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ALIEN CONTACT
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Charles Sheffield

Kalt wie Eis

Cold as Ice • 1992

Science Fiction > Alien Contact
Buch-Tips
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Der Roman spielt im Jahr 2092. Fünfundzwanzig Jahre zuvor endete der große Krieg im Sonnensystem. Dem Kampf des »Inneren Systems« mit dem »Gürtel«, den von Menschen besiedelten Körpern des Asteroidengürtels, waren neun Milliarden Menschen zum Opfer gefallen.

Ereignisse des großen Krieges sind der Hintergrund für die Welt, die Charles Sheffield in Kalt wie Eis vor dem Leser ausbreitet. In wohldosierten Versatzstücken erfährt der Leser im Verlauf des gesamten Buches immer neue Details aus und über diesen Krieg, der die späteren Konstellationen und Machtverhältnisse im Sonnensystem bestimmte und dessen Auswirkungen schließlich mit der Haupthandlung verschmelzen. Durch den größten Teil des Buches führt der Autor mehrere, parallel verlaufende Erzählstränge.

Da sind zunächst Camille Hamilton und David Lammermann, die mit dem »Delokalisierten Observations-System« (DOS) neuartige astronomische Beobachtungen durchführen. Sie träumen davon, ein Super-DOS zu errichten, eine Gruppierung von 500 000 Orbital-Teleskopen von der Jupiter- bis zur Merkurbahn. Mit solch einer gigantischen Anlage sollte man die Grenzen des Universums erkunden können. Doch plötzlich müssen sie auf höhere Weisung ihre Arbeiten einstellen und die DOS-Zentrale verlassen.

Wilsa Sheer und Tristan Morgan lernen sich bei einem Tauchgang in die Tiefen der Jupiteratmosphäre kennen, wo sie »Von Neumanns« kontrollieren, Maschinen, die die in der Gashülle des Jupiters vorhandenen Elemente Schwefel, Stickstoff und Phosphor sowie feinste Metallspuren sammeln, vor allem aber das wertvolle Isotop Helium-3.

Ebenso auf einem Tauchboot beschäftigt, aber auf der Erde, wo er Hydrothermalquellen am Ostpazifischen Rücken erkundet, ist Jon Perry. Auf einem seiner Tauchgänge wird er von der Video-Journalistin Nell Cotter begleitet. Nicht nur während einer unterseeischen Eruption, auch bei anderen Gelegenheiten bewundert Nell Cotter die Reaktionsschnelligkeit Perrys in Gefahrensituationen. Sie bleibt in seiner Nähe, sowohl aus beruflichem Instinkt wie auch aus privatem Interesse an Perry.

Die Fäden im Hintergrund der Handlung scheint Cyrus Mobarak zu ziehen, der Erfinder kompakter Kernfusionsanlagen, die das Energieproblem der Menschheit lösten und ihm einen märchenhaften Reichtum eintrugen.

Einer seiner Gegenspieler ist Bat, Rustum Battachariya, genannt die Fledermaus. Bat ist 290 kg schwer, entsprechend unförmig und bewegt sich eigentlich nie aus seiner »Fledermaushöhle« hinaus. »Reisen ist nichts anderes als reine Ablenkung. Reisen ist eine Technik, mit der sich diejenigen, die arm im Geiste sind, dort der Illusion eines Fortschritts hingeben, wo kein Fortschritt existiert«, sagt er. Dennoch ist Bat ein Genie, er weiß die ihm zur Verfügung stehenden elektronischen Medien zu nutzen wie kein anderer, und er gehört zu den Netzwerkpuzzlern, die sich geistige Duelle auf höchstem Niveau liefern. Bat sammelt Reliquien aus dem großen Krieg und treibt durch seine Nachforschungen und Erkenntnisse den Handlungsverlauf entscheidend voran.

Diese handelnden Personen, ihr Umfeld und ihre Interessen werden von Sheffield sehr glaubhaft dargestellt. Nach langem parallelem Verlauf der einzelnen Handlungsstränge finden sich die Protagonisten gemeinsam auf dem Jupitermond Europa wieder, wo die Handlung kulminiert. Die Entscheidung, wie Europas Zukunft aussehen wird, hängt davon ab, ob der unter einer dicken Eisschicht verborgene Ozean Europas natives, ursprünglich auf dem Jupitermond entstandenes Leben birgt. Zur Beantwortung dieser Frage haben alle Beteiligten etwas einzubringen, ebenso sind sie aber auch von verschiedenen Interessen geleitet.

Hilda Brandt beispielsweise will unbedingt den Schutzstatus für Europa aufrechterhalten und verhindern, dass dieser Mond wie andere Planeten, Monde und Asteroiden im Sonnensystem besiedelt wird. Das wäre auch im Interesse der »Auswärts-Bewegung«, die ihre Kräfte darauf richtet, die Planeten jenseits des Saturns sowie die Oortsche Wolke zu erkunden und zu besiedeln.

Das eigentliche zu lüftende Geheimnis jedoch ist von ganz anderer Art.

Mehr soll von der Handlung nicht verraten werden, um die Spannung zu erhalten. Und Spannung bietet Kalt wie Eis reichlich. Der Roman ist hard core SF vom Feinsten und jedem zu empfehlen, der diese klassische Richtung der Science Fiction mag. Sheffield hat es verstanden, in jedem einzelnen Handlungsstrang eine eigene Spannung aufzubauen. Als er die Fäden im letzten Teil des Romans zusammenführt, erahnt der Leser vielleicht schon verbindende Elemente, aber er will es sicher ganz genau wissen und legt das Buch bis zur letzten Seite nicht aus der Hand.

Zur Überzeugungskraft des Romans tragen nicht nur die detailliert gezeichneten Figuren bei – ein Umstand, der bei dieser Art von SF bei Weitem nicht selbstverständlich ist –, sondern eine ganz eigene Schreibmischung, die Tempo, psychologische Momente und wissenschaftlichen Hintergrund organisch miteinander verbindet. Sheffield entwickelt ein facettenreiches, stimmiges Weltbild mit vielen Details, das den Leser weitgehend überzeugt. Er lässt die Handlung in konkret festgelegten Zeiträumen ablaufen: Der Krieg ist 2067 zu Ende, die Haupthandlung setzt 25 Jahre später ein. Das sind Jahre, die der heutige Leser nicht mehr erleben wird, von denen er jedoch eher eine Vorstellung entwickeln kann als von künftigen Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Auch wenn der Roman bereits 1992 entstand, Sheffield schreibt über unser Jahrhundert! Dennoch ist Kalt wie Eis keine Nahphantastik.

Davon abgesehen, dass der als Ausgangspunkt gewählte große Krieg eine riesige Katastrophe wäre, die niemand wünschen kann, bleibt Sheffield im Gegensatz zu vielen seiner anderen Werke optimistisch: Zivilisation und Technik entwickeln sich stürmisch. Mars, Asteroidengürtel und Jupitersystem sind erschlossen und besiedelt, die Menschheit greift danach, sich Saturn und äußere Planeten nutzbar zu machen. Sogar die Menschen selbst scheinen irgendwie besser geworden zu sein. Man erkennt an den handelnden Figuren kaum Neid oder Missgunst.

Im Widerspruch dazu steht allerdings, was man über Erde und Mars erfährt. Diese sind in der Entwicklung zurückgeblieben, insbesondere die Erde hat mit Kriegsfolgen und Umweltkatastrophen zu kämpfen, sie ist nicht mehr das Zentrum der menschlichen Entwicklung und Innovation.

Wie bei echter Hard SF nicht anders zu erwarten, werden auch an den Leser einige Anforderungen gestellt: Wo sich Ceres, Ganymed und Oortsche Wolke befinden, sollte man schon wissen, vorteilhaft ist es ebenso, bereits von Hydrothermaleruptionen und dem Prinzip der DNA-Codierung von Aminosäuren gehört zu haben, wenn man die Handlung genießen möchte. Cairns-Smith-Theorie und Dyson-Sphäre steigern dieses Wohlgefühl noch.

Das alles zeigt, wie gründlich Sheffield recherchiert hat, und beim Lesen zeigt sich glücklicherweise auch, dass er die wissenschaftlichen Fakten einzustreuen versteht, ohne den Leser zu langweilen. Ganz ohne das Unwahrscheinliche kommt er jedoch nicht aus – wer bei Camilles Rettung auf Europa angekommen ist, weiß, was gemeint ist.

Das Buch ist uneingeschränkt empfehlenswert, auch wenn rund 100 Seiten weniger Textumfang den Spannungsgrad sicher gesteigert hätten. Ärgerlich ist die sachlich falsche Kurzbeschreibung des Inhalts auf der vierten Umschlagseite. Vom Verlag hätte man sich ferner gewünscht, eine kurze Autorenvita im Buch unterzubringen.

Charles Sheffield, promovierter Physiker, Nebula- und Hugo-Award - Preisträger, verstarb 2002 im Alter von 67 Jahren. Zum seinem Zyklus Cold as Ice gehören zwei weitere Romane: The Ganymede Club (1995) und Dark as Day (2002). Auf die deutschen Ausgaben kann man sich freuen.

• Thomas Höding

Originalausgabe
Charles Sheffield, Cold as Ice (1992)
Deutsche Erstausgabe
Charles Sheffield, Kalt wie Eis
(Bergisch Gladbach 2004: Bastei Lübbe) [BLSF 24331] Bestellen
Deutsch von Ulf Ritgen, Titelbild von Arndt Drechsler, TB, 496 Seiten
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