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| Der Cthulhu-Mythos hat weiter Hochkonjunktur, und nachdem bei Festa bereits
zwei Anthologien erschienen sind, schiebt nun auch Bastei seine zweite nach -
erstaunlicherweise ebenso mit braunem Cover wie Festas zweiter Band, Der
Cthulhu-Mythos 1976-2002; die ersten waren jeweils blau. Und auch inhaltlich lassen
sich beide vergleichen, denn in ihnen finden sich die Geschichten, die sich nicht
ausschließlich am Mythos orientieren, sondern viel eher an Lovecrafts Vorstellung von
einem »kosmischen Grauen«. Spur der Schatten geht dabei einen Schritt weiter,
vielleicht schon so weit, dass man nicht mehr von einer Cthulhu-Anthologie reden müsste;
doch man kann es. F. Paul Wilsons Auftakt »Die Pine Barrens« orientiert sich auffallend stark an Lovecrafts »Die Farbe aus dem All«. Es geht um seltsame Lichterscheinungen in einer abgelegenen ländlichen Gegend, doch die Geschichte lebt mindestens ebenso von den treffend geschilderten Figuren und ihrer Beziehung zueinander wie von der Handlung. Ähnlich herausragend ist die seltsame Liebesgeschichte eines Eigenbrötlers von Joanna Russ mit einem Zitat aus »Pickmans Model« als Titel: »Ich muss sie unwillkürlich abgerissen und eingesteckt haben ... aber bei Gott, Eliot, es war eine Blitzlichtaufnahme nach dem Leben!«; und Bruce Sterlings melancholische zehnseitige Geschichte »Das Undenkbare« über einen Agenten, der in den Ruhestand gehen will. Auf T.E.D Klein, Ramsey Campbell und Thomas Ligotti ist sowieso (fast) immer Verlass, und Esther M. Friesner liefert mit »Die Liebe uralt´ Götterblut« eine charmante Erzählung, in der sich Lovecrafts Ungeheuer als menschlicher herausstellen als eine ausbeuterische Verlagsleiterin. Kosmisches Grauen sucht man hier allerdings vergeblich. Hinzu kommen solide bis gute Erzählungen von Gene Wolfe, James P. Blaylock, Gahan Wilson, Poppy Z. Brite, Michael Shea, Kim Newman und Fred Chappell, dessen Idee eines Bücher fressenden Necronomicons sehr schön ist, sowie zwei eher mäßige von Lawrence Watt-Evans und Basil Copper. Wirklich begeistern können allerdings die letzten beiden Beiträge. Harlan Ellison erzählt in »Auf der Marmorplatte« von dem Fund eines toten Riesen in einer Grube und davon, wie er ausgestellt wird und wie sein Besitzer in der Nähe des Riesen eine neue Sicht auf die Welt erfährt - kosmisches Staunen statt Grauen und ein Schuss Misanthropie. Cthulhu kommt kein einziges Mal vor, dafür steht die griechische Mythologie im Mittelpunkt. In Roger Zelaznys »24 Ansichten des Fujiyama, von Hokusai« wird Cthulhu zwar erwähnt, aber eigentlich nur am Rande, um einen verwerflichen Mönchsorden näher zu charakterisieren. Die Geschichte selbst handelt von einer sterbenskranken Frau, die ihren Mann vernichten will, der selbst im »Datennetz« lebt und dort die Welt verändert. Und der seiner Frau nachstellt, wo immer sie sich auch aufhält. Spur der Schatten enthält 18 mehr oder weniger von H.P. Lovecraft inspirierte Erzählungen, die fast ausschließlich ohne Tentakel auskommen; von Autoren, die keine schwachen Plagiate abliefern, sondern fast ausschließlich über eine eigene literarische Stimme verfügen, und diese auch nutzen. Eine wirklich schöne Sammlung, wenn auch nur halb so cthulhoid, wie der Klappentext vermuten lässt. |
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