![]() |
| ALIEN CONTACT 60 |
| Science Fiction >
Alien Contact Buch-Tips |
|
| Die 1947 in Kansas City geborene Elizabeth A. Scarborough arbeitet seit über
zwanzig Jahren im phantastischen Genre. Neben einer Zusammenarbeit mit Anne McCaffrey beim
Zyklus um das »Singende Schiff« schrieb sie eine Reihe von serienunabhängigen Romanen,
von denen Healer´s War, in dem sie ihre Eindrücke als freiwillige
Krankenschwester im Vietnamkrieg verarbeitete, mit dem Nebula Award ausgezeichnet wurde. In Die Frau im Nebel verbindet sie Elemente der frühen Science Fiction den Frankenstein-Mythos mit der Atmosphäre der Gothic Novels unter Einbeziehung einer historischen Figur. Im Mittelpunkt steht Sir Walter Scott (1771-1832), den die Autorin aus seiner historischen Kulisse in ein fiktives Abenteuer versetzt. Dabei stimmen die meisten historischen Fakten, denn Scott arbeitete eine Zeitlang auch als Sheriff zwar nicht in Edinburgh, wie in diesem Roman, aber in einer anderen schottischen Gemeinde. Seine literarischen Ambitionen setzt die Autorin dezent aber eindrucksvoll in Szene. Wie die Gebrüder Grimm war Scott einer der wenigen wahren Volksdichter, der seine Inspirationen aus den Liedern und Sagen des Hochlands entnahm und daraus seine historischen Romane schuf. Auch bei Ivanhoe seinem berühmtesten Werk hatte Scott »dem Volk aufs Maul geschaut«. Zu Beginn der eigentlichen Handlung hat Scott seine Tätigkeit als Sheriff in Edinburgh gerade aufgenommen. Bislang hatte er auf seinen Reisen unterschiedliche Eindrücke der schottischen Sagenwelt mit ihren Geistern und Totenbeschwörungen sammeln können. In einem kleinen See, dem Nor´Loch, der die Alt- und Neustadt von Edinburgh trennt, werden Überreste einer Frauenleiche gefunden. Niemand kann die Knochen identifizieren, auch macht sich in der Stadt niemand Gedanken über die Tote. Gegen den Widerstand einiger einflussreicher Gruppen nimmt Walter Scott seine Untersuchungen auf und findet Unterstützung in der schönen Zigeunerin Midge Margret, die ihm vor vielen Jahren schon mit einigen Volksliedern das Herz erwärmte. Eine leichte Verfremdung der Realität als Hintergrund für eine fiktive Geschichte haben in den letzten Jahren viele Autoren für ihre Romane genutzt. Mary Gentles Ash untersucht die Stellung Burgunds in Europa, in Neal Stephensons umfangreichem Roman Quicksilver weiß der Leser auch nach mehr als neunhundert Seiten nicht, ob ein Zeitreisender Einfluss auf das 17. Jahrhundert nimmt, und Elizabeth Scarboroughs Fantasykrimi hat mehr mit Mary Shelleys Frankenstein als zum Beispiel mit den Abenteuern von Lord Darcy gemeinsam. In ihrem Edinburgh sind Zauberei und Gespenster fest im Glauben der Bevölkerung verankert. Dabei kann der Leser nicht erkennen, ob es sich dabei um Aberglauben oder Realität handelt. Leichenlichter und Ermordete, die vor dem ewigen Schlaf ihren Mörder identifizieren, werden als alltägliche Ereignisse geschildert. Auch wenn Walter Scott für die Aufklärung steht, kann er sich dem Mystizismus des Mittelalters weder entziehen noch auf dessen Wirkung verzichten. So gut die Atmosphäre des Romans von der Autorin beschrieben ist, so oberflächlich ist der eigentliche Plot. Tagebuchaufzeichnungen weisen schnell auf das Motiv des Hintermannes hin, und noch schneller kann der Leser die unabwendbare Abfolge von Ereignissen vorhersehen. Ihren Höhepunkt findet die Geschichte natürlich in der Entführung Midge Margrets, die zwar ungeplant, aber folgerichtig ist. Mit Midge Marget hat Elizabeth Scarborough eine Figur erschaffen, mit der sich in erster Linie moderne Frauen identifizieren können. Obwohl sie eine vagabundierende Kesselflickerin ist und von höheren Idealen träumt, beschreibt die Autorin sie als eine intelligente entschlossene Frau, die sich ihrer niedrigen Position in der Gesellschaft durchaus bewusst ist, aber den Mut und den Willen hat, das Beste aus ihrem Schicksal zu machen. Ihre Liebe zu Scott scheitert an den Konventionen der herrschenden Klassen. Die Frau im Nebel ist eine lesenswerte Mischung aus historischem Kammerspiel und Gruselgeschichte. Fantasy-Elemente sind kaum vorhanden und spielen im Laufe der Handlung eine untergeordnete Rolle. Streckenweise erinnert das Buch mehr an Sherlock-Holmes-Geschichten, in denen die Recherche im Vordergrund steht. Scarboroughs Stil ist modern, aber schwerfällig; oft wünscht sich der Leser, dass die Ereignisse schneller ablaufen. Die Autorin nutzt unterschiedliche Perspektiven nur unzureichend, und manche Wiederholungen geben dem Text weniger Tiefe und Dichte als beabsichtigt. Hervorzuheben ist der detailliert beschriebene Hintergrund der Stadt Edinburgh. An mehr als einer Stelle hat der Leser das Gefühl, eine zweite Stadt hebe sich aus den Schatten. In deren Mauern ist alles möglich: Geisterbeschwörungen, Untote, kastenlose Liebe und schließlich ein wunderschönes Happy End. Thomas Harbach ALIEN CONTACT |
![]() |
| ALIEN CONTACT 60 |