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Michael Moorcock

Die Herren der Lüfte

Der Herr der Lüfte
The Warlord of the Air • 1971

Science Fiction > Alien Contact
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Mit diesem Roman beweist Moorcock, dass er nicht nur ein Meister der heroischen Fantasy und der avantgardistischen New Wave ist. Im Stil der alten Abenteuerromane der Jahrhundertwende entwickelt der Autor eine haarsträubende Geschichte um Captain Oswald Bastable.

Der Text auf der Rückseite der Heyne-Ausgabe fasst die Handlung sehr treffend zusammen:

Es geschah im Jahr 1902. Ein englischer Kolonialoffizier leitet eine militärische »Befriedungs«-Expedition im nordindischen Grenzgebiet zu Nepal,Tibet und Bhutan, wo die fanatischen Bewohner der Klosterstadt Teku Benga den Engländern erbitterten Widerstand leisten.

Unter den Eingeborenen kursiert das Gerücht, Teku Benga sei von einer Alten Rasse gegründet worden, bevor es Menschen in dieser Bergwildnis gab, und die Mächte des Bösen herrschten noch in der Stadt.

Captain Oswald Bastable lässt sich vom Abt des Klosters zu Verhandlungen in die Tempelanlage locken, wo ihn und seine Begleiter ein Hinterhalt erwartet und sie mit Drogen übertölpelt werden. Als Bastable aus seinem Drogenrausch erwacht, findet er sich allein in den Ruinen der verlassenen Tempelstadt, und er stellt fest, dass Jahre vergangen sein müssen.

Kurz darauf wird er von einem Luftschiff des Königlich-Indischen Luftdienstes gerettet und in die Zivilisation zurückgebracht.

Doch in welche Zivilisation!

Man schreibt das Jahr 1973. Bastable ist in die Zukunft geraten. Doch es ist eine andere Zukunft, als wir sie kennen. Es hat keine Weltkriege gegeben, in Russland herrscht der Zar, das Britische Empire erstrahlt noch in alter Pracht, in Deutschland regiert der Kaiser. Die Geschichte hat sich seit dem Beginn des Jahrhunderts ganz anders entwickelt. Und der Zeppelin ist das Haupttransportmittel der Neuzeit. Bastable tritt in den Dienst einer der großen Luftschifflinien, verdrischt einen sturen amerikanischen Pfadfinderführer namens Ronald Reagan, lernt den Star-Anarchisten Rudi von Dutschke kennen und den greisen Lenin, der den richtigen Zeitpunkt zur Oktoberrevolution im Bett einer Freundin verschlafen hat, und schließt sich am Ende dem »Herrn der Lüfte« an, dem berüchtigten chinesischen Piraten, der gegen die Kolonialmächte kämpft und mit Hilfe internationaler Wissenschaftler drauf und dran ist, sich zum »Herrn der Erde« aufzuschwingen.

Auch andere bekannte Personen tauchen auf. So trifft Bastable zum Beispiel einen biederen Luftoffizier namens Michael Jagger. Als Bastable aus den britischen Luftstreitkräften entlassen wird und auf einem Zeppelin-Frachter anheuert, weil ihm der polnische Kapitän Korzeniowski vertrauenswürdig erscheint, muss er feststellen, dass dieser doch tatsächlich mit Terroristen sympathisiert, ja sogar einen aus England herausschmuggelt, nämlich den deutschen Star-Anarchisten Graf Rudi von Dutschke. Zunächst will Bastable als loyaler Brite den Kapitän und seine Mannschaft auffliegen lassen, doch da wird das Schiff von Luftpiraten gekapert und in eine geheime Stadt in China gebracht.

Während die ersten beiden Teile des Romans ein wildes Abenteuergarn sind, gewinnt das Buch im dritten Teil eine ungeahnte politische Dimension. Die »Stadt des Sonnenaufgangs« in China ist nämlich von kommunistischen Intellektuellen aus der ganzen Welt bevölkert. Während Bastable anfangs seine kapitalistischen Ideale vertritt, überzeugen ihn Gespräche mit Dutschke und dem greisen Wladimir Iljitsch Uljanow, den alle Onkelchen Wladimir nennen, davon, dass vieles in der Welt nicht so eingerichtet ist, dass die Menschen ein freies und glückliches Leben führen können. Schließlich wird die Stadt von einer Alliierten Luftflotte angegriffen, kann sich jedoch durch ihre wissenschaftlichen Errungenschaften verteidigen und den Feind sogar schlagen. Schließlich gilt es, die Hauptbasis der Imperialisten im nicht weit entfernten Hiroshima mittels einer neuen Waffe, die noch nie erprobt wurde, zu vernichten. Bastable erklärt sich bereit, das Schiff zu fliegen, das die Bombe transportiert, denn er ist einer der erfahrensten Luftschiffer in der Stadt des Sonnenaufgangs. Doch die Bombe ist fataler, als alle angenommen hatten. Sie hatte irgendetwas mit Atomkräften zu tun, erfuhr Bastable. Durch die Explosion wird er wieder in der Zeit zurückgeschleudert, doch das Jahr 1902, in dem er eintrifft, ist ein anderes als das, welches er vor langer Zeit in Teku Benga verlassen hat.

Was diesen Roman von einer reinen Abenteuergeschichte abhebt, sind die politischen Diskussionen, die die Figuren führen. Als Bastable schließlich seine Meinung ändert und vom reaktionären Kapitalisten zum Revolutionär wird, relativiert Moorcock die kommunistische Begeisterung durch den Einsatz der Atombombe. Auch zeigt der Autor auf, dass der Verlauf der Geschichte nicht nur von einzelnen Menschen abhängt, sondern welchen Einfluss wissenschaftliche und technische Errungenschaften auf unser Jahrhundert ausübten. Es ist erschreckend, wenn man erkennt, auf welch wackligen Füßen das politische Gleichgewicht unserer Welt steht und wie leicht die Geschichte einen anderen Verlauf hätte nehmen können.

Durch das Auftauchen von Una Persson, die bereits in den Cornelius-Chroniken eine Rolle spielte, ist das Buch lose mit den anderen Werken Moorcocks verbunden.

Hardy KettlitzALIEN CONTACT

Originalausgabe
Michael Moorcock, The Warlord of the Air (Ace, 1971)
dt. Erstausgabe
Michael Moorcock, Die Herren der Lüfte (München: König, 1973) [KöSF 19]
dt. Ausgabe
Michael Moorcock, Der Herr der Lüfte (München: Heyne, 1982) [H 3876]
Literatur
Hardy Kettlitz, Sabine Kauffeld & Daniel Nogly: Michael Moorcock [SF Personality 12] Bestellen
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