der gefürchteten Stadtguerilla von Toro an, die durch einen Mordanschlag auf den Bürgermeister die brodelnden Verhältnisse zur Explosion bringen will ...

Bei Miévilles Romanen versagen die Begrifflichkeiten des Genres: Zwar kann man feststellen, dass Der Eiserne Rat ein Roman ist, der gemeinsam mit seinen Vorgängern Die Falter/Der Weber und Die Narbe/Leviathan einen Zyklus bildet. Das Wort ist aber nicht im fantasytypischen Sinne endloser Fortsetzungen mit gleichen oder ähnlichen Figuren und linear aufeinanderfolgenden Handlungen in gleichbleibendem Erzählstil zu verstehen. Zwar spielen die drei genannten Romane auf der gleichen Fantasy-Welt, aber ihre Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein, und auch in seinen Erzähltechniken beschreitet Miéville in jedem Roman konsequent neue Wege. Während die beiden letzten Romane, die in und um New Crobuzon spielten, durch verschlungene, bildgewaltige Sprache zu beeindrucken wussten, gibt Der Eiserne Rat sich knapper und nüchterner – obwohl der Autor es sich auch hier nicht gänzlich untersagt, seine eigenwilligen Bilder und metaphernreiche Sprache zum Einsatz zu bringen.

Unter den immer deutlich erkennbaren Genre-Vorbildern Miévilles sticht diesmal am stärksten der Western heraus, was ihm bereits eine gewisse Kurzangebundenheit diktiert. Die transkontinentale Eisenbahn, Zocker mit gezinkten Karten, brutaler Kolonialismus – all diese Motive finden ihren Platz. Miévilles große stilistische Kunstfertigkeit beweist sich weniger in der Schöpfung ganz und gar neuer Bilder und Konzepte. Stattdessen eröffnet er ein ungeheuer breites, genreübergreifendes Panorama bekannter Motive. Der Großteil dieser vertrauten Motive und Schema wird im Laufe des Romans allerdings sorgfältig dekonstruiert oder brutal zertrümmert. Der Eiserne Rat ist keine feinsinnige Kunst, sondern gnadenlose Brachialphilosophie erster Güte, gewürzt mit einer ordentlichen Portion radikaler politischer Theorie. Es mag überraschen, dass Miéville gerade in politischen Belangen dem Westerngenre extrem viel abgewinnt. Tatsächlich handelt es sich bei Der Eiserne Rat um eine kritische Neuverhandlung des amerikanischen Traums, sich selbst und die Gesellschaft neu zu erfinden. Mit enormer Eindringlichkeit schildert er das Anliegen gesellschaftlicher Veränderung, dass sich mit der Idee der endlosen Bewegung in einen leeren, weiten Raum, in die »Frontier« verbindet – und konsequent absurd verbildlicht Miéville diesen Gedanken, indem er den alten Witz vom Zug, dessen Gleise hinten fortgenommen und vorne wieder angelegt werden, einfach ernst nimmt. Dabei lässt er einen spüren, dass die großen Ideen gesellschaftlichen Fortschritts, seien sie nun technizistisch, kommunistisch oder beides, eine extrem blutige Angelegenheit sind, deren Umsetzung oft weniger von historischen Gesetzmäßigkeiten und mehr vom extrem unwahrscheinlichen Aufeinandertreffen ungewöhnlicher Umstände abhängt.

Die Art, wie der Roman die verschiedenen Dimensionen des Kampfes um – sagen wir ruhig – die soziale Revolution behandelt, macht ihn beinahe zum Lehrstück: Für den jungen Ori kommt der politische Kampf einzig in der direkten militanten Aktion zum Ausdruck, was ihn zu einer Gegenfigur zu Judah Low macht. Judah, Mitbegründer des »Eisernen Rates«, bringt die Idee der politischen Bewegung zum Ausdruck: als Golemschöpfer verleiht er Materie Bedeutung, und als »Barde« macht er den endlosen Zug zum Symbol der Revolution. Die Unerbittlichkeit, mit der Judah die Vorgänge in ein symbolisches Schema pressen will, ist damit letztlich nicht weit entfernt von der geradezu religiösen Besessenheit des ausbeuterischen Großindustriellen Wrightby, der seinerzeit das Projekt der transkontinentalen Eisenbahn begonnen hat. Das emotionale Zentrum der Geschichte ist jedoch Cutter, der von einer hilflosen, halb abgestoßenen, halb hungernden Faszination für Judah durch die Ereignisse getrieben wird.

Letztlich erfüllt keine dieser Figuren ganz genau die Funktion, die man als Leser von ihr erwartet, und noch auf den letzten fünfzig Seiten überrascht Miéville mit Wendungen, die einem dicke Klumpen aus Schrecken, Erstaunen und ungläubiger Enttäuschung in den Hals rammen. Der Eiserne Rat ist keine leichte Lektüre: zwar ist der Roman thematisch fokussierter als Die Narbe/Leviathan, dafür dosiert Miéville die Informationen gerade in der ersten Hälfte sehr sparsam, und so vergehen rund zweihundert Seiten, bis man sich darüber klar wird, was es nun eigentlich mit dem »Eisernen Rat« auf sich hat. Die verschachtelte Struktur der Handlung, die besonders in der ersten Hälfte ständig die Zeitebenen wechselt, fordert den Lesern volle Aufmerksamkeit ab. Auch der gnadenlose Dekonstruktivismus hat seinen Preis: immer wieder muss man den Ärger über enttäuschte Leseerwartungen herunterschlucken. Je knalliger Miéville mit Klischees, Ungeheuern und altbekannten Mythologien um sich wirft, desto sorgfältiger setzt er sie entgegen der Verwendungsweisen ein, an die uns die Mühlen der Fantasy-Industrie gewöhnt haben. Auch mit seinen Figuren macht Miéville es dem Leser nicht leicht: den ganzen Roman über bewahrt er eine seltsame, fast wehmütige Distanz zu ihnen, die man als Leser vergeblich zu überbrücken sucht. Der Effekt der Begeisterung schlägt deshalb erst nach dem Zuschlagen des Buchdeckels ein – dann allerdings mit der kinetischen Energie eines ICE.

Kurz: Der Eiserne Rat ist ein großartiger Roman, Miévilles bester und politischster. Dieses Buch quietscht, pfeift und schnaubt, ist mehr Monstrum als Synthese, seine Teile reiben sich aneinander und biegen sich durch, aber, gut geschmiert mit Miévilles Lust am Bizarren und Abseitigen, brechen sie nie. Als erklärter Gegner des Tolkien-Epigonentums formuliert Miéville hier die radikale Antithese zum nostalgischen Weltbild herkömmlicher Fantasy, in der es immer wieder nur um die Bewahrung der alten Ordnung geht. Stattdessen bohrt er in den Wunden des Bestehenden und macht die Schmerzen der unvermeidlichen Transformation spürbar. Der Eiserne Rat gehorcht keinem Determinismus und verweigert eine »runde« Auflösung. Es ist ein Buch über den Versuch der Neuerfindung menschlichen (und xenianischen) Zusammenlebens, das die Bezeichnung »dialektisch« weit mehr verdient als so manches zeitgenössische Werk der politischen Theorie.

Ein kleines Manko: vergleicht man den letzten Satz der deutschen Ausgabe mit dem der Originalausgabe, stellt man eine deutliche inhaltliche Abweichung fest, die die Pointe des ganzen Buches nicht unerheblich verändert. Insgesamt hätte man sich wünschen können, dass die stilistisch wie immer einwandfrei arbeitende Eva Bauche-Eppers etwas dichter am Originaltext geblieben wäre.

• Jakob Schmidt • ALIEN CONTACT


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Originalausgabe
China Miéville, Iron Council (2004)
Deutsche Erstausgabe
China Miéville, Der Eiserne Rat
(Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2005) [BLSF 24344] Bestellen
Deutsch von Eva Bauche-Eppers. Titelbild von Arndt Drechsler. TB. 688 S.
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