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Michael Moorcock

Tochter der Traumdiebe

The Dreamthief's Daughter • 2001

Science Fiction > Alien Contact
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Der neueste Elric-Roman aus Michael Moorcocks Feder ist eine recht ambivalente Angelegenheit. Auf der einen Seite handelt es sich um ein weiteres Sword-and-Sorcery-Abenteuer aus dem Zyklus um den Ewigen Helden, der in den immerwährenden Kampf zwischen Chaos und Ordnung verstrickt wird. Auf der anderen Seite stellt Moorcock originellerweise die Frage, was passiert, wenn sich eine der zahlreichen Inkarnationen des Ewigen Helden in Nazi-Deutschland dem Widerstand gegen Hitler anschließt.

Ulric Graf von Bek, der (natürlich) Letzte seines Geschlechts, ist ein gebildeter, humanistischer deutscher Adliger, der versucht, sich dem neuen unmenschlichen Regime zu verweigern. Dies misslingt ihm spätestens, als sein undurchsichtiger Vetter Gaynor, der aus opportunistischen Gründen gemeinsame Sache mit den Faschisten macht, ihn heimsucht, um ihm das magische Schwert Rabenbrand abzuluchsen, das seit unermesslichen Zeiten im Besitz der Familie ist. Die Nazis benötigen nämlich verschiedene magische Gegenstände, um die Weltherrschaft an sich reißen zu können.

Ulric, der in merkwürdigen Träumen immer wieder auf sein Alter Ego Elric von Melniboné trifft, muss schon bald am eigenen Leib erfahren, dass den Nazis alle Mittel recht sind, ihre Ziele zu erreichen. Schließlich wird er sogar in ein Konzentrationslager eingeliefert, als er sich standhaft weigert, sein Schwert herauszurücken.

Doch wird er befreit, und allmählich zeigt sich, dass er selbst nichts anderes als eine Inkarnation Elrics ist und sein Schwert Rabenbrand ein Gegenstück zu dessen Schwert Sturmbringer. Ein Trupp Nazis unter Führung Gaynors, der immer größenwahnsinniger wird, folgen Ulric und seinen Befreiern in eine magische Parallelwelt, wo sich der ewige Kampf um das Schicksal der Welt fortsetzt.

Während die ersten Kapitel in der uns bekannten Welt spielen und Moorcock recht überzeugend schildert, wie Ulric zunächst an den neuen Machthabern zweifelt und sich später dem Widerstand anschließt, gleitet der Rest des Romans in ein eher gewöhnliches Fantasy-Abenteuer ab. Dies ist auch das Hauptproblem an Tochter der Traumdiebe. Einerseits erstaunt die wirklich überzeugend geschilderte Not des humanistischen und pazifistischen Ulric, andererseits werden diese guten Ansätze durch die üblichen Abenteuer und Schwertfechtereien beinahe zunichte gemacht.

Es stellt sich die Frage, ob man das Thema Drittes Reich auf diese Weise verarbeiten kann. Das Regime unter Hitler wird in den mystischen Kampf zwischen Chaos und Ordnung einbezogen, wobei die realen komplexen Hintergründe wie wirtschaftliche und politischen Interessen letztlich auf der Strecke bleiben. Moorcock spricht sich zwar sehr deutlich gegen Faschismus, Militarismus und menschliche Dummheit und Verführbarkeit aus, schildert jedoch immer wieder unbedarft irgendwelche Kämpfe zwischen den »Guten« und den »Bösen«. Richtig peinlich wird es allerdings, wenn die Luftschlacht um England mit Hilfe zweier feuerspeiender Flugdrachen gewonnen wird.

Eine der Hauptschwierigkeiten an Tochter der Traumdiebe ist die Tatsache, dass die kranke esoterische Ideologie der Nazis entlarvt wird, andererseits aber alle Register des typischen Fantasy-Romans gezogen werden, ohne dass der Autor versucht hätte, diese ironisch zu durchbrechen, was bitter nötig gewesen wäre.

»War ich irgendwie in einer verworrenen Wagner-Oper gelandet?«, fragt sich denn auch auf Seite 288 der gebeutelte Graf Ulric. Und er hat Recht: Tochter der Traumdiebe ist letztendlich nichts Halbes und nichts Ganzes. Anfangs ein wirklich flammendes Plädoyer gegen Faschismus, flacht der Roman nach und nach immer mehr zum gewöhnlichen Heroic-Fantasy-Schinken ab.

Immerhin muss man Moorcock zugute halten, dass er eine positive politische Botschaft zu vermitteln versucht. Ob ihm dies tatsächlich gelingt, hängt vermutlich sehr stark von der Bereitschaft des Lesers ab, dies innerhalb eskapistischer Literatur zu akzeptieren.

Christian HoffmannALIEN CONTACT

Originalausgabe
Michael Moorcock, The Dreamthief's Daughter
(New York: Warner Aspect, 2001)
lieferbare engl. TB-Ausgabe
Michael Moorcock, The Dreamthief's Daughter
(New York: Warner Aspect, 2001) Bestellen
dt. Erstausgabe
Michael Moorcock, Tochter der Traumdiebe
(München: Heyne, 2002) [06/9192] Bestellen
dt. von Jürgen Langowski, Titelbild von Michael Whelan
großformatiges Paperback, 412 Seiten
dt. Neuausgabe
Michael Moorcock, Tochter der Traumdiebe. Die neue Elric Saga 1
(München: Piper Verlag, 2005) [Fantasy 8547] Bestellen
Aus dem Englischen von Jürgen Langowski, Titelillustration von Michael Whelan, TB, 412 S.
Weitere Meinungen zu Tochter der Traumdiebe
von Irene Salzmann [ALIEN CONTACT]
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