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| Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des »Swiss
Engineering«-Verbands wurden Schweizer Autoren/innen eingeladen, real existierende
Forschungsprojekte/-ergebnisse in Kurzform jeweils den Storys vorangestellt
zu »Science (Non) Fiction Geschichten« zu extrapolieren und diese unter der
Herausgeberschaft von Margrith Raguth in einer Anthologie vorzustellen. 27 Autoren/innen
haben sich daran beteiligt; ein interessantes literarisches Experiment, denn meines
Wissens nach stellt dies für alle Beteiligten einen Ausflug in ein fremdes Genre dar.
Umso gespannter war ich, wie sich meine »Beinahe-Landsleute« und »Kollegen« anstellen
würden. Um es vorwegzunehmen, meine Hoffnungen, einige potentielle Schweizer SF-Autoren zu entdecken, haben sich zerstreut. Dafür scheint sich zu bestätigen, was schon ein berühmter US-amerikanischer Schriftsteller (dessen Name ich mir aber nicht sicher bin war es Asimov?) behauptet hat: SF-Autoren sind grundsätzlich imstande, über alles zu schreiben, Mainstream-Autoren hingegen in der Regel nicht, SF zu verfassen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Herausgeberin mit einem schweren Handicap angetreten war: Die Schweiz, zumindest die deutschsprachige, hat in den letzten Jahrzehnten kaum einen SF-Autor hervorgebracht ganz im Gegensatz zum ebenfalls kleinen, jedoch außerordentlich produktiven Österreich. Ein Umstand, der vor allem auf ein fehlendes organisiertes Fandom und damit auf die gegenseitige Befruchtung zurückzuführen sein dürfte. Auch will mir scheinen, die Herausgeberin, die mit einer hervorragenden Idee und einem sehr intelligenten Vorwort aufwartet, hat nachdem die Einladungen an diverse »Literaten« verschickt waren sich moralisch verpflichtet gefühlt, die eingereichten Texte, selbst wenn unpassend oder am Thema vorbeigeschrieben, gegen besseres Wissen aufzunehmen. Etliche Texte sind gar keine »Geschichten« im herkömmlichen Sinn, vielmehr Bericht, Protokoll, Glosse, Anekdote oder Lebenslauf ein Zeichen dafür, dass sich manche Autoren mit dem Genre SF und der Short Story schwer tun und ihr Heil in einer Gratwanderung zwischen Erzählung, Essay und futurologischer Abhandlung suchen. Acht Storys sind nicht einmal Science Fiction. Drei Geschichten konnte ich leider, da auf französisch, bzw. italienisch (Helvetien ist mehrsprachig!), nicht lesen. Von den verbleibenden 24 »Geschichten« sind, unter dem Aspekt der SF, nicht ihrer literarischen Qualität, die nachstehenden sechs lesenswert; ganz schnell überblättern würde ich jene von Elisabeth Wandeler-Deck und Birgit Kempker, die mich vor allem, aber nicht nur wegen ihres Experimentalstils schaudern machten; auch die Texte von Christian Haller, Franz Hohler, Christoph Keller und Christa Weber sollte man sich schenken. Hier die Storys, die sowohl Science Fiction sind als auch über das Mittelmaß hinausragen: Gabrielle Alioth London... Projekt: Unterwasserhabitate.Die Welt ist aufgrund einer Katastrophe buchstäblich »untergegangen«; einzig die Stadt London »ragt« aus unerklärlichen Gründen übers Wasser. Es folgt der Bericht einer Forscherin, die als Nachfahre von in Unterwasserhabitaten Überlebenden zur Erkundung ausgeschickt wird; sie verfällt dem Zauber der feststofflichen Welt. Was sehr einfühlsam beschrieben ist, entzieht sich bisweilen der Logik so sitzt die Forscherin im (sicher längst vermoderten) Ledersessel einer Bibliothek oder empfindet den pflanzenbewachsenen Boden als »unvergleichlich solide« und gleitet zu guter Letzt ins Phantastische ab, indem sie sich fragt, ja es für wahrscheinlich hält, dass das ganze Szenario nur ihrer Phantasie entsprungen ist. Man sieht: Die Autorin glaubt selbst nicht daran. Hier fehlt jeder Bezug zur wissenschaftlichen Grundlage (hard sf), auf die sich die Story eigentlich stützen sollte. Emil Zopfi Motte im Datenkleid Elektronik: Erinnerungs-Chips.Als Antwort auf den Terrorismus überwacht der Staat seine Bürger mittels der audiovisuellen Daten, die von »Cyberbodys«, hautengen, sensorbespickten, vernetzten Websuits registriert und in den Datenbanken ausgewertet werden. Big Brother lässt grüßen! Die Story ist unterhaltsam und spannend geschrieben, sie hat einige gute Ansätze, nur sie ist wenig plausibel und nicht zu Ende gedacht. »Cyberbodys«, die den totalen Informationsaustausch ermöglichen, werden nur von den »Privilegierten« getragen (in der Tat dürfen sie bei Höchststrafe nicht abgelegt werden!); die große Masse muss ohne sie auskommen. So ist diese in Wirklichkeit frei, die privilegierte Schicht aber unfrei eine verkehrte Welt. Und: Wo bleibt da die totale Überwachung? Daniel Goetsch Die Bukarest-Variante Theorie: Alles ist nur Information.Ein »Variantoskop«, mit dessen Hilfe mögliche zukünftige Entwicklungen bis auf die individuelle Ebene hinab berechnet werden können, erlaubt den Menschen ja zwingt sie nachgerade, alle Handlungen vorab zu prüfen und entsprechend zu agieren. Für den Nutzer stellt sich die Frage nach dem freien Willen, zudem droht sich Realität mit Virtualität zu vermischen. Stilsicher und originell geschrieben, bleibt die Idee leider nur schlaglichtartig beleuchtet; dafür regt sie zum Denken an und zwingt zum zweimal lesen. Urs Richle Donna, die Wohnung Nanotechnologie: Hightech-Kleidung.Im Rahmen eines wissenschaftlichen Experiments ist die Versuchsperson mit einer intelligenten Wohnung konfrontiert, die auf alle seine Wünsche sogar auf unausgesprochene reagiert. Haarige Pointe. Hanspeter Gschwend Die Kakerlake Physik: Teleportation.Kakerlaken als Hightech/Genmed-Werkzeuge, um den Feind auszuspionieren. Doch erst mal gelangen sie anders zum Einsatz als erwartet ... Eine »hard science«-Story mit »soft fiction«-Pointe. Anregend und unterhaltsam. Peter Zeindler Kopfgeld Medizin: Gesichtstransplantation.Ein Ehemann möchte so aussehen wie Marlon Brando, um seiner Frau zu gefallen. Doch vor einer Gesichtstransplantation zögert er, bis er den Geliebten seiner Frau sieht mit Original-Brandos Gesicht. Dann ist er an der Reihe ...! Eher ins Bereich des Phantastischen gehörend, weil hirnrissige, unpraktikable (was die Mediziner nicht alles an Unsinn ausprobieren!) Grundidee, aber einfühlsam geschrieben. Helmuth W. Mommers |
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