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| Von Jack Williamson, dem inzwischen über neunzigjährigen Altmeister der Science Fiction, ist ein neuer Roman
erschienen. In Die Endzeitingenieure hat ein riesiger Meteor die Erde zerstört.
Er kam wie aus dem Nichts, die Vorwarnzeit für die Menschen der Erde betrug nur wenige
Stunden; beinahe zu wenig Zeit, um den Plan, den Calvin DeFort entwickelt hatte,
vollständig umzusetzen: den Aufbau einer computergesteuerten Station auf dem Mond, in der
zu gegebener Zeit Klone ausgewählter Menschen gezüchtet werden, die die Erde neu
besiedeln sollen. Neben einigen Auserwählten gelingt es auch Kell, Profikiller und Leibwächter eines Drogenbosses, sowie seiner Freundin Mona, in das einzige vor dem Einschlag startende Raumschiff und damit zur Mondstation zu gelangen. Jack Williamson führt an dieser Stelle als Gegengewicht zum Idealismus seiner handelnden Personen, die die Mondstation errichten und ausrüsten, auch die Niederungen im menschlichen Leben vor. Wenngleich gerade diese Szenen etwas abgehackt dargestellt werden, wirkt die gesamte Handlung dadurch authentischer. Im ersten Teil des Buches wechselt die Beschreibung von Einrichtung und Sinn der Mondstation mit bruchstückhaften Skizzen der letzten Tage der Menschheit. Jack Williamson versteht es hier, Spannung aufzubauen, die auch noch über diesen ersten Teil hinaus erhalten bleibt, jedoch im Laufe der weiteren Handlung allmäglich abflacht. Trotz immer neuer Konstellationen schleicht sich eine gewisse Müdigkeit in die Handlung ein. Im Laufe der nächsten Jahrtausende, ja sogar Jahrmillionen, die in den weiteren vier Teilen des Buches beschrieben werden, werden die dafür vorbestimmten Personen aus gespeichertem Genmaterial immer wieder neu geklont. Sie haben die ewige Mission, das menschliche Leben auf die Erde zurückzubringen. Williamson hätte sein Buch auch schon nach Seite 105 mit dem ersten Teil enden lassen können. Die Erde ist wieder begrünt, eine neue menschliche Zivilisation lebt auf dem Planeten Ziel erreicht. Es folgen jedoch weitere Episoden, die das Ganze erst zum umfänglichen Roman machen. Was einmal errungen scheint, erleidet immer wieder Rückschläge: Die Erde wird erneut von einem Meteor verwüstet, ein anderes Mal löschen außerirdische Mächte das irdische Leben aus, wiederum Hunderttausende oder Millionen Jahre später bedroht eine Krankheit die Existenz der inzwischen auf vielen Planeten siedelnden Menschheit. Die Endzeitingenieure ist somit ein Episodenroman, erzählt von immer neuen Klonen des Duncan Yare, Mitglied der Erstbesatzung der Mondstation, später nur noch Dunk genannt. Einzelne Episoden können durchaus für sich allein stehen. Für »The Ultimative Earth«, Teil vier im vorliegenden Buch, erhielt Jack Williamson einen Hugo- und einen Nebula-Award in der Kategorie »Beste Novelle«. Teil zwei, »Ingenieure der Schöpfung«, enthält sogar einzelne Fantasy-Elemente. Die Endzeitingenieure ist keine der üblichen Endzeitgeschichten, sondern eine schier endlose Fortführung der Geschichte nach dem Untergang der Menschheit, wie wir sie kennen. Die immer neuen Variationen des Themas halten eine gewisse Spannung aufrecht. Einige Details hätten dabei jedoch vom Autor klarer herausgearbeitet werden können. So sind die gelesene Anzahl der Seiten und Handlung schon recht weit fortgeschritten, ehe sich eine psychologische Dimension der immer wieder neu geklonten Protagonisten ausmachen lässt. Am Ende ist es gar Casey, Klon des heimatlosen Killers und Leibwächters Kell, dessen Charakter am plastischsten hervortritt. Das Erscheinungsbild der anderen, insbesondere der Mädchen Tanya und Dian, bleibt weitgehend statisch hervorstechendstes Merkmal der vielen Klonvarianten Tanyas sind die in ihren jeweils neuen Leben wechselnden Liebesbeziehungen. Beschreibungen von Landschaften, Flora und Fauna der mehrmals dem Terraforming unterworfenen Erde sind oftmals überzeugender als die der handelnden Personen. Die Klone aus der Mondstation erfüllen ihre Mission zunächst durch das Verteilen von »Lebensbomben« über der unbelebten Erde, durch das Ausbringen von Samen, im fortgeschrittenen Stadium mehrerer Wiederbelebungsaktionen dann durch die Ansiedlung von größeren Menschengruppen, deren genetisches Material ebenfalls in der Station gelagert ist. Es wäre schön gewesen, den dafür passenden Terminus »Terraforming« auch im Titel des Buches wiederzufinden, zumal Jack Williamson der Erfinder dieses Wortes ist. Der Originaltitel lautet denn auch viel passender Terraforming Earth. Die Mechanismen des Terraforming-Prozesses bleiben weitgehend im Dunkeln. Die spärlichen Andeutungen darüber, die das Buch bietet, sind für den Leser enttäuschend. Schon unser heutiges, noch lange nicht vollständiges Wissen um die Komplexität der irdischen Ökosysteme, macht das fast spielerische Wiederbeleben der Erde, so wie es im Roman geschildert wird, unwahrscheinlich. Der routinierte SF-Leser könnte sofort ein halbes Dutzend Bücher aufzählen, die die Vielzahl notwendigerweise auftretender Schwierigkeiten beim Terraforming belegen. Nur ein Schönheitsfehler für manchen Leser, gewiss, doch der Autor vergibt hier die Möglichkeit zur glaubwürdigeren Gestaltung der gesamten Story. Überlegenswert bleibt die Frage, ob eine sehr kleine Gruppe von Individuen, die eine von Menschen besiedelte Erde nie kannte, wirklich echte Trauer um den Verlust der Zivilisation empfinden kann? Muss diese Erde nicht, trotz aller Lektionen von Holoeltern und Robovätern, etwas gänzlich Abstraktes, Unfassbares für sie bleiben? Die Klone können nur an die übermittelte Mission glauben oder auch nicht. Mental bleibt ihnen nichts anderes, als angesichts der Reden und Bilder ihrer Holoeltern zu ahnen, was diese einst angesichts des Verlustes fühlten. Williamson wirft ferner die Frage auf, was ein Klon der nachfolgenden Klonperiode mit seinem Vorgänger gemeinsam haben kann, der vielleicht Tausende von Jahren früher lebte? Die einzelnen Klone geben zwar Erfahrungen zu Protokoll, die von ihren späteren »Klongeschwistern« studiert werden; Williamson postuliert hier aber auch ein gleichklingendes Fühlen und Handeln, das weder genetisch determiniert ist, noch über aufgezeichnete Erfahrungen weitergegeben wurde. Eine weitere Besonderheit des Buches sind die unvorstellbar langen Zeiten, geologische Zeitalter, über die sich die Handlung erstreckt. Einziger Fixpunkt ist die Tycho-Station auf dem Mond, mit Ausnahme von Teil Vier, in dem sie selbst durch ein Impaktereignis stark beschädigt wird. Darüber hinaus muss es eben immer gleich der gesamte Planet Erde sein, der Schauplatz der Handlung ist. Darin liegt ein Teil der Faszination, aber auch die Schwierigkeit glaubwürdiger Darstellung. Insgesamt ist das Buch Die Endzeitingenieure empfehlenswert, es ist unterhaltsam und vermittelt sowohl in seinen verschiedenen Einzelepisoden wie auch als Ganzes interessante Denkansätze. Ein dramatisches Finale ist nicht vonnöten. Das Ende bleibt offen, ist aber nicht pessimistisch. Die Entwicklung geht eben immer weiter ... Thomas Höding |
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