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| Der Amerikaner Dan Simmons liebt europäische Literatur und baut
sie gern in seine Science Fiction
ein. Für Hyperion hatte er Geoffrey Chaucers Canterbury Tales aus dem
14. Jahrhundert als Muster genommen. Diesmal springt er mitten hinein in Homers Heldenepos
Ilias, in den zehnjährigen Kampf um Troja, in das bis zu jedem Namen und
Vatersnamen und dem Zierat der Rüstung penibel aufgezeichnete Massaker, an dem sich die
griechischen Götter delektieren, und oft genug sind sie selbst am Kampf beteiligt. Der
Erzähler Thomas Hockenberry, Doktor der Philosophie, ist nach seinem Tod als
Kriegsbeobachter der Muse Melete eingesetzt, gut getarnt, technisch hoch gerüstet und zum
unmittelbaren Ortswechsel mittels Quantensprüngen fähig. Nach seinem Tod? Im Auftrag der Muse? Quantensprünge? Nach und nach werden Sie schon lesen, wie und warum das möglich ist. Simmons springt mitten in ein unglaubliches, aber bekanntes Geschehen. Er wiederholt, kommentiert, verändert, verknappt. Es sind die Abweichungen, die das Bild schärfen: Hockenberry merkt, dass sich die Ereignisse nicht genau nach dem Epos richten, den Homer aufgezeichnet hat. Außerdem kämpfen Griechen und Trojaner - auf dem Mars. Mons Olympus ist ein Vulkan so groß wie Frankreich, die Götter sind drei Meter groß, und es wird hin und her geqtet (quantengesprungen), dass die Realität ein Sieb sein muss. Wie sagt Hockenberry mit eigentümlichem Understatement? »Hier oben auf dem Olymp ist es manchmal schwer, felsenfest an Ursache und Wirkung und an die wissenschaftliche Methode zu glauben.« Diese Störung der Realität wurde von den Moravecs bemerkt, hoch spezialisierten Kyborgs auf den Jupitermonden, die eine Expedition zum Mars ausrüsten, um eine mögliche Gefahr rasch zu beseitigen. Doch sie werden von Göttern auf einem Streitwagen abgeschossen. Zwei Moravecs überleben und lassen sich von Kleinen Grünen Männchen durch eine Marsmeerenge segeln: Mahnmut und Orphu, schon vorher verstrickt in Diskussionen über Shakespeares Sonette, dabei humorvoll und anrührend menschlich verglichen mit den dramatisch rabiaten Griechen-Helden. Der dritte Erzählstrang beginnt auf einer Nachmenschen-Erde, die der Welt der Eloi aus Wells Die Zeitmaschine gleicht: ein verschwommenes Durcheinander aus Gelächter, Sex und Suff, nahezu alle kulturellen Errungenschaften sind verloren gegangen. Doch Daemans Galanterie wird zuerst von Harman gestört, der als Einziger ein wenig lesen kann, und dann von Savi, der Ewigen Jüdin, die sich seit 1400 Jahren wie ein Desperado abseits hält. Wells? Ewige Jüdin? Später noch Prospero und Caliban aus Shakespeares Der Sturm? Und diese Eloi schauen sich den Kampf um Troja unter Turin-Tüchern an, als wäre es Kino. Dann taucht Odysseus auf der Erde auf. Dan Simmons jongliert auch mit diesem Material virtuos. Nebenbei deckt er so genannte Continuity-Fehler in Daniel Defoes Robinson Crusoe auf: Robinson schwamm nackt zum Schiff und kam mit Taschen voller Kekse zurück. Kekse? Wohl doch eher Schiffszwieback. Den Fehler hat vermutlich Übersetzer Peter Robert verbockt, wie auch die »Auslöseladung von 32 modulierten Volt«. Kein Problem, Simmons (im Kostüm von Orphu) liebt Folgefehler. Für Kenner der klassischen Literatur inklusive Klassik der SF wird es eine Freude sein, in Ilium nachzuschauen, ob der Autor seine eigenen Regeln einhält und wie geschickt er sich rausredet. Wenn Sie die harte, technische Moderne lieben, hat Simmons für Sie einmal mehr auf aktuellem Stand enzyklopädisch genau verzeichnete Welten gebaut: Die Moravecs sind das Ergebnis einer komplizierten Technik-Evolution. Auf der Erde sind Saurier neu gezüchtet worden, Personen werden von einem Ort zum anderen gefaxt, Daemans Bekannte versuchen sich am Bronzeguss. Manches ist eni weinig merkwürdig, den Atlantik durchzieht ein Riss, das Mittelmeer liegt trocken - und erlangen die Menschen-Eloi tatsächlich im Ring den Himmel? Oder haben ihre Vorgänger, so Orphus Hypothese, aus den Welten der Literatur, der Fantasie, durch ihre Spielerei mit Zeit und Quanten »etwas hereingelassen«. Das hat etwas von einem schaurigen Wunderbericht und ist zugleich eine der SF gemäße Erklärung im Gewand der Bedrohung. Simons schreibt auch Horror, das sollte man nicht vergessen. Ilium ist ein grandioser Weltentwurf geworden, was besonders den großen Räsonierern Hockenberry, Mahnmut, Orphu und Daeman geschuldet ist: Sie wissen, dass sie sich irren können, sie spekulieren; es ist stets die Spekulation, die Literatur wertvoll macht. Mit Hockenberrys Kommentaren lässt Simmons auch die Gegenwart herein, was andere Schriftsteller seines Metiers gern vermeiden (die Redensart »solche wie euch« im Zusammenhang mit angekündigter Strafe hat man im 20. Jahrhundert wirklich zur Genüge gehört). Allerdings ist Simmons Netz noch verblüffend weit, die Geschichte funktioniert wie ein Katapult, es gibt keine Lösung. Wenn Sie Liebhaber seiner Werke sind, werden Sie wissen warum. Sie werden von ihm vermutlich gar nicht erwartet haben, dass er in einem Band fertig wird. Hyperion gab es in zwei dicken Bänden, Endymion ebenso, und auch mit Ilium ist die Geschichte nicht abgeschlossen. An der Fortsetzung Olympos schreibt Simmons noch. Nicht umsonst sagen Savi und Odysseus in ihren Erzählungen: Jetzt nicht. Das kann groß werden oder lahm und noch scheitern. Uwe Salzbrenner ALIEN CONTACT |
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