ALIEN CONTACT
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Erik Simon

Mondmysterien

Originalausgabe • 2003

Science Fiction > Alien Contact
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Anfangs mag das Vorhaben des Shayol Verlages, eine Gesamtausgabe des Science-Fiction-Werkes von Erik Simon herauszugeben, noch von manchem belächelt worden sein. Die neue Reihe Simon's Fiction startete im Jahre 2002 mit Sternbilder, welches in der Hauptsache auf seinem 1979er Erzählungsband Fremde Sterne basiert. Nun liegt mit Mondmysterien bereits der zweite Band vor, und weitere sind in Vorbereitung. Die Herausgeber Sara Schade und Hans-Peter Neumann haben keinen reinen Nachdruck der Geschichten und Versballaden zusammengestellt, sondern gemeinsam mit Erik Simon viel Arbeit, Zeit und Ideen in die Sammelbände gesteckt.

So verhält es sich auch bei den Mondmysterien, die wiederum nur vordergründig eine um einige Texte erweiterte Neuausgabe von Mondphantome, Erdbesucher (Das Neue Berlin 1987) darstellen. Sämtliche älteren Kurzgeschichten sind von Erik Simon neu bearbeitet worden. Hinzu kommen vormals in Anthologien verstreute Storys (von denen wohl »Die Frachtluke klemmt« die genialste und bekannteste sein dürfte) und unveröffentlichte Texte. Wäre der Begriff der »Schriftsteller-Werkstatt« nicht derart abgedroschen, könnte er genau den Eindruck beschreiben, den man als Leser erhält.

Zunächst ist da natürlich der reine Unterhaltungswert. Und man wird hervorragend unterhalten! Es gibt in Deutschland derzeit wohl keinen zweiten Phantastikautor, der es so perfekt schafft, eine Botschaft in kurzweilige und intelligente Texte zu packen. Er ist ein Spötter, aber er parodiert nicht um des billigen Effekts willen. Man kann seine Erzählungen mehrmals lesen und wird immer wieder neue Aspekte und Anspielungen finden. Erik Simon ist nach eigener Aussage nicht der Autor, der dicke Romane schreibt. Stattdessen packt er ganze Romane in kleine Geschichten, und zwar so raffiniert in die Handlung geschichtet, dass sie sich beim einmaligen oder gar oberflächlichen Lesen einfach noch nicht gänzlich entfalten.

Autor und Herausgeber haben die Struktur von Mondphantome, Erdbewohner beibehalten, die einzelnen Abteilungen aber mit thematisch und stilistisch passenden, zuvor nur verstreut oder noch nicht publizierten Texten ergänzt. Dazu treten zwei völlig neue Abschnitte: »Schlangweisers Modellbaukasten« und die »Mysteria phantastica«. Einleitende Bemerkungen der Herausgeber erleichtern dabei die zeitliche Orientierung. Im Anhang finden sich auch Erik Simons eigene Gedanken zu den Geschichten, die oft genauso originell sind wie die Storys selbst.

Die drei fiktiven »Gespräche Isadora Lamues mit Dr. Robert Schlangweiser« kann man inzwischen schon als historische Zeitdokumente ansehen, in denen sich Simon ironisch mit politischen Themen des Nachwende-Deutschlands beschäftigt. »Mysteria phantastica« halte ich für den gelungensten Abschnitt des Bandes. Auch weil sich hier die Variation eines Themas praktisch durch Simons gesamte Schaffenszeit zieht: die erste »Mysterium phantasticum« stammt bereits aus dem Jahre 1972 und erschien 1976 erstmals in der Debütantenanthologie Begegnung im Licht, die zweite ist die bereits erwähnte Geschichte »Die Frachtluke klemmt«, die viele als Simons beste Story bezeichnen und die aus dem Jahre 1995 stammt, die letzte schließlich, »Retter der Ewigkeit«, wurde erst im Jahre 2001 zusammen mit Gundula Sell verfasst und unter dem gemeinsamen Pseudonym Gregor Simsel veröffentlicht.

Wie im ausführlichen Interview mit dem Autor in ALIEN CONTACT 54 nachzulesen war, hat Simon häufig Geschichten zusammen mit anderen Autoren geschrieben. Diese Zusammenarbeit nutzte er besonders für stilistische und inhaltliche Experimente. Neben der letztgenannten Story enthält der Band noch zwei weitere Beispiele solcher Kollaborationen: die zusammen mit Frank Petermann verfasste »Erzählung des Joseph Faber« und die gemeinsam mit Rolf Krohn geschriebene Story »Notlandung«, die einerseits eine der ältesten im Band enthaltenen Geschichten ist – die erste Version stammt bereits aus dem Jahre 1972 – andererseits aber auch die jüngste Geschichte Simons darstellt, da die endgültige Fassung erst wenige Tage vor Erscheinen von Mondmysterien fertiggestellt wurde.

Sehr interessant ist auch eine andere »Zusammenarbeit«: die Geschichte »Der Omm«, eine Inversion der berühmten Erzählung »Der Horla« des Altmeisters Guy de Maupassant, die im Anhang zum besseren Verständnis gleich mit abgedruckt ist.

Mondmysterien ist ein weiteres Mosaiksteinchen im vielschichtigen Werk Erik Simons, das erst mit dem Erscheinen des letzten Bandes komplett sein wird. Dieser Tag liegt aber hoffentlich noch in weiter Ferne, denn solange Erik Simon lebt und schreibt, kann man Simon's Fiction nicht als abgeschlossen betrachten. Sara Schade und Hans-Peter Neumann haben sich also einer Lebensaufgabe verschrieben, Neumann als Herausgeber und Bibliograph sogar in doppelter Hinsicht.

• W. Pankow • ALIEN CONTACT

Originalausgabe
Erik Simon, Mondmysterien. Simon's Fiction 2
(Berlin: Shayol Verlag, 2003) [1005] Bestellen
Titelbild von Franz Miklis, 281 Seiten, Tradepaperback
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