ALIEN CONTACT
Der Motor unserer Träume Folge 3 • ALIEN CONTACT 38

Mary Doria Russell

Gottes Kinder

Children of God • 1998

Science Fiction > Alien Contact
> Gefählich Ehrlich | Buch-Tips
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Wer, so war ich zu fragen versucht, als ich Sperling von Mary Dorian Russell das erste Mal las, war diese maskierte Autorin? Also wirklich, sie ist ja nicht einmal jung!

Und doch hat sie sich von hinten an uns herangeschlichen, direkt auf ein Weideland, das bereits von Vielschreibern und Halunken abgegrast wurde, im bescheidenen Alter von 45 Jahren, ohne jemals zuvor Science Fiction geschrieben zu haben, mit einem sittsamen Lächeln. Und sie hat uns allen gezeigt, welch ein wunderbarer Motor für Gedanken und Geschichten unser altes Genre noch sein kann. Es ist immer gut, daran erinnert zu werden, daß der Motor unserer Träume immer noch Lasten befördern kann.

Neben anderen völlig angemessenen Preisen wurde Sperling mit dem James Tiptree Memorial Award ausgezeichnet, und die Ovationen werden so schnell nicht aufhören. Doch der Tiptree-Preis ist von allen vielleicht am angemessensten, wenn auch nicht aufgrund der Analyse von Geschlechterverhältnissen aus feministischer Sicht - wofür der Tiptree normalerweise vergeben wird.

In gewisser Weise geht es durchaus um Geschlechterverhältnisse, in Sperling ebenso wie in Gottes Kinder, eine Fortsetzung jener atemberaubenden Geschichte um die ultimative Prüfung eines Jesuitenpriesters, der auf dem ersten Planeten mit Anzeichen fremden Lebens den Erstkontakt aufnimmt und Opfer einer Gruppenvergewaltigung wird, weil er nicht versteht (wie in Gottes Kinder verdeutlicht), daß es auf dem Planeten Rakhat keinen Unterschied zwischen dem Angebot gibt, den Dichtern zu Diensten zu sein und die Backen zu spreizen, für die raubtierhaften Gastgeber unwiderstehlichen Angstschweiß und Pheromone abzusondern.

Doch das entspricht - angesichts der am Ende des Jahrhunderts neu gefundenen Fähigkeit der SF, konkret über Sex zu sprechen - nur den Erwartungen an einen SF-Roman über körperliche Liebe mit Aliens. Strangers von 1978, der einzige und großartige Roman von Gardner Dozois konfrontiert Menschen in ähnlicher Weise mit dem unerträglichen Preis, den wir bezahlen, wenn wir nicht verstehen, daß Sex verschlüsselt ist.

Eine verheerende Geschichte

Den Tiptree Award hat Sperling eigentlich (so hoffe ich) für Russells Fähigkeit gewonnen, in einem vollständigen Roman das zu tun, was Tiptree in der längeren Erzählung geleistet hat: ein ganzes Buch um den Höhepunkt einer Geschichte zu gestalten, der nur durch ständige, unaufhörliche, untrügliche Weiterentwicklung erreicht werden kann - und diese vielschichtige Erzählung in einem moralischen Höhepunkt kulminieren zu lassen, der nur in genau dieser Form in Worte zu fassen ist - eine Geschichte, die auf ein verheerendes Ende hinausläuft, bis aufs Äußerste gedehnt.

Bei der Fortsetzung ist das nicht ganz so. Sie ist einerseits ein besserer Roman als der Vorgänger, der der maskierten Autorin (glaube ich zumindest) nicht so leicht gefallen ist; und sie ist noch länger als Sperling. (Ist es schon einmal jemandem aufgefallen, daß katholische Autoren - Russell wurde katholisch erzogen und ist zum Judaismus übergetreten - fast immer lange Texte schreiben? Katholische Konvertiten - G. K. Chesterton, Graham Greene, Muriel Spark - mögen einen Hang zur kürzeren Form haben, doch diese inneren Außerirdischen, die in den Glauben hineingeboren wurden, scheinen immer erst zehn Füße auf dem Boden zu plazieren, bevor sie über die Mauer ins nächste Kapitel springen können. Komische Sache, das.)

Die Geschichte ist weit schwieriger zu erzählen als die von Sperling, und keine kurze Zusammenfassung kann ihren majestätischen und kontinuierlichen Schwung vermitteln - also genügt vorab vielleicht die Feststellung, daß man Gottes Kinder fast nicht aus der Hand legen kann. Mary Dorian Russell ist eine Runenleserin, eine Erneuerin. Sie nimmt die alten SF-Geschichten auf und erzählt sie neu.

Ein erzählerisches Wunder

Gottes Kinder führt von Anfang an die Handlung von Sperling weiter, und das ist an sich schon ein erzählerisches Wunder, schließlich hatte Sperling einen großartigen Schluß, schien für sich zu stehen, ohne einer Fortsetzung zu bedürfen. Doch genau das bekommen wir. Als erstes lernen wir, daß die Vergewaltigung, die Demütigung und Tragödie von Pater Sandoz ihren Ursprung in einem linguistischen Mißverständnis hatten. Wir folgen ihm aus der Priesterschaft heraus in die Ehe, und ab da wird es interessant, und es wäre unfair, Russells sorgfältige Einteilung und Enthüllungen vorwegzunehmen.

Auf Rakhat zeigt sich unterdessen, daß eine derjenigen, die im ersten Roman den geballten Mißverständnissen am Schluß der Handlung auf diesem Planeten zum Opfer gefallen sind, doch überlebt hat (aus überzeugenden Gründen). Einerseits durch die Aufstände, die sie schürt, anderseits durch die Neuerungen, die den Ereignissen von einem genialen Dichter, der sich zum unbestrittenen Anführer aufgeschwungen hat, eingeflochten werden, geraten die beiden sorgsam ausgewogenen Kulturen auf Rakhat ins Schwanken - ein Vorgang, der von Russell, einer professionellen Anthropologin, mit aufschlußreichen Einzelheiten versehen wird. Die Lieder, die nicht nur das Tempo der Ereignisse vorgeben, sondern in gewissem Sinne den Verlauf des Lebens auf Rakhat bestimmen, entfalten sich schwindelerregend.

Eine weitere Expedition nach Rakhat wird vorbereitet. Sandoz kehrt zurück. Aufgrund relativistischer Unterschiede im Verlauf der Zeit trifft die Expedition erst nach vielen Jahren radikaler Veränderungen auf dem Planeten ein. Der autistische Sohn der Überlebenden (Sonja Mendez) versteht die Welt allein durch Musik, lernt die genetischen Codes dreier Rassen in Form von Tonfolgen auswendig und harmonisiert sie. Sandoz, von der Musik der Sphären gelähmt, einigt sich mit den Göttern, die ihn so sehr geprüft haben.

Zu sehr in ihre Charaktere verliebt

Wie Sperling ist auch Gottes Kinder eine SF-Geschichte über das Verhältnis zwischen Menschen (und anderen) und Gott. Russell, die sich wie immer viel Zeit läßt, entführt die Leser in einem solchen Maße in das Reich religiöser Diskurse, daß es einem weltlichen Leser (meine Wenigkeit) schreiend sophistisch vorkommt. Und ihre Angewohnheit, viel zu sehr in ihre Charaktere verliebt zu sein, zusammen mit deren angenehm stetiger Ernsthaftigkeit, wenn es um Fragen des Willens Gottes usw. geht, verleiht einer Geschichte, deren Schlußfolgerungen entsprechend den Absichten der Autorin äußerst pessimistisch sind, eine gewisse übertrieben kuschelige Qualität.

Doch dies sind die einzigen Schönheitsfehler, die einer Erwähnung wert sind. Sonst wird uns ein Übermaß an Erzählkunst geboten, jener Fluß, von dem wir immer gehofft hatten, daß James Tiptree jr. darin baden würde.

Erstveröffentlichung auf der Internetseite SF Weekly #63 • www.scifi.com
als 10. Folge der Kolumne Excessive Candour
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors
© 1998 by John Clute • Übersetzung von Hannes Riffel

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Mary Doria Russell
Children of God (1998)
Gottes Kinder, deutsch von Gisela Stege (München: Heyne) [06/6337] Bestellen
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