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| Bruce Sterling, Austin, Texas, schreibt Science Fiction. Normalerweise. Er macht
auch einige andere Dinge, treibt sich etwa auf der nettime-Mailingliste herum oder hält
Hof als Papst des Viridian Design Movement. Mit Tomorrow Now liegt nun ein Buch
vor, das von Random House in die Kategorie »Technologie/Soziologie« eingeordnet wird.
Laut Klassifikation der Library of Congress handelt es sich um Vorhersagen über das 21.
Jahrhundert. Das beschreibt das Buch schon ganz richtig, aber nicht vollständig. Erstens
lässt diese Charakterisierung die wirklich bibliophile Gestaltung außer Acht (den
halb-transparenten Schutzumschlag, die Typographie, etc.), und zweitens beschreibt
Sterling, wie alle Science-Fiction-Autoren, in seinem populären Sachbuch eher die
Gegenwart als die Zukunft, wenn er von der Zukunft spricht. Oder noch etwas genauer
ausgedrückt: Er sucht in den Ereignissen und Entwicklungen der Gegenwart nach den Trends
und Technologien der Zukunft, denen der nächsten fünfzig Jahre. Praktischerweise macht
er das auch, wenn er mit dem Hut »Science-Fiction-Autor« tätig ist, und so finden
Sterlingerati in Tomorrow Now auch ständig Stellen, die eigentlich nichts
anderes machen, als den technologischen, sozialen und politischen Hintergrund zu
beschreiben, vor dem Bücher wie Zeitgeist, Holy Fire oder Distraction
spielen. Und das ist auch gut so, denn hier liegt nun endlich eine bei aller
amerikanischen Popkultur doch stärker begründete und argumentierende Fassung von
Vermutungen über die Zukunft vor, die eingefleischten Sterlingeratis auch in der
literarischen Fassung schon verdächtig plausibel vorkamen. Insofern hat Tomorrow Now
vielleicht die Chance, sich zur Bibel einer neuen futuristischen Bewegung zu entwickeln.
Das heißt nicht, das nicht jede und jeder Stellen in Tomorrow Now finden wird,
die unwahrscheinlich erscheinen, unplausibel sind oder nur vor dem Hintergrund eines
Bürgers des amerikanischen Imperiums verständlich wirken. Trotzdem schafft Tomorrow
Now es, in einer Synthese aus Biotechnologie, Transhumanismus, cyberpunkiger
Technikverliebtheit, Ökologie und einem vernetzt-globalen Politikverständnis einen
Gegenentwurf zur stromlinienförmigen Zukunft der 1930er Jahre, zur gerade wieder hippen
1960er-Jahre-Zukunft mit ihren Großtechnologien und zu den apokalyptischen Szenarien der
1990er Jahre zu setzen. Und dabei weitgehend überzeugend zu wirken. En detail: Sterling gliedert sein Buch über das Leben seiner Kinder analog zu einer Szene Shakespeares in sieben Entwicklungsstadien des Menschen: das Kind, der Student, der Liebhaber, der Soldat, der Richter, der Rentier und schließlich »mere oblivion«, der Tod. In den einzelnen Kapiteln von Tomorrow Now nimmt Sterling diese Figuren als Ausgangspunkt für weitschweifende Überlegungen. Das Kind steht für die nächste neue Technologie: Biotechnik, Genetik, Reproduktion und - so wahrscheinlich bisher selten zu lesen - die Vision einer mit kleinen spezialisierten Mikroben arbeitenden Gentechnik, die dann auch ein ganz neues Verständnis für unsere körpereigene Fauna und Flora mit sich bringt. Der Student repräsentiert eine Welt, in der Netzwerke alles und alles Netzwerke sind (inklusive besagter Mikroben). Gleichzeitig geht es um eine Wissensgesellschaft, in der Wissen vergänglich und zugänglich zugleich ist und die das Ende des klassischen Gelehrten darstellt. Der Liebhaber handelt von der Liebe zu den Dingen und der Liebe der »smarten«, gizmoiden Dinge zu uns und skizziert Designgrundsätze einer Welt, in der »form follows function« nicht mehr gelten kann, weil die Funktion längst unsichtbar und unformbar in Chips versteckt ist. Funktionale Parallelen zu Jugendstil und Art déco sieht Sterling in allgegenwärtigen, rundlich-organischen technischen Gerätschaften (»Blobjects«), die von uns gestreichelt und liebkost werden wollen. »Der Soldat« geht auf die Neue Weltordnung und ihre Schattenseite, die Neue Weltunordnung, mit ihren staatenlos gewordenen Territorien, globaler Kriminalität und vernetztem Terrorismus ein. Der Figur des Richters gewidmet ist ein Kapitel über Politik und Medien, die längst zu einem symbiotischen Ganzen geworden sind. Als Gegenpol zu den auf ein Minimum beschränkten technokratischen Regierungen und dem politischen Aktivismus von Lobbyorganisationen und NGOs imaginiert Sterling das Heraufziehen einer neuartigen globalen Bewegung, deren erste - krude, und dunkle - Variante er im Al-Quaida-Netzwerk sieht. Der Rentier lehrt - mit Beispielen aus der alten Informationsindustrie der Verlage illustriert - etwas darüber, wie die neue Informationsindustrie des 21. Jahrhunderts nach dem Ende des Startup-Booms aussehen wird. Das letzte Todeskapitel schließlich widmet sich den Katastrophen und den Auswegen und macht die Vergänglichkeit der Menschheit deutlich. Massenvernichtungswaffen stellt Sterling den mit Gletscherrückzug und Wetterunbilden illustrierten Treibhauseffekt entgegen und weist auf ökologische Auswege aus einer dem Rauchen vergleichbaren tödlichen Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen hin. Vergänglichkeit betrifft aber auch die Frage, ob wir uns nicht einer posthumanen, transhumanistischen »Vengeschen« Singularität nähern, hinter der heute nicht voraussehbare Post-Menschen stehen, biologisch und cybernetisch transformiert: aus unserer Sicht vielleicht gottgleich, aus ihrer eigenen Sicht ebenso in alltägliche Sorgen eingebunden wie wir. Sterling selbst sieht in den 1990er Jahren eine Belle Époque, vergleichbar der Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das Ende dieser Periode zwischen Kaltem Krieg und neuer Weltunübersichtlichkeit findet sich aber nicht, wie damals, in einem einzigen Ereignis, auch wenn der 11. September 2001 dem nahe kommt. Vielmehr vollzieht sich der Übergang in eine Zukunft, die uns fremd vorkommen wird, obwohl sie ihre Wurzeln tief im Jetzt hat, langsam und schleichend. Tomorrow Now ist eine Zukunftsvision, ist aber auch ein Suchen nach den Indikatoren für Veränderungsprozesse. Es ist keine Science Fiction, kein wissenschaftliches Buch, kein politisches Manifest. Aber es hat doch von allem etwas und kann in den Händen der richtigen LeserInnen zu all dem gemacht werden. Insofern ist es vielleicht sogar ein gefährliches Buch. Hier lauern memetische Viren. Till Westermayer |
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