| Als Charles A. Lindbergh im Jahre 1940 zum Präsidenten der
Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wird, beginnt für den zehnjährigen Philip Roth
eine Zeit ständiger Angst. Denn Lindbergh ist nicht nur der berühmteste und beliebteste
Fliegerpilot der USA, sondern pflegt auch freundschaftliche Beziehungen zur
nationalsozialistischen Führungsriege in Deutschland. Als Präsident scheint Lindbergh
ein Friedensapostel zu sein: Um jeden Preis will er vermeiden, dass die USA in den
»europäischen Krieg« gegen die Achsenmächte hineingezogen werden. Schon bei seinem
Wahlkampf lässt Lindbergh keinen Zweifel daran, wer seines Erachtens die Hauptschuldigen
an der »kriegstreiberischen« Politik der Demokraten sind: die Juden Nordamerikas. Und so
muss die jüdische Familie Roth, wie unzählige andere, miterleben, wie sie zum
Fremdkörper in der US-amerikanischen Gesellschaft erklärt wird ... Philip Roth
ist schon zu Lebzeiten Teil des US-amerikanischen Literaturkanons geworden und mit Verschwörung
gegen Amerika beweist er einmal mehr, wenn auch auf ungewohnte Art, seine Bedeutung.
Dass ein so typisches Science-Fiction-Element
wie die Konstruktion eines alternativen Geschichtsverlaufs in der »hohen Literatur« zum
Einsatz kommt, ist für sich genommen schon interessant. Tatsächlich ist Roths
Alternativwelt allerdings so passgenau historisch eingelassen und so glaubwürdig, dass
sein neues Buch sich eher wie ein autobiographischer Roman liest: Roths Augenmerk liegt
weniger auf den großen weltpolitischen Entwicklungen und sehr viel mehr auf den
Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Familie Roth.
Der ganze Roman wird aus der Perspektive eines Philip Roth erzählt, der
sich an seine Kindheit unter Lindberghs Präsidentschaft erinnert an die
unbestimmte Angst, die er in der Familie und in der jüdischen Nachbarschaft New Jerseys
spürt, an die Unfähigkeit, die Ereignisse zu bewerten und einzuordnen. Für Philip
vermischen sich seine kindlichen Ängste und Obsessionen hoffnungslos mit den Fetzen der
politischen Entwicklung, die er aufschnappt, und verwandeln sich in ein gärendes,
lähmendes Gebräu der Angst, das dann und wann in hilfloser, schweigsamer Auflehnung an
die Oberfläche kommt. Obwohl die Hauptfigur des Romans kaum mehr tut, als zu beobachten,
gelingt es Roth mit leichter Hand, die beständige Grundspannung, die Angst vor einer
entsetzlichen Zuspitzung, aufrechtzuerhalten und zwischen unserem »informierten«
Rückblick und dem Erleben des jungen Philip zu vermitteln.
Was das Buch vor allen Dingen von anderen Alternativweltromanen abhebt,
ist seine Nähe zur Gesellschaft der geschilderten Zeit: die Wahl Lindberghs wird von Roth
nicht einfach als Angelpunkt des totalen gesellschaftlichen Umbruchs eingesetzt, und er
verwandelt die USA auch nicht in ein Abziehbild des Nationalsozialismus. Stattdessen
trägt er der unterschiedlichen Verfasstheit der US-amerikanischen und der deutschen
Gesellschaft jener Zeit Rechnung: Lindberghs antisemitische Programme haben einen anderen
Charakter als die nationalsozialistische Vernichtungspolitik. Zwar zielen sie ebenfalls
darauf, die amerikanischen Juden zum gesellschaftlichen Fremdkörper zu erklären. Die
unmittelbare Konsequenz daraus ist jedoch nicht millionenfacher Mord, sondern ein
demütigendes Programm forcierter Assimilation, das weit eher mit der klassischen
US-amerikanischen Gesellschaftsvorstellung in Einklang zu bringen ist. So gelingt es Roth
mit seinem Szenario einerseits, den Antisemitismus als eine weltweit verbreitete Ideologie
zu kritisieren und gleichzeitig die Spezifik der deutschen Vernichtungspolitik im Auge zu
behalten. Im Gegensatz zu Deutschland, legt der Roman nahe, wäre es in den USA der 30er
und 40er Jahre nicht ohne weiteres möglich gewesen, eine mörderische
»Volksgemeinschaft« zu schmieden. Das besondere des US-amerikanischen Nationalbegriffs
wird im Roman durch Philips Vater Herman auf den Punkt gebracht, der sich ganz und gar als
Bestandteil der amerikanischen Nation sieht, Lincoln und Roosevelt verehrt, und für den
es kaum eine tiefere Verletzung gibt als die, von Lindbergh gemeinsam mit all den anderen
Juden in den USA zum Außenseiter erklärt zu werden. Auch der junge Philip erfährt die
Zuschreibung, »anders« zu sein, als plötzlichen Schock der in seinen diffusen
Angstvisionen eines nazifizierten Amerika zum Ausdruck kommt.
Der Vielzahl US-amerikanischer Themen gerecht zu werden, die Roth in
seinem neuen Roman verhandelt, würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Das Maß an
politischer Vielschichtigkeit erschließt sich erst im späteren Verlauf des Romans. Trotz
dieser Vielschichtigkeit hält Roth deutlich an politischen Grundüberzeugungen fest. Die
wichtigste davon ist, dass es keine Entschuldigung für Antisemitismus gibt: Oft wurde
Roth dafür kritisiert, mit seinen neurotischen Figuren antisemitische Stereotypen zu
kolportieren. Hier verwandelt Roth dieses schriftstellerische Problem endgültig in eine
Stärke, indem er kompromisslos deutlich macht, dass auch und gerade Figuren wie der
sensationalistische jüdische Reporter Walter Winchell im Recht sind, wenn sie sich mit
den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen den Antisemitismus ihrer Zeit zur Wehr setzen
- an und für sich ein einfaches und nachvollziehbares politisches Statement, wenn auch
eines, das derzeit leider mehr und mehr an Selbstverständlichkeit verliert.
Insofern lässt sich Verschwörung gegen Amerika auch in
Deutschland als relevanter Beitrag zur sogenannten »Antisemitismusdebatte« lesen. Nötig
ist diese Perspektive nicht, um dem Buch etwas abzugewinnen. Denn zuallererst handelt es
sich um einen erstklassig erzählten Roman von einem Meister seines Fachs über einen Teil
der US-amerikanischen Geschichte, den es zum Glück niemals gegeben hat, und darüber, wie
eine Politik der Angst den kindlichen Blick auf die Welt zerstört.
Jakob Schmidt ALIEN CONTACT
|

 |