| Auf den ersten Seiten von König Ratte wird der Held Saul Garamond
aus dem ihm vertrauten London der Gegenwart gerissen. Des Mordes an seinem Vater
verdächtigt wird er verhaftet, nur um kurz darauf von einer Mythengestalt mit
übermenschlichen Fähigkeiten befreit zu werden, die sich als Blutsverwandter entpuppt.
Es handelt sich um King Rat, den Herrn der Ratten, der Saul in eine neues London
einführt, eine Stadt der Dächer und der Kanalisation, eine schmutzige, stinkende
Gegenwelt. Saul muss schnell lernen, sich darin zurechtzufinden, denn draußen wartet
schon der Rattenfänger, eine nicht weniger sinistre Wesenheit, auf eine Gelegenheit, ihn
zu töten - denn Saul, halb Mensch und halb Ratte, ist der Einzige, der dem Lied des
grausamen Pfeifers widerstehen kann ... Mit König Ratte hat Bastei nun
den ersten Roman von China Mieville, der schon mit Perdido
Street Station zu überzeugen wusste, nachgereicht. Der Roman ist eine wüste,
lärmende Mischung aus Fantasy, Horror,
Superheldenstory, Großstadtroman und Subkultur-Hymne. Mieville gelingt das Kunststück,
sich bei den Besten zu bedienen und zugleich etwas Neues zu erschaffen: Von Kapitel zu
Kapitel wechselnd wirft er entweder mit Drum´n´Bass-Lingo um sich oder geleitet den
Leser mit seiner extrem bildhaften Sprache durch die Straßen Londons wie ein
Fremdenführer mit einer Vorliebe für die düsteren Winkel. Dass er den Leser dabei
niemals verliert, ist vor allem dem Geschick geschuldet, mit dem er solche
Insider-Spezialitäten in die nur selten stockende Handlung einbindet. In Stil und
Qualität kann man König Ratte gut in eine Reihe mit Neil Gaimans Büchern (z.
B. Niemalsland) stellen. Ganz nebenbei hat Mieville auch noch ein politisches
Buch geschrieben, mit dem er sich klar auf die Seite der Randgestalten der Gesellschaft
positioniert.
Bei all den Experimenten, die Mieville wagt, gerät das eine oder andere manchmal etwas
krude - besonders, was die Motivationen seiner Figuren angeht, erklärt Mieville oft zu
viel, was sie nicht unbedingt nachvollziehbarer macht. Thematisch gibt es einige recht
überflüssige Wiederholungen und eine etwas ermüdende Fixierung auf Vater-Sohn-Rituale.
Auch die allzu sprechenden Namen der Protagonisten wirken zuweilen etwas bemüht (unter
anderem gibt es einen Inspektor Crowley). Im Gesamtbild sind diese Mankos aber leicht zu
entschuldigen, insbesondere, wenn man bedenkt, dass Mieville mit Perdido Street
Station die Scharten mehr als auswetzt. Für Gaiman-Freunde ist König Ratte
auf jeden Fall zu empfehlen.
Jakob Schmidt ALIEN CONTACT
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