| Mit Singularität eröffnet der britische
SF-Shootingstar Charles Stross eine Romanfolge, die Leserinnen und Leser vierhundert Jahre
in die Zukunft entführt. Auf der Erde herrscht eine produktive transhumane Anarchie, in
der politische Gewalt zwar nicht überwunden, jedoch Dank erfolgreichen
Abrüstungsbemühungen der UNO zum Randphänomen geworden ist. Diese Entwicklung wurde
durch eine »Singularität« in Gang gesetzt, ein außergewöhnliches Ereignis gegen Ende
des 21. Jahrhunderts. Von einem Augenblick auf den nächsten wurden neun Zehntel der
irdischen Bevölkerung auf viele hundert Lichtjahre entfernte Welten verstreut.
Verantwortlich dafür war das »Eschaton«, eine mächtige Künstliche Intelligenz aus
einer posthumanen Zukunft. Der Schritt ins Zeitalter interstellarer Raumfahrt hatte die
Gefahr mit sich gebracht, dass die Raumzeit von den unbedarften Menschen zu Ungunsten des
Eschatons auf den Kopf gestellt würde. Um derartigen Massenteleportationen künftig
vorzubeugen, wurde die Bewahrung der Zeitlinie fortan zur obersten Direktive der
postnationalen »Vereinten Nationen«. Und dies wird auch zur persönlichen Mission der
Heldin, UN-Oberst Rachel Mansour. »Rochards Welt«, das planetare Sibirien der »Neuen
Republik«, frühmorgens: Es regnet Handys. Was zunächst irritierend an Mobilfunkwerbung
erinnert, erwiest sich schon bald als Einführung in eine originelle Konfrontation von
zwei gegensätzlichen Lebensweisen, die den Roman bestimmt. Auf der einen Seite die 250
Lichtjahre von der Erde entfernte besagte Neue Republik, eine feudale Diktatur aus den
Geschichtsbüchern Europas, die die Klassengesellschaft des 17. Jahrhunderts gegen das
transhumane Zeitalter nach innen mit der Knute durchsetzt. Nach außen verteidigt sie den
gesellschaftlichen Stillstand mit einer Raumflotte, die sich zumindest relativ gesehen auf
dem neusten Stand der interstellaren Raumfahrttechnik befindet. Hinter dem umgehend als
bedrohlich eingestuften Handyregen steckt dagegen das »Festival«. Diese
»Upload-Zivilisation«, mit einem über tausend Lichtjahre von der Erde entfernten
Ursprung, hat ihren Anfang mit einem Verfahren genommen, das via Hirnupload den Ausstieg
in den Cyberspace erlaubt. Der schnöden wirklichen Welt mit ihrer materiellen Endlichkeit
enthoben, haben die folgenden Generationen mit humanoiden Normen nur noch wenig gemein.
Irgendwann machten sich »selbst-replizierende interstellare Sonden« auf den Weg, um für
das Zentrum Informationen über das Universum zu sammeln. Noch am gleichen Tag, an dem
sich das Festival im Orbit von Rochards Welt bemerkbar macht, erklärt die Neue Republik
den mysteriösen Eindringlingen den Krieg ...
Die Skeptiker unter den SF-Begeisterten haben es schon immer gewusst: Im All trifft der
Mensch nur auf das Fremde in der eigenen Spezies. So auch in Stross überzeugender
Reanimierung der Space Opera, der der Cyberpunk in den 80er Jahren den Rang als
Königsdisziplin der SF abgelaufen hat. Mit dieser Rückkehr zur großen
Zukunftserzählung ist auch die Liebe zum raumfahrttechnologischen Detail verbunden. Das
führt dazu, dass Stross kenntnisreiche Spekulationen, auf welche Arten sich das
Problem der Überlichtgeschwindigkeit trotz des bekannten Einsteinschen Einspruchs umgehen
ließe, stellenweise die Schwelle zum wenig unterhaltsamen Astronomieseminar
überschreiten. Weitaus störender macht sich Stross Techno-Nerdimus in den mit
endlosen monotonen Befehlen inszenierten Raumschlachten bemerkbar. Was sich bei einer
eventuellen Verfilmung als bombastischer Leinwandspaß erweisen könnte, wird im
Romandebüt des vormaligen Computerjournalisten zum sinnlosen Entschleuniger der ansonsten
auf Thrillertempo getakteten Handlung.
Erfreulicherweise ist Stross bei den Tiefenschärfen, die die Persönlichkeiten der
Hauptfiguren auszeichnet, ebenso gründlich wie bei den naturwissenschaftlichen Fiktionen.
Rachel Mansour vermittelt den Leserinnen und Lesern recht lebendig, wie sich transhumane
Frauenpower im Dienste der UNO ausbuchstabiert. Währendessen legt der männliche Held,
Ingenieur Martin Springfield, überzeugend dar, dass die Arbeit als »Ich-AG« auch im 25.
Jahrhundert ihre Licht- und Schattenseiten hat. Und wie sich Liebe und Leidenschaft
zwischen Leuten jenseits des 80. bzw. 150. Geburtstags anfühlt, denen die moderne Medizin
eine körperliche Konservierung als Mittzwanziger erlaubt, kommt auch ganz gut rüber.
Das Erfolgsgeheimnis von Charles Stross Romandebüt, dem bereits einige Erfolge
mit Kurzgeschichten vorangingen, dürfte in seinen mehr oder weniger offenen Bezugnahmen
auf aktuelle politische und wissenschaftliche Diskussionen verborgen liegen. Auf
unterhaltsame und kreative Weise kritisiert er die gegenwärtigen Verhältnisse aus der
Perspektive einer fiktiven Zukunft. Da gibt es eine Zivilisation, die sich gegen jede
Veränderung sperrt; militaristisches Denken, das im »Krieg der Informationen« scheitern
muss. Dem steht eine UNO gegenüber, die die Erde mit ihrem Abrüstungsregime in ein
transhumanistisches Zeitalter begleitet. Es bedarf keiner außergewöhnlichen
Anstrengungen, um hier den Weg, den die USA unter der neokonservativen Bush-Regierung
welt- und innenpolitisch eingeschlagen hat, in der Kritik und mit Alternativen
konfrontiert zu sehen. Stross tut das nicht aus dem Affekt heraus. Seine Figuren, sein
Szenario sind literarische Bearbeitungen von Diskussionen aus Programmiererszene,
futuristischer Philosophie und der Science Fiction selbst.
So dockt er mit dem bekannten SF-Motiv der Materiereplikatoren an die Freie-Software-Bewegung
an, die auf einen öffentlich zugänglichen Quellcode zur Weiterentwicklung von Software
setzt und mit Produkten wie Linux oder Mozilla Firefox bekannt geworden ist. Dabei greift
der IT-Insider Stross auf das Topthema des offensiv politischen Teils dieser Bewegung
wie etwa Oekonux zurück: die Potentiale, die dieses Prinzip zur
Überwindung der kapitalistischen Überfluss- und Mangelgesellschaft haben kann. Ein
weiteres Beispiel sind die Dissidenten der Neuen Republik, die als »extropianistische
Postmarxisten« eingeführt werden. Den Extropianismus gibts wirklich. Das ist eine
Technik gläubige Ideologie, die auf eine kritische wie kreative Nutzung der Nano-,
Computer- und anderer Zukunftstechnologien für eine transhumanistische Evolution setzt.
Als von Karl Marx inspirierter SF-Autor schenkt Stross vor allem den weit reichenden wie
chaotischen Folgen dieser Evolution seine Aufmerksamkeit. Vernor Vinge schließlich hatte
die Titel gebende Idee von Stross Roman auf den Punkt gebracht, wonach
technologische und biowissenschaftliche Entwicklungen in naher Zukunft in einer Singularität
gipfeln werden, die mit der Menschwerdung einer Primatengattung auf diesem Planeten
vergleichbar sei. Dieser Point of no Return ist für Vinge mit der Geburtsstunde einer
übermenschlichen, künstlichen Intelligenz verbunden.
In den 1980er waren es Vinge und Autoren wie William Gibson, Neal Stephenson oder Bruce
Sterling, die diese Idee aufgriffen und damit eine neue Schule der Science Fiction
begründeten den Cyberpunk. Nachdem Stephensons Cryptonomicon das Subgenre
aus der stilbildenden nahen Zukunft herausgelöst und zum Erstaunen des Publikums in den
Zweiten Weltkrieg und die ganz nahe Zukunft verlegt hat, ist der von Stross vollzogen
Schritt nur konsequent. Er versöhnt den Cyberpunk mit der Space Opera und bedient sich
dabei der Stärken beider Welten. Vom Cyberpunk übernimmt er die Tuchfühlung zur
Informationsgesellschaft, von der Space Opera die großartige Möglichkeit, in Galaxien
vorzudringen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
Dirk Kretschmer |

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