Der
Leibhaftige, Voland mit Namen, sucht Moskau wieder heim. Wie damals vor über sechzig
Jahren in Michail Bulgakows Der Meister und Margerita (geschrieben 1940)
verursacht er tödliche Unglücksfälle, Brände und Aufruhr, entführt die einen, treibt
die anderen in den Wahnsinn, hinterlässt er eine Spur der Unruhe und der Verwirrung. Wie
damals führt ihn die Literatur in die Stadt. War es bei Bulgakow ein Roman um Jesus und
Pilatus gewesen, so ist es nun in Witali Rutschinskis Teufels Werke (erschienen
1993) ein Buch über die merkwürdigen Geschehnisse in einem Akademieinstitut, an dem
Heupferde mit unerhörter Sprungkraft gezüchtet werden. Ein Schwindel, wie sich bald
herausstellt. Allerdings erzeugt ein Mitarbeiter aus Versehen ein wundersam mutiertes
Kaninchen, dessen Biss jedermann dazu bringt, sich gegen die Brust zu schlagen und in
einem Anfall von Bekennerwut die geheimsten Vergehen zu enthüllen.Voland kommt in ein
verändertes Moskau. Die Perestroika erschüttert die sowjetischen Verhältnisse. Die alte
Nomenklatura drischt noch immer die Phrasen vom heroischen Aufbau des Kommunismus und
giert schon fast offen nach dem verpönten Privateigentum möglichst westlicher
Provenienz. Verworrene Demokraten palavern über Reformen, die sie nicht verstehen,
westliche Berater preisen Konzepte an, die nicht einmal in Afrika funktioniert haben. Die
Literaturszene ist tief gespalten in Verfasser von fahnenschwingenden Lenin-Stücken und
wilde Kritiker der sozialen Misere des Landes. Wendehälse beginnen bereits ihre Werke
umzuschreiben. Jakuschin aber, der Autor des Romanes um das Kaninchen Kostja, blitzt
überall ab. Literarische Klüngelwirtschaft, Inkompetenz und das alltägliche Chaos
treiben ihn bis zur Raserei. Volands Gehilfen befreien ihn aus den Händen der Miliz, und
der Leibhaftige selbst bietet ihm einen Pakt an: Das Manuskript wird verbrannt, als
Gegenleistung tritt das Kaninchen Kostja in die Realität.
Sagen wir es so: Es gibt in jedem Land und zu jeder Zeit viele Leute, denen Kostja in
den Finger beißen sollte - aber selten so viele wie im Russland der Perestroika! Da sind
die Ewiggestrigen, die in ihren Zeitschriften gegen die Juden, die Demokraten und anderes
nicht vaterländisch gesinntes Gesindel hetzen, altrussische Askese predigen und sich
selbst diversen Lastern hingeben. Da sind die Volkswirtschaftsprofessoren, deren
ökonomische Kompetenz sich darauf beschränkt, in die eigenen Taschen zu wirtschaften. Da
sind die Staats- und Parteiführer, die sich nach oben geschleimt haben und nun an der
Spitze niemanden mehr haben, dem sie nachkriechen könnten. Viel Arbeit für das
Kaninchen.
Die Satire kulminiert in einer Szene, in der Voland und Gefolge den Teilnehmern einer
Wirtschaftskonferenz im Kreml ihr Aggregat Uf-Uf-1 - Universeller firmeneigener
Umlaufbeschleuniger von Finanzen, Modell 1 - demonstrieren: eine Maschine, die, gefüttert
mit Klopapier, druckfrische Hundert-Dollar-Noten ausspuckt. Und die versammelten
Wirtschaftsprofessoren springen nach den Scheinen ...
Ein KGB-Mann, Sergej Mitrofanowitsch, kommt den Teufeleien auf die Schliche und findet
auch die einzig probaten Mittel gegen den Leibhaftigen: Kreuze, Ikonen, Anrufung der
Heiligen. Bei einem Geheimtreffen auf Stalins Datscha beschließt die Parteispitze in
ihrer Not ein Zusammengehen mit der orthodoxen Kirche. Das Volk wird zwangsgetauft,
überall errichtet man Kreuze, die Parteizentralen erhalten Glockentürme. Es wird Zeit,
dass der Teufel die Stadt wieder verlässt.
Rutschinskis Roman ist eine Diaboliade, aber kein Faustroman, auch wenn sich mancherlei
Anklänge an Goethes Hauptwerk finden, etwa wenn der Teufel als Produzent des Papiergeldes
- in seiner heute gültigen Form als Dollar-Note - auftritt. Doch die bei Goethe
schöpferisch angelegte Kraft der Negation wird bei Rutschinski zur bloßen Kraft der
Entlarvung. Immerhin zeigt Voland wie in Goethes Faust, dass die Menschen »stets
vom gleichen Schlag« bleiben.
Bulgakow hat während der schlimmsten stalinschen Säuberungen einen
philosophisch-phantastischen Roman um die Frage, ob der Mensch gut sei (oder sein könne),
geschrieben. Rutschinski dagegen, der zahlreiche Bulgakowsche Motive aufgreift, hat einen
satirisch-grotesken Roman über die Sowjetunion der beginnenden Perestroika verfasst. Wo
Bulgakows Pilatus-Fragment tiefe philosophische Fragen aufwirft, sind Rutschinskis
Binnenroman-Auszüge von einem viel geringeren Kaliber, denn sie sind ausschließlich
darauf ausgerichtet, das gesellschaftssatirische Element zu stärken. Mit diesem aber
befindet sich der Autor in der besten Tradition eines Gogol oder Saltykow-Schtschedrin.
Und wie seine literarischen Ahnen treibt Rutschinski die Frage um, wie es denn nun mit
seinem geplagten Heimatland weitergehen soll. Dies aber weiß nicht einmal der Teufel.
Karlheinz Steinmüller |
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