ALIEN CONTACT
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Sean Stewart

Hexensturm

Mockingbird • 1998

Science Fiction > Alien Contact
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Bereits mit früheren Romanen wie Die Nachtwache (The Night Watch) oder Schwester des Sturms (Clouds End) hat Sean Stewart unter Beweis gestellt, dass Fantasy-Literatur sich durchaus nicht nur auf das Klischeebild der schnöden Wunscherfüllungs-Phantasie für realitätsflüchtige Leser beschränken muss. Seine Geschichten entwickeln ihre nahezu magische Kraft aus den phantasievollen Schilderungen, der poetischen Sprache, dem sicheren Gefühl des Autors für Spannungsaufbau und den herrlich lebensecht wirkenden Figuren, die sich allen tolkienesken Vergleichen standhaft verweigern. Damit hat Stewart eine vollkommen eigenständige Bilderwelt erschaffen, wie sie in der angloamerikanischen Fantasy einzigartig ist. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb?) werden seine Bücher hierzulande immer noch als Geheimtipp gehandelt. Das könnte sich mit Hexensturm ändern, denn hier ist dem Autor ein eminent lesbarer Roman gelungen, der ein breiteres Publikum ansprechen will und dennoch nichts vom hohen Anspruch seiner früheren Erzählungen verloren hat.

Statt in unbekannten phantastischen Welten ist die Handlung im Texas der Gegenwart angesiedelt und zeigt sich weniger der Tradition klassischer Fantasy als der des Magischen Realismus verbunden. Man könnte sich kaum einen nüchterneren und unsentimentaleren Menschen vorstellen als Toni Beauchamp. Nicht von ungefähr hat sie den Beruf einer Aktuarin ergriffen, ist es doch deren Aufgabe, die Unwägbarkeiten des Lebens in überschaubare und beherrschbare Statistiken zu verwandeln. Als Tonis Mutter Elena stirbt und sie endlich von ihrem alles bestimmenden Einfluss befreit ist, beschließt die junge Frau, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und eine Familie zu gründen. Mangels eines passenden männlichen Pendants ergreift sie die Möglichkeiten moderner Medizin beim Schopfe und lässt sich künstlich befruchten. Ihre verstorbene Mutter hat Toni jedoch ein zweifelhaftes Erbe hinterlassen: einen Schrank voller magischer Puppen, die von einem rätselhaften Eigenleben erfüllt zu sein scheinen. Sie können in den Geist eines Menschen eindringen und ihm ihren Willen aufzwingen. Das ganze Leben ihrer Mutter war von diesen »Göttern« bestimmt gewesen, und Toni hatte gehofft, dass mit dem Tod der Mutter auch die Macht der magischen Geisterwesen endlich gebrochen sei. Sie muss jedoch bald feststellen, dass sie sich dem letzten Geschenk ihrer Mutter nur schwer entziehen kann.

Mit großer sprachlicher Sicherheit und unwiderstehlichem Humor erzählt Stewart die Geschichte des Konfliktes zweier Generationen texanischer Frauen. Dabei ist man geneigt, einen erneuten Blick auf das Cover des Buches zu werfen, um sich zu vergewissern, ob der Autor tatsächlich ein Mann ist - so überzeugend fühlt sich der Roman in das Empfinden und Denken der weiblichen Hauptfiguren ein. Hexensturm ist die Geschichte einer jungen Frau, die den eigenen Weg im Leben finden will und feststellen muss, dass dieser Weg sie in die Vergangenheit führt und schmerzliche Erfahrungen, aber auch erstaunliche Überraschungen bereit hält. Die phantastischen Elemente des Romans entwickeln eine vollkommen eigene Dynamik. Geschickt sind sie mit der Haupthandlung verknüpft und treiben als kathartische Momente die Geschichte voran. Dabei gehen komische und realistisch-tragische Situationen ein ausgewogenes Mischverhältnis ein. Hexensturm ist der Roman eines meisterhaften Erzählers, der Vergleiche mit den großen Werken des Magischen Realismus wie Isabel Allendes Geisterhaus nicht zu scheuen braucht.

Sara Schade

Originalausgabe
Sean Stewart, Mockingbird
(New York: Ace Boooks, 1998)
dt. Erstausgabe
Sean Stewart, Hexensturm
(München: Piper, 2003) [6503] Bestellen
deutsch von Hannes Riffel, Titelbild: Sally Boon, 316 Seiten, TB
Leser-Service:
Lieferbare Titel von Sean Stewart
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