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| Carl Amerys
Roman Der Untergang der Stadt Passau hat zahlreiche Leser in einem Zustand der
Ratlosigkeit hinterlassen. Am Ende blieb das Gefühl, dass der Autor viel mehr sagen
wollte, als man verstanden hat. Diesem Zustand ist endlich Abhilfe geschaffen worden, denn
die Untersuchung von Armin Rößler liefert eine Menge interessanter Befunde und die
plausible Beantwortung zahlreicher Fragen, die der Roman offen ließ. Rößler erklärt auch, warum der Roman beim Lesen solche Probleme bereitet. Das Verständnis wird besonders dadurch erschwert, dass die Handlung fast ausschließlich aus der Innenperspektive der beteiligten Figuren wiedergegeben wird, was den Leser häufig genauso ratlos macht wie diese. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Geschichte in drei Zeitebenen spielt: in der Haupthandlung im Jahre 2013, in den biographischen Rückblenden der Hauptakteure auf die Katastrophe im Jahre 1981 und schließlich während des Untergangs der Stadt Passau im Jahr 2112. Nicht zuletzt tragen die durchexerzierten Lautverschiebungen und Verballhornungen - Passau zum Beispiel wird in der dritten Zeitebene zu »Bassau« - zu den Verständnisschwierigkeiten bei. Die Erzählweise aus der Innenperspektive hat auch zur Folge, dass der Leser bis zum Schluss nicht erfährt, durch welche Katastrophe der Untergang der Zivilisation eigentlich herbeigeführt wurde, da keine der Romanfiguren hiervon auch nur die Spur einer Ahnung hat. Armin Rößler kann plausibel nachweisen, dass es sich um eine Seuche gehandelt haben muss, die absichtlich von Wissenschaftlern ausgelöst wurde, um die menschengemachten ökologischen Probleme mit einer Radikalkur zu bekämpfen. Besonders erhellend sind Rößlers Ausführungen zu den Themenfeldern Ökologie, Politik und Gesellschaft, denen im Roman ein zentraler Stellenwert eingeräumt wird. Im Mittelpunkt steht der Konflikt zwischen den Passauern und den Rosenheimern. Diese beiden Parteien repräsentieren zwei unterschiedliche Herangehensweisen, wie das Überleben nach der Katastrophe gesichert werden kann. Die Passauer versuchen, so viele zivilisatorische Hinterlassenschaften wie möglich weiterhin zu nutzen. Dabei begehen sie allerdings eine Reihe von schweren Fehlern. So zeichnet sich die Passauer Lebensweise durch die reine Konzentration auf die technischen Hinterlassenschaften und einen achtlosen Umgang mit Kulturgütern aus. Des Weiteren schafft das für die Technik erforderliche Spezialistentum keine Zusammengehörigkeit, sondern teilt die Bewohner der Stadt in Experten und Laien. Am Ende scheitert ihr Versuch am Verschleiß der Geräte und den zur Neige gehenden Vorräten. Die Rosenheimer setzen dagegen auf eine nomadische Lebensweise, die sich allein darauf stützt, was die Natur zur Verfügung stellt. Wichtige Entscheidungen beruhen auf Diskussionen und Gemeinschaftsentschlüssen. Beides sichert ihnen eine freie, selbständige und zukunftsträchtige Lebensweise. Die größte Gefahr droht ihnen durch die zahlenmäßig weit überlegenen Passauer, die die Rosenheimer teils durch Verführung mittels technischer Güter, teils mit Gewalt einzuverleiben drohen. In der dritten Zeitebene, also im Jahr 2112, triumphieren zwar die im Einklang mit der Natur lebenden »Rosnemer« und ihre Verbündeten über die Stadt »Bassau«, aber die Sieger werden am Ende selber sesshaft, was nach der Lesart von Rößler ein gravierender Fehler ist. Denn damit beginnt der tragische Zyklus von Zivilisation, Naturausbeutung und Untergang von neuem. Der Großteil der offenen Fragen wurde mit der Untersuchung von Armin Rößler geklärt, allerdings hat er es seinen Lesern nicht gerade leicht gemacht. Der Umstand, dass es sich bei dem Buch ursprünglich um eine Magisterarbeit handelt, hat deutliche Spuren hinterlassen. Man muss sich über weite Strecken durch ein zähes Dickicht akribischer Analysen kämpfen, um an die erhellenden Erklärungen zu gelangen. Die durchaus anerkennenswerte wissenschaftliche Exaktheit geht damit leider auf Kosten der Dramaturgie. Auch hätte ein gewisses Maß an kritischer Distanz zur Romanvorlage der Untersuchung gut angestanden. Der von den Wissenschaftlern herbeigeführte Holocaust als ökologische Entscheidung, eine Figur, die Carl Amery in anderen Texten deutlicher ausgeführt hat, sollte nicht völlig kommentarlos stehen bleiben. Fragwürdig ist auch die Gleichsetzung von Sesshaftigkeit mit ökologischer Entfremdung. Insgesamt beschränkt sich Rößler etwas zu sehr auf die reine Textanalyse. Ein wenig mehr Mut zur eigenen Meinung hätte seine Untersuchung sicher spannender gemacht. Auf jeden Fall macht sein Buch Lust, den Roman Der Untergang der Stadt Passau erneut zu lesen. Peter Samol |
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