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Robert Charles Wilson

Die Chronolithen

The Chronoliths • 2001

Science Fiction > Alien Contact
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Aus dem Nichts tauchen zuerst im thailändischen Dschungel, später aber auch in sensiblen Großstädten wie Bangkok, Pjöngjang und Jerusalem Obelisken auf: riesige Säulen in der Farbe blauen Glases. Sie erzeugen durch einen Kälteschock gewaltige Druckwellen. Noch größer ist allerdings der Schock, der von ihrer Botschaft ausgeht. Künden doch alle Obelisken vom künftigen Sieg eines Herrschers namens Kuin, der angeblich zwanzig Jahre und drei Monate später an den besagten Orten eine Schlacht um dieses Land gewonnen haben will. Niemand weiß, wer dieser Kuin ist und was er beabsichtigt. Man sieht nur, was er kann. Manche Monumente zeigen einen lächelnden Gott auf einem Thron. In Ostasien, wo die Obelisken als erste auftauchen, brechen Wirtschaft und staatliche Ordnung zusammen. Aber auch die USA nach 2020, in die der im kanadischen Toronto lebende Robert Charles Wilson den Leser führt, sind von einer Katastrophe bedroht - unter anderem weil sich im Mittelwesten ein Trinkwasserreservoir erschöpft.
   Wilson hatte zuvor mit Darwinia einen irrlichternden Parallelweltroman geschrieben, in dem Sternenwesen sich Menschen zu Werkzeugen machen. Im schmalen Nachfolger Bios scheitert die Erforschung eines Planteten an der Stärke des fremden Lebens. Überall komplizierte Geflechte von Ursache und Wirkung. In Die Chronolithen untersucht der Schriftsteller die gefährliche Rückkopplung, das Feedback, das von einer scheinbar nicht abzuwendenden Drohung erzeugt wird. Denn wie soll man Kuin verhindern? Ein Beispiel für vergeblichen Widerstand: Die Chinesen bombardieren ihren Chronolithen mit einer Atomwaffe. Zerstört wird nur der benachbarte Staudamm, radioaktive Fluten schießen ins Gelbe Meer. So wird Kuin zum Schicksal und bekommt weltweit Anhänger. Oder Mitläufer, die glauben, sich mit ihm arrangieren zu müssen.
   Der Autor, bei dessen Klugheit und schmiegsamer Sprache der Leser sich wohlfühlen kann, erzählt die Geschichte in zwei sich überschneidenden Bögen. Einer ist eine gewohnt US-amerikanische Familiengeschichte. Der Ich-Erzähler Scott Warden, in der Kindheit mit einer wahnsinnigen Mutter geschlagen, wird beim Auftauchen des ersten Obelisken dramatisch von Frau und Tochter getrennt. Nach der zwangsläufigen Scheidung sorgt er sich aber weiter um seine Tochter Kaitlin. Er vermag sie zu retten, nachdem sie zu einem angekündigten Erscheinungsort eines Obelisken pilgert, damit sich »was ändert«. (Der Stiefvater ist ein heimlicher Mitläufer, ein »Copperhead«. Der Begriff stammt ursprünglich von Nordstaatlern, die sich um des Friedens willen mit der Sklaverei abgefunden hätten.)
   Der zweite Bogen des Romans ist Science-Fiction in ihrer mathematisch-poetischen Erscheinungsform, verkörpert von Scotts ehemaliger Dozentin Sue Chopra, die seit dem ersten Kuin-Monument dessen merkwürdige Physik erforscht und bekämpft, immer auch nahe an Wahnsinn und Überhebung. Chopra wird von der Regierung abwechselnd gut bezahlt und als Bürde betrachtet. Scott ist ihr Helfer, ein Code-Sucher, eine Zeit lang. Das übliche Problem: Eigentlich will er nur ein gutes Privatleben, muss aber die Welt retten. Zumindest muss er dabei sein, er gehört von Anfang an zur Chronolithen-Geschichte. Zufälle gibt es keine. Schon sein Nachname spricht: Warden. Der Aufseher.
   Eine Stärke des Buches - im Original 2001 erschienen - liegt darin, dass man viele Parallelen zu aktuellen politischen Themen ziehen kann. Die Rückkopplung: offensichtlich die Wirkung der Medien, selbsterfüllende Prophezeiung. Dass sich was ändert: die aus dem 20. Jahrhundert überkommene Hoffnung einer Jugendbewegung. Das Auftauchen der Obelisken, es fällt das Wort vom Ground Zero: der Terrorismus. Dessen fatale Bekämpfung: die alte Wildwestmanier. Was meint Scott? »Wir (und ich sage das als Amerikaner) hätten Kuin schon als Säugling bombardiert, wenn uns jemand verraten hätte, wo er sich befand.« Ja, Amerikaner sagen das so. Nur funktioniert kein Bombardement, Kuin ist noch nicht erschienen, und Scott weiß von der Atombombe in China. Vom Hegemoniestreben der USA hatte Wilson bereits in Darwinia drastisch berichtet und es somit fragwürdig gemacht. Der Autor plädiert auch in Die Chronolithen bei allem familienbewegten Patriotismus für eine intelligente Lösung. Eine Science-Fiction-gemäß pointierte. Eine, die mit menschlichen Fehlern rechnet.

• Uwe Salzbrenner • ALIEN CONTACT

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Originalausgabe
Robert Charles Wilson, The Chronoliths (2001)
Deutsche Erstausgabe
Robert Charles Wilson, Die Chronolithen
(München: Heyne, 2005) [HTB 52105] Bestellen
Übersetzung und Anmerkungen: Hendrik P. und Marianne Linckens, TB, 432 S.
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