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Ralf Lorenz

Pragmatismus als Programm oder Ein besseres Leben für alle

Einige Bemerkungen zu B. F. Skinners Utopie Walden Two (1948)

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Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint die Welt im Strom eines allseitig anwachsenden, globalen Informations- und materiellen Güteraustauschs zu versinken. In allen Ecken des Globus lassen multinationale Konzerne dieselben Produkte herstellen, deren Erwerb als deckungsgleich mit dem Erreichen eines bestimmten Lebensniveaus gesetzt wird. Zeitgleich pushen dieselben Multis Traumfolien, die den breiten Massen Sehnsüchte und Erwartungshaltungen oktroyieren, die wiederum verkaufsfördernd auf die von ihnen hergestellten Produkte zurückwirken. Das materialisierte Glücksversprechen einer globalisierten Bilder- und Warenflut, moralisch unanständig und gefährlich, ist eine Chimäre. Weil es Wachstum ohne Grenzen nicht geben kann und jegliches Handeln in der wirklichen Welt an objektive Grenzen stößt. Globalisierung in der heute praktizierten Form ist der Gegenpol nachhaltigen Wirtschaftens. Von den nicht unerheblichen Nebenwirkungen abgesehen, handelt es sich um ein Programm ohne innere Folgerichtigkeit und ohne Visionen. Auf dem Weg des bisherigen Wirtschaftens (und Lebens) wird das Glück für die meisten von uns nicht zu erreichen sein.

Gut ist das Ganze nur in dem Sinne, dass diese Art des Wirtschaftens, die der Welt übergestülpt wurde, in nicht allzu ferner Zukunft in eine schwere Krise geführt wird. Und Krisen bergen immer auch Chancen für einen Neubeginn. Doch wo liegen die Ansatzpunkte, die uns die Richtung für einen solchen Neubeginn weisen?

B. F. Skinner hat sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts Gedanken gemacht, auf welchen Wegen ein glückliches Leben für viele Menschen erreichbar sein könnte. In seinem Buch Walden Two, erstmals erschienen 1948, spricht er sich für das Modell einer kleinteiligen Lebens- und Wirtschaftsform aus, das sich an den technischen und technologischen Standards unserer Zeit orientiert. Vorgestellt wird eine Gemeinde von etwa 1.000 Menschen, die ihr Zusammenleben wirtschaftlich und sozial autark gestaltet. Die Struktur der Gemeinde Walden Two basiert auf bestimmten theoretischen Ansätzen der Verhaltenspsychologie. Da Skinner auf diesem Gebiet jahrelang als Forscher tätig war, konnte er die Ergebnisse seiner Forschungen und einige der von ihm erarbeiteten Modelle der positiven Verhaltensverstärkung aus erster Hand in das Buch einbringen.

Vordenker Thoreau

Der Name Walden Two geht zurück auf das 1954 erschienene Buch Walden oder Leben in den Wäldern des amerikanischen Schriftstellers Henry David Thoreau. Darin schildert der Autor, wie er sich am einsamen Waldensee unweit der Stadt Concord, Massachusetts, ein Blockhaus errichtete und zwei Jahre in dieser Einsiedelei lebte. Mit seinem Experiment bewies Thoreau, dass ein Leben in relativer Unabhängigkeit von menschlicher Zivilisation möglich ist. Als ein früher Vorläufer alternativer Lebensformen proklamierte Thoreau folgende Thesen:

Es gibt keine Lebensweise, der man nicht entrinnen könnte. Untersuchen Sie Ihre eigene genau!

Wenn Sie Ihnen nicht gefällt, dann ändern Sie sie!

Versuchen aber nicht, diese Änderung durch politische Tätigkeit zu bewirken, denn selbst, wenn es Ihnen gelingt, werden Sie sicher nicht klüger damit umgehen können als Ihre Vorgänger!

Legen Sie nur Wert darauf, Ihre Probleme auf Ihre eigene Art zu lösen!

Vereinfachen Sie Ihre Bedürfnisse! Lernen Sie, wie man mit weniger Eigentum glücklich sein kann!

In Walden Two, rund 100 Jahre später, gelten die uns vertrauten sozialen Kodes und ökonomischen Grundkonstellationen nicht. Die Arbeit beispielsweise wird in dieser Gemeinde nicht als Selbstzweck betrachtet, sondern auf ihre eigentliche Bedeutung als notwendige Existenzsicherung reduziert. Materielles Denken ist nicht primär, denn aufgrund eines anderen Sozialverhaltens und einer grundsätzlich anders strukturierten ökonomischen Basis gelten andere Werte. Motto: »Das Motiv des Dominierens spielt bei uns keine Rolle, weil wir stets an die gesamte Gruppe denken«. Das Leben in Walden Two also eine Idylle? Wurden hier 1948 gewisse Hippie-Träume vom Ausstieg aus der verhassten bürgerlichen Welt vorweggenommen?

Damit würde man es sich zu einfach machen. Walden Two besticht durch die Komplexität des imaginierten Modells einer alternativen Lebens- und Wirtschaftsform. Liebevoll und minutiös wird uns zunächst erläutert, auf welche Art und Weise man in Walden Two die »richtigen« Menschen herbekommt, ohne die ein solches Modell einfach nicht funktionieren kann. (Ein Problem, an dem bekanntlich auch die sogenannten sozialistischen Gesellschaften im 20. Jahrhundert jämmerlich scheiterten.) Die Kinder werden bereits im frühen Alter auf bestimmte, später gewünschte soziale Verhaltensweisen konditioniert. Dabei wird davon ausgegangen, dass der Mensch eben nicht von Natur aus gut ist, sondern das spätere »Gutsein« nur durch bewusste Einflussnahme im frühesten und frühen Kindesalter dauerhaft erreicht werden kann. Je älter die Kinder in Walden Two werden, desto geringer wird der Einfluss der Erwachsenen, und desto stärker erziehen sie sich in gruppendynamischen Prozessen gegenseitig. Das Lernen geschieht spielerisch, hat dabei aber einen hohen Bezug zu den gesellschaftlichen Erfordernissen. Wer dies kritisiert, sollte einmal darüber nachdenken, dass in unserer Welt Kinder mit einem Erziehungs- und Schulwesen konfrontiert werden, das seiner Bestimmung und Aufgabenstellung in weiten Teilen nicht gerecht wird. Im Ergebnis eines solchen Systems sind persönliche Konflikte und gesellschaftlich unerwünschte Nebenwirkungen beim Übergang ins Erwachsenenalter praktisch vorprogrammiert. Für die Halbwüchsigen in Walden Two ist der Übergang in die Erwachsenenwelt ein fließender Prozess, Konflikte sind selten; sie werden bereits in der Jugend zu gefestigten Persönlichkeiten und wachsen in bruchloser Weise als vollwertige Gemeindemitglieder auf.

Die schöne neue Welt von Walden Two

Bis auf wenige Spezialisten übt niemand lebenslang denselben Beruf aus; die Menschen haben lediglich ein tägliches Arbeitspensum zu absolvieren, das je nach Aufgabenstellung mit Arbeitspunkten bewertet wird. Der Regelfall sind maximal 4 Stunden Arbeit am Tag. Ein Protagonist fasst das Credo wie folgt zusammen: »Es stimmt, wir genießen einen hohen Lebensstandard [...], aber unser persönlicher Wohlstand ist sehr gering. In Geld ausgedrückt sind die Güter, die wir konsumieren, nicht besonders wertvoll. Wir folgen Thoreaus Grundsatz, unnötigen Besitz zu vermeiden ...«

In Walden Two ist die monogame Ehe die Norm, sie ergibt sich sozusagen als die natürliche Lebensform zwischen zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts. Da die Kindererziehung sozialisiert ist (die Kinder werden in dafür vorgesehen Einrichtungen gemeinschaftlich erzogen), sind die Eltern den unmittelbaren familiären Pflichten und Zwängen enthoben, was sich insbesondere für die Frauen sehr positiv auswirkt. Teenagerschwangerschaften und -geburten sind kein Problemfall für die jungen Eltern bzw. die Gemeinde, sondern gelten als wünschenswert: Biologische Gegebenheiten und soziale Anforderungen befinden sich in Walden Two eben nicht im Widerspruch.

Was tun die Menschen mit ihrer freien Zeit, wie leben sie miteinander? Sie widmen sich der Kunst im weitesten Sinne. Es gibt Konzerte, Theateraufführungen, Malerei; sie forschen auf einem bestimmten Gebiet – und das nicht nur in passiver Weise, sondern auch aktiv. Am Beispiel der Musik wird das so erläutert: »Denken Sie an die Wirkung auf unsere Kinder! Sie erleben Musik bereits in der Wiege – was nebenbei bemerkt nur eine Redensart ist, da wir die Wiege durch eine erheblich sinnvollere Einrichtung ersetzt haben. Sie haben die Möglichkeit, jeder musikalischen Neigung zu folgen, mit erstklassigen, begeisterten Lehrern und verständnisvollen, wohlwollenden Zuhörern, die gespannt ihre ersten Leistungen erwarten. Was für eine Umwelt! Selbst die leiseste Spur von Musikbegabung kommt hier zum Tragen.«

Der Weg ist das Ziel

Thoreaus Grundsätze sind in Walden Two verwirklicht, jedoch in einer Weise, die auf gemeinschaftliches Zusammenleben einer größeren Gruppe von Menschen zielt. Es dürfte unzweifelhaft sein, dass das Leben im sozialen Verband eher unserem biologischen Erbe aus der Zeit der Primaten-Vorfahren entspricht, als Thoreaus Einsiedlerleben am Waldensee. Bestimmte Steuerungsmaßnahmen und Regeln sind auch in der Gemeinde von Walden Two unerlässlich, um die Stabilität der Gemeinschaft sicherzustellen. Doch verglichen mit denen in unserer Welt haben diese keinen notorisch zwanghaften Charakter, sondern sind ab einem gewissen Punkt sich selbst regulierende, natürlich ablaufende Prozesse. Niemand wird bestreiten, dass soziale Stabilisierung in unserer Welt im Regelfall über hierarchisch aufgebaute Macht- und Gewaltstrukturen erreicht wird – in Walden Two sind diese nicht erforderlich, weil eine relative Gleichheit der Lebensbedingungen herrscht.

Die Zielvorstellung von einem besseren Leben für alle wurde in Walden Two in exemplarischer Weise umgesetzt, das Potential des Einzelnen wie der Gruppe kommt in ganz anderer Weise zur Entfaltung. Natürlich ist es ein Wunschbild des Autors, und natürlich darf die Frage nach der Handlungsfreiheit des Einzelnen in einer solchen Gemeinschaft gestellt werden. Skinner postuliert, dass es so etwas wie Freiheit im landläufigen Sinne gar nicht gibt: »Wir haben kein ›Lexikon der Freiheit‹, in dem steht, was wir tun sollen. Die Frage stellt sich nie. [...] Die Frage ist: Können Menschen in Freiheit und Frieden leben? Und die Antwort lautet: Ja, wenn wir eine soziale Struktur schaffen, die die Bedürfnisse aller befriedigt und in der jeder bereit ist, die Regeln zu befolgen, die diese Struktur aufrecht erhalten.«

Adaptionen von Kommunen hat es in der Geschichte der Menschheit viele gegeben, doch für eine dauerhaft funktionierende Gemeinde in der Struktur von Walden Two hat es nie gelangt, bisher jedenfalls nicht. Über die Gründe dafür kann man nur mutmaßen. Vielleicht war Skinners Ansatz zu idealistisch? Offenbar gibt es nicht genügend intelligente Leute, die sich für eine solche Struktur ernsthaft interessieren, bzw. die bereit wären, sich mit ihrer ganzen Existenz dafür einzusetzen ... Denn eine solche Gemeinde kann ja nur von Leuten aus unserer Welt initiiert werden, und die Anfangsschwierigkeiten für ein solches Projekt sollte man nicht unterschätzen. Walden Two bleibt ein gedankliches Konstrukt, bis es jemand verwirklicht. Ob es in der beschriebenen Weise funktionieren würde, können wir daher nicht wissen. In jedem Fall ist Walden Two ist auch heute noch eine faszinierende Vision, wohl einer der ernsthaftesten Versuche des 20. Jahrhunderts, uns tatsächliche Alternativen für die Gestaltung unseres zukünftigen Lebens aufzuzeigen.

Das Buch wurde 1970 im Rowohlt Verlag unter dem deutschen Titel Futurum Zwei veröffentlicht. 2002 erschien im FiFa Verlag eine Neuübersetzung von Henry Theodor Master, der sich insbesondere um die Aktualisierung der verhaltenspsychologischen Terminologie verdient machte.

© 2004 Ralf Lorenz

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Originalausgabe
Burrhus Frederic Skinner, Walden Two (1948)
Dt. Ersausgabe
Burrhus Frederic Skinner, Futurum Zwei
(Reinbek: Rowohlt, 1970)
Übersetzt von Martin Beheim-Schwarzbach
Dt. Neuausgabe
Burrhus Frederic Skinner, Walden Two. Die Vision einer besseren Gesellschaftsform
(München: FiFa Verlag, 2002) Bestellen
Übersetzt von Henry Theodor Master, Taschenbuch, 331 Seiten
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