Der
Roman Das Experiment hat wie so viele Werke der Strugatzkis eine lange
Vorgeschichte. Von der Idee her bereits 1967 entworfen, war er von der kurzen
Tauwetterperiode im gesellschaftlichen System der UdSSR jener Jahre geprägt. Als das
Manuskript 1972 fertig war, herrschte wieder politische Eiszeit, und so musste es lange
Jahre im Winterschlaf des privaten »Giftschrankes« der Gebrüder Strugatzki verbringen,
ehe mit »Glasnost und Perestroika« des neuen Generalsekretärs Michail Gorbatschow die
Dämme brachen, die letztlich zum Ende der Sowjetunion und zum Zerfall des Ostblocks
führten. Aber es war eine völlig neue Zeit, in der man Botschaften endlich auch direkt
vermitteln konnte und nicht nur in Andeutungen und Wortspielen (zumindest glaubten das
viele Autoren in der ersten Euphorie des Aufbruchs). Das Experiment wäre in den
Jahren des gesellschaftlichen Stillstandes literarischer Sprengstoff gewesen, die neue
Öffnung zum Westen machte das Buch mit seiner zwischen den Zeilen versteckten Botschaft
leider überflüssig. So erschien es eher unauffällig 1988/89 in Russland und gleichfalls
kaum beachtet 1993 als Ullstein-Hardcover unter dem Titel Stadt der Verdammten
erstmals in deutscher Übersetzung.Sascha Mamczak entdeckte das verkannte »Meisterwerk
der Science Fiction« (so der Name der Heyne-Reihe) zum Glück wieder. Das einst eher
hässliche Entlein wurde zu einem ansprechend gestalteten und durch Vor- und Nachworte
kommentierten Buch, dem zum ganzen Glück nur noch der Festeinband gefehlt hätte. Die
ursprüngliche Übersetzung Reinhold Fischers wurde von Erik Simon überarbeitet und wo
nötig vervollständigt. Eine gelungene Ergänzung sind zudem das Vorwort Karlheinz
Steinmüllers und die Nachworte Boris Strugatzkis und Erik Simons, die den Roman im
Gesamtwerk der Autoren ins rechte Licht setzen und über Entstehung und Intention des
Buches aufklären. Für viele Leser verbindet sich ja der Name der Gebrüder Strugatzki
vor allem mit ihrer »Welt des Mittags«, jenem Universum, mit dem viele Romane und
Erzählungen verknüpft sind.
Das Experiment spielt außerhalb dieses sehr realen und optimistischen
Universums. Der Protagonist erlebt surrealistisch bis pychedelisch wirkende Abenteuer in
einer Traumwelt, die parabelhaft mit den großen Fragen der sozialistischen Utopie und den
Realitäten in Stalins Reich verbunden sind. Immer tiefer zieht es ihn in diese
Zwischenwelt, um schließlich nach keinesfalls erfrischendem Schlaf in der grauen
Realität Russlands zu erwachen. Oder ist er immer noch in seinem Traum gefangen, der
lediglich in eine neue Runde geht? Dem Bann des Buches kann sich der Leser, hat er sich
erst einmal auf das Leseabenteuer eingelassen, nicht entziehen. Auch wenn das Experiment
Sozialismus größtenteils gescheitert ist, kann die Nachlese dieses Desasters in unserer
schönen neuen Welt für Denkanstöße sorgen, die wir dringender denn je benötigen.
Siegfried Breuer ALIEN CONTACT
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