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Robert Charles Wilson

Die Chronolithen

The Chronoliths • 2001

Science Fiction > Alien Contact
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Als ein riesiger Monolith wie aus dem Nichts in den Wäldern Thailands materialisiert, ist dies nicht nur der Anfang vom Ende der bisher gewohnten Weltordnung, sondern bedeutet auch für den US-amerikanischen Aussteiger Scott Warden die komplette Umwälzung seines bisherigen Lebens. Scott, der sich durch die vom Militär abgeriegelte Zone durchgekämpft hat, um das seltsame Gebilde zu bestaunen, muss bei seiner Rückkehr feststellen, dass seine Frau und seine Tochter ihn verlassen haben.
   Als in Südostasien immer mehr der geheimnisvollen, offenbar aus der nahen Zukunft stammenden Chronolithen auftauchen und ganze Städte verwüsten, folgt Scott seiner Familie zurück in die USA. Seine Frau hat jedoch das Vertrauen in ihn verloren, und Scott steht vor den Scherben seines bisherigen Lebens.
   Während er sich eine neue Existenz aufbaut, gerät das Problem der Chronolithen immer mehr außer Kontrolle. Schon bald gelingt es Wissenschaftlern, die Inschriften, die auf ihrer fremdartigen Oberfläche eingraviert sind, zu entziffern und zu übersetzen. Offenbar dienen die Chronolithen nicht nur dazu, einen bislang unbekannten Warlord namens Kuin zu verherrlichen, sondern durch ihr bloßes Erscheinen die Weltordnung zu destabilisieren und damit den Grundstein für die zukünftige Herrschaft Kuins zu legen.
   Scott, der versucht, sich ein neues, bürgerliches Leben aufzubauen, gerät immer mehr in den Strudel der Ereignisse. Anscheinend ist seine eigene Person schicksalhaft mit der Bedrohung aus der Zukunft verbunden. Als er auf die geniale, fast schon besessene Wissenschaftlerin Sue Chopra trifft, gibt es kein Zurück mehr. Sue ist fest entschlossen, hinter das Geheimnis der Chronolithen zu kommen. Selbst als ihr Leben und das sämtlicher Angehöriger ihres Teams von den immer zahlreicher werdenden Anhängern Kuins bedroht wird, führt sie unbeirrbar ihre Forschungen fort. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass nichts dem Zufall überlassen ist. Scott, der eigentlich nur ein ganz normales Leben führen will, muss seine Schlüsselrolle im Kampf gegen die sich anbahnende Herrschaft Kuins akzeptieren. Kompliziert wird das Geschehen durch die Tatsache, dass die Erforschung des unerklärlichen Phänomens erst die Bedingungen für die dafür zugrunde liegende Technologie erschafft.
   Wie bei aller guten Phantastik wird in Die Chronolithen eine mit unserer gewohnten Realität zunächst schwer zu vereinbarende Idee als Mittel zum Zwecke der Spiegelung eben dieser Realität verwendet. Es gibt selbstverständlich weder Zeitreisen, noch Monumente, die auf diesem Wege in unsere heutige Welt geschickt werden, um unsere Zivilisation aus den Angeln zu heben. Aber es gibt Warlords wie den geheimnisumwitterten Kuin, und es gibt Technologien, die es tatsächlich möglich machen, dass unsere gewohnte Welt aus den Fugen geraten könnte.
   Das sind natürlich Binsenweisheiten - wirft man jedoch einen Blick in die Zeitungen, so wird man nur allzu schnell auf den verhängnisvollen Zusammenhang stoßen, der aus Wilsons Roman ein im Grunde überaus realistisches Werk macht: ein bislang unbekannter, gesichtsloser Warlord aus der Dritten Welt benutzt die Technologien des übermächtigen reichen Westens um der Welt seinen eigenen Stempel aufzudrücken - einen äußerst schweren, brutalen und blutigen Stempel. Doch begeht Wilson glücklicherweise nicht den Fehler, simple Schlüsse zu ziehen und Buhmänner zu suchen. So einfach macht er es sich nicht (im Gegensatz zu vielen Journalisten und Politikern, die uns unsere reale Welt auf höchst manipulative Weise erklären wollen). In Die Chronolithen wird auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet, das Klischee nicht nur entlarvt, sondern sogar ad absurdum geführt. Immerhin stammt die Technologie, die den Aufstieg Kuins bedingt, von seinen Feinden, die eigentlich alles tun, um eben diesen Aufstieg zu verhindern. Damit bewahrheitet sich eine weitere Binsenwahrheit: Es gibt keinen unbeteiligten Beobachter. Sobald jemand ein System zu erforschen beginnt, fängt er auch schon an, es zu verändern. Genauso wenig darf man erwarten, dass kurzsichtige politische und wirtschaftliche Handlungsweisen nicht irgendwann auf einen selbst zurück fallen könnten. Allerdings ist es in Die Chronolithen alles andere als klar, wer zuerst da war: die Henne oder das Ei. Hat der zukünftige Kuin seine Chronolithen in unsere Zeit geschickt und damit deren Erforschung veranlasst, oder hat die Erforschung der Chronolithen erst den Aufstieg Kuins ermöglicht, ihn sozusagen überhaupt erst auf die Idee gebracht?
   Obwohl dieses Paradoxon einen guten Teil der Faszination des Buches ausmacht, steht die Charakterisierung der Protagonisten im Vordergrund. Hervorragend gelungen ist die Zeichnung des ganz normalen Menschen Scott Warden, der sich vom leicht verwirrten, ziellosen Verlierer zum ernsthaften, engagierten Macher mausert. Wie schon erwähnt, verzichtet Wilson auf übermenschliche Helden, sondern zeigt, wie jemand anhand einer Aufgabe, die ihm eigentlich viel zu groß erscheint, persönlich reift.

Die Chronolithen ist ein phantasie- und stimmungsvoller Science-Fiction-Thriller, der im Gegensatz zu vielen anderen Romanen dieser Gattung über eine (bei aller Düsternis des Geschehens) positive Aussage verfügt: Auch wenn unser Weg in die Zukunft vorhergezeichnet erscheint, kann jeder einzelne selbst entscheiden, ob er die Hände in den Schoß legt oder aber aktiv versucht, das vermeintlich unabänderliche Schicksal zu beeinflussen.
   Die Chronolithen wurde zu Recht 2002 mit dem John W. Campbell Memorial Award ausgezeichnet und für einige andere Preise (u.a. den Hugo Award) nominiert. Robert Charles Wilson ist ein Autor, der für originelle, tiefsinnige und gleichzeitig sehr unterhaltsame Bücher steht. Hoffen wir, dass ihm auch bei uns die Beachtung zuteil wird, die er verdient.

Christian HoffmannALIEN CONTACT

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Originalausgabe
Robert Charles Wilson, The Chronoliths (2001)
Deutsche Erstausgabe
Robert Charles Wilson, Die Chronolithen
(München: Heyne, 2005) [HTB 52105] Bestellen
Übersetzung und Anmerkungen: Hendrik P. und Marianne Linckens, TB, 432 S.
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