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| Mark Samuels ist ein bisher in Deutschland unbekannter Autor. In der Reihe
Edgar Allan Poes phantastische Bibliothek ist sein erstes Buch auf Deutsch erschienen, und
es wurde gar für den British Fantasy Award nominiert. Bereits auf dem Umschlagtext des
Buches wird der Leser vorsichtig mit Adjektiven wie »weltentrückt« und »altmodisch«
vorgewarnt. Es geht in den neun Erzählungen hauptsächlich um einsame, verunsicherte, oft
verängstigte Menschen, die dunklen Obsessionen folgen oder denen Unerhörtes widerfährt.
In der Titelgeschichte kümmert sich ein alternder Professor um den Nachlass der
vergessenen Autorin Lilith Blake. Der Erzähler der Geschichte entwickelt eine Obsession
für die Verblichene, die jedoch noch aus dem Grab ihre Texte an die Lebenden
übermittelt. In anderen Geschichten wiederum erhält ein Medizinstudent nachts Besuch von
einem verstörten Nachbar, der kurz darauf verschwindet, woraufhin der Student später im
Apartment des Verschwundenen mittels eines Spiegels dem Jenseits begegnet. Und so weiter. Samuels ist zweifelsohne ein Kenner der phantastischen Literatur, und es gibt Anklänge an das Werk von Kafka, Borges oder Ligotti. Doch die Ideen sind wenig originell, es geht immer wieder um das, was man bei Samuels Vorbildern schon allzu oft gelesen hat. Es handelt sich um typische Depressionsliteratur in zuweilen schwerfälliger Prosa mit blutleeren, langweiligen Figuren. Und so kann man Thomas Wagner, der ein begeistertes Nachwort verfasst hat, kaum zustimmen, wenn er schreibt, der Autor »verzichtet auf Manierismen und grauenbeschwörende Adjektivhäufungen«, denn allein die Art der Erzählungen ist reichlich manieriert und die Adjektivhäufungen sind vielleicht nicht so »grauenbeschwörend« wie bei Lovecraft, jedoch zweifellos zahlreich vorhanden. Thomas Wagner schreibt weiterhin, »Samuels thematisiert das Individuum und konfrontiert es ganz in der Tradition der psychologischen Phantastik eines Edgar Allen Poe oder Robert Aickman mit den Abgründen und Ängsten des eigenen Ichs.« Da hat er durchaus Recht, nur sind all die thematisierten Individuen labile und unglaubwürdig zartbesaitete Personen; dass der Leser ebenso labil und zartbesaitet sein sollte, um bei der Schilderung des Schicksals der Protagonisten Grauen zu empfinden, ist eher unwahrscheinlich. Im Nachwort ist ein recht interessantes Interview von Wagner mit dem Autor zu finden. Darin äußert der Interviewer: »In Deutschland gelten US-Bestsellerautoren à la Stephen King oft als das Maß aller Dinge, was dazu führt, dass es immer weniger eigene und originelle Stimmen in der deutschsprachigen Horrorliteratur gibt.« Vielleicht wäre es einige Gedanken wert gewesen, warum wohl Autoren wie Stephen King vielen Lesern als das Maß aller (Horror-)Dinge gelten. Vielleicht liegt es daran, dass King und Kollegen keine angestaubte Gespenstergeschichten erzählen, die kaum zu überraschen vermögen? Vielleicht liegt es auch daran, dass King echtes Grauen zu erzeugen vermag, selbst wenn er keine übernatürlichen Phänomene bemühen muss? Mark Samuels hat ganz sicher seine Qualitäten, die ein kleines, erlesenes und in feinsinniger Depressionsliteratur geschultes Publikum zu erkennen vermag. Die Originalausgabe des Erzählungsbandes erschien bei Tartarus Press in einer Auflage von 350 Exemplaren. Beim Blitz Verlag ist die Auflage um einiges höher. Dennoch ist Samuels in einem kleineren Verlag viel besser aufgehoben als in einem großen Publikumsverlag, denn das von Thomas Wagner so verachtete Massenpublikum würde sich vermutlich zu Tode langweilen. Übrigens ist die Übersetzung von Monika Angerhuber ganz ausgezeichnet. Und das Buch ist schön gestaltet, großzügig gesetzt und hat sehenswerte und stimmungsvolle Innenillustrationen. Martin Höllmann |
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