| Im Berlin der nahen Zukunft nietet die Kurierfahrerin Kookie mit ihrem Rad
einen offenbar recht verwirrten jungen Mann um. Kaum hat er sich aufgerappelt, erklärt
er, er habe seinen Namen vergessen und könne auf keinen Fall ins Krankenhaus.
Notgedrungen nimmt Kookie den Angeschlagenen mit zu sich nach Hause, wo ihre Mitbewohnerin
h.b. schnell erkennt, was es mit ihm auf sich hat: Es handelt sich um den »Hasen«, den
Kandidaten einer Internet-Spielshow, bei der es um satte 10 Millionen Euro geht. Um die zu
gewinnen, muss der Hase sich lediglich ein paar Tage erfolgreich vor den Legionen von
Hobbyjägern verbergen und dabei ein paar Rätsel lösen. Kookie und h.b. beschließen,
dem Hasen zu helfen - Kookie kann ihren potenziellen Anteil am Gewinn mehr als gebrauchen,
und die Hackerin h.b. wittert eine Gelegenheit, den Machern der Show eins auszuwischen.
Das ganze wäre schon schwer genug, wenn die dafür nötige Datenmanipulation nicht ein
Kapitaldelikt wäre ... Nadja Sennewalds zweiter Roman bewegt sich sicheren Schritts an
der Grenze zwischen Social Science Fiction und Berliner Szene-Roman. Mit sichtlichem Spaß
an der Sache zelebriert die Autorin das Zusammentreffen des wohlanständigen Hasen mit den
Datenpiraten und Bootsbesetzern aus Kookies Bekanntenkreis. Die Stärke des Romans liegt
in der Charakterisierung dieser rundum mackenbehafteten Sympathieträger - allen voran die
Heldin Kookie, die als Einzige aus der Ich-Perspektive erzählen darf und sich in ihrem
ganz privaten Slang über Bullen, verräterische Freunde, nervige Wohlstandkinder oder
auch leckere junge Männer auslässt. Derweil klappert sie auf ihrem Rad »Black Beauty«
im Höchsttempo ein Berlin ab, das sich in kleinen, aber oft vielsagenden Details vom
heutigen unterscheidet. RunRabbitRun ist bei allem Sprachwitz jedoch keine
leichtherzige Komödie - der Roman mutet seinen Hauptfiguren die Härten zu, die sich aus
der Geschichte ergeben. »Datenterroristen« wie die subversive
»Information-wants-to-be-free«-Kämpferin h.b. führen kein leichtes Leben. Die Autorin
schreibt gesellschaftliche Entwicklungslinien Richtung Privatisierung des öffentlichen
Raums und Überwachungsgesellschaft logisch fort. In der Zukunft des Romans ist selbst die
Verbreitung eigenen geistigen Eigentums ohne die Erhebung einer Copyright-Gebühr ein
Verbrechen - eine Gesetzeslage, die manchen Forderungen der hysterisierten
Unterhaltungsindustrie gar nicht so fern liegt.
Für Leser »reinerer« Science-Fiction-Kost
ist RunRabbitRun ein lohnender Blick über den Tellerrand - insbesondere, wenn
sie in Berlin leben und die Schauplätze der Geschichte aus erster Hand kennen. Die neuen
Technologien und gesellschaftlichen Entwicklungen, um die es geht, sind in jedem Fall sehr
nah an der Gegenwart - näher, als man es sich wünschen kann.
Jakob Schmidt ALIEN CONTACT
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