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Apocalypse Now Redux

Apocalypse Now Redux • USA 2001


Inhalt

Der Film spielt mitten im Vietnam-Krieg und schildert die bizarren Erlebnisse eines US-Offiziers, der mit einer waghalsigen Mission betraut wird: Captain Willard (Martin Sheen) soll gemeinsam mit einer Handvoll Soldaten eine Flussreise in Richtung Kambodscha unternehmen, um dort Colonel Kurtz (Marlon Brando) ausfindig zu machen. Kurtz, ein dämonischer Kerl von kräftiger, buddhaähnlicher Statur, hat sich mit seiner Einheit tief im Dschungel verschanzt und widersetzt sich trotzig der Befehlsgewalt der amerikanischen Militärführung. Offenbar völlig von Sinnen, richtet er unter der einheimischen Bevölkerung ein unglaubliches Blutbad an. Sein selbstgewähltes Hauptquartier, ein ehemaliger buddhistischer Tempel, ist bereits angefüllt mit abgeschlagenen Köpfen und aufgehängten, verwesenden Leichen. Willard hat den ausdrücklichen Befehl, das Monster kurzerhand zu liquidieren.

Auf ihrer Bootsfahrt flussaufwärts treffen Willard und seine Leute zunächst auf den nicht minder sonderlichen Colonel Kilgore (Robert Duvall), der seine Hubschrauberstaffel vorzugsweise zu den Klängen von Richard Wagners »Walküre« in den Kampf schickt und einen kalifornischen Surfchampion aus seiner Truppe zur Ausübung seines Sports nötigt, während der Vietkong den Küstenstreifen munter mit Granaten beschießt.

Willard und die anderen vier Männer an Bord seines Bootes bilden eine Art Mikrokosmos der amerikanischen Kampfeinheiten: Da ist zunächst der afroamerikanische Steuermann Chief (Albert Hall), ein ehemaliger Taxifahrer, der sich nicht nur darum zu kümmern hat, den Kahn auf Kurs zu halten, sondern auch seine jungen, drogensüchtigen Kameraden. Chef (Frederic Forrest) ist ein Gourmet-Koch aus New Orleans, der wegen der vermutlich schmackhafteren Verpflegung die Navy der Infanterie vorgezogen hat. Für Clean (Laurence Fishbourne), einen schwarzen Teenager aus der Bronx, und Lance (Sam Bottoms), einen unbedarften Beach Boy aus dem sonnigen Staat Kalifornien, bedeutete die Einziehung zum Kriegsdienst das vorschnelle Ende ihrer unbeschwerten Jugendzeit.

Je tiefer das Boot in die grüne Hölle des kambodschanischen Dschungels eindringt, desto blanker liegen die Nerven seiner Passagiere: Neurosen blühen auf, Illusionen zerplatzen, der Wahnsinn droht das Steuer zu übernehmen. Die Reise führt geradewegs in die Abgründe der menschlichen Seele, mitten ins Herz der Finsternis.

• Quelle: Tobis


Foto: Tobis

Produktion

Im Mai 1979, mehr als drei Jahre nach Produktionsbeginn, zeigte Francis Ford Coppola erstmals auf den Filmfestival in Cannes eine sogenannte »Work in Progress«- Version seines Films Apocalypse Now. Der Mammutstreifen gewann die Goldene Palme sowie zwei Oscars, avancierte in der Folgezeit zu einem internationalen Kassenknüller und ging als eines der bedeutendsten Werke des letzten Vierteljahrhunderts in die Filmgeschichte ein.

Am 11. Mai 2001 stellte Coppola, wiederum auf dem Festival in Cannes, eine komplett überarbeitete Schnittversion seines Films vor, die 49 Minuten bislang noch nie gezeigtes Material enthält. Das Premierenpublikum zollte dem Werk minutenlang stehende Ovationen und auch die Kritik sparte nicht mit Beifall. Diese neue Fassung mit dem Titel Apocalypse Now Redux lief am 3. August 2001 in den amerikanischen Kinos an - 22 Jahre nach dem Start des Originals.

Regisseur Coppola: »Die neue Version bringt nichts grundsätzlich anderes zur Aussage als die alte. Sie sagt es nur besser, eindringlicher und in einer viel komplexeren Art und Weise. Die Thematik des Films tritt viel deutlicher hervor. Damals mussten wir den Film unter einem immensen Druck von außen möglichst schnell fertigstellen. Das Geld drohte uns auszugehen, und die Presse textete bereits Schlagzeilen wie 'Der Film wird niemals fertig', 'Es ist ein großes Drama' oder 'Apocalypse, wann?'. Die Konzessionen, die wir in dieser Situation notgedrungen an den Mainstream-Geschmack machen mußten, behagten mir natürlich gar nicht. Ich hatte die ganze Zeit das ungute Gefühl, dass der Film auf diese Weise weit unter seinen Möglichkeiten blieb. Dabei trauerte ich vor allem den vielen herausgeschnittenen Sequenzen nach, die meiner Meinung nach alle eine wichtige inhaltliche und dramaturgische Funktion wahrgenommen hätten. So trug ich bereits sehr früh, schon 1979, den Plan einer radikalen Überarbeitung mit mir herum. - Erst zwanzig Jahre später konnte ich dieses Vorhaben endlich realisieren.«

• Quelle: Tobis

Die Entstehungsgeschichte der neuen Version

»Vor ein paar Jahren saß ich in einem Londoner Hotelzimmer und las in einer Zeitschrift, dass Apocalypse Now am selben Abend im britischen TV ausgestrahlt wurde«, erzählt Coppola. »Da ich den Anfang immer schon besonders gern mochte, schaltete ich den Fernsehapparat ein, um ein paar Minuten zuzuschauen, sah dann aber den ganzen Film an. Mich schockierte, dass der damals so provozierend empfundene und kontrovers diskutierte Streifen nun schon beinahe zahm und betulich wirkte. Diese Beobachtung ermutigte mich dazu, eine radikale Neufassung in Angriff zu nehmen.«

Der erste, den Coppola daraufhin anrief, war sein langjähriger Mitarbeiter, der Cutter Walter Murch. Gemeinsam begannen die beiden im März 2000 mit der Arbeit an der neuen Version. »Anstatt die 1979 herausgeschnittenen Sequenzen einfach wieder einzufügen«, stellt Coppola klar, »sichteten wir noch einmal das gesamte vorliegende Rohmaterial, die sogenannten 'Dailies' (alle an einem Drehtag hintereinander aufgenommenen Einstellungen), und erarbeiteten davon ausgehend ein komplett neues Schnittkonzept.« Der gesamte Arbeitsprozeß - einschließlich der Neuabmischung des Tons - dauerte vom März bis zum August 2000, nahm also sechs Monate in Anspruch.

»Etwas in mir rebellierte anfänglich gegen diese Rückkehr in den Dschungel«, gesteht Murch. »Immerhin hatte ich ja schon zwei Jahre lang intensiv bei der Fertigstellung dieses Films mitgewirkt. Und nun sah ich mich erneut fünf Stunden montiertem und unbearbeitetem Filmmaterial in einer Gesamtlänge von sage und schreibe 381.000 Metern gegenüber. Zusammen mit den Magnetbändern für den Ton wog dieser Zelluloidhaufen über sieben Tonnen. Aber nach zehn Tagen hatte ich meine kleine Krise überwunden und fühlte mich wieder ganz in meinem Element.« Bei der Überarbeitung bediente sich Murch der neuesten digitalen Schnittechnik. »Ich benutzte also den allerletzten Schrei der Technik für einen Film, der in einer Zeit entstanden ist, als gerade mal die Videokamera sich fern am Horizont anzukündigen begann«, formuliert er.

»Nur einmal«, fährt er fort, »nachdem wir die Schnittfolge für die neue Fassung festgelegt hatten, sahen wir uns die Originalversion an, um uns zu versichern, dass wir keine Szene vergessen hatten. Apocalypse Now Redux wirkt gegenüber seinem Vorläufer viel homogener und dichter, sowohl in technischer als auch in dramaturgischer Hinsicht. Selbst die psychologische Entwicklung der einzelnen Charaktere erscheint viel schlüssiger. Der Film entspricht jetzt insgesamt weitaus besser der ursprünglichen Intention Francis Ford Coppolas, der vor 22 Jahren einfach nicht in der Situation war, das zu realisieren, was er eigentlich im Sinn hatte. Interessanter - und ironischerweise auch kürzer - als die arg beschnittene Originalversion kommt einem die um 49 Minuten erweiterte Neufassung vor.«

• Quelle: Tobis


Foto: Tobis

Kritik

Um die Dreharbeiten von Apocalypse Now (Apocalypse Now • USA 1979) zu seiner Zufriedenheit abzuschließen, benötigte Francis Ford Coppola vier Jahre; das Unternehmen verschlang nicht nur die Gelder der Investoren, sondern zusätzlich sein ganzes Privatvermögen in Höhe von 16 Millionen Dollar. Als der Film 1979 in die Kinos kam, hatte er deutlich Überlänge, doch der Erfolg gab dem Regisseur des Paten recht: Keiner Hollywood-Produktion davor und danach ist es gelungen, die surrealen Qualitäten einer militärischen Auseinandersetzung in vergleichbarer Konsequenz zu schildern. Der stoische Gleichmut von Martin Sheen betont noch den verzweifelten Versuch der anderen Soldaten, selbst im vietnamesischen Dschungel ihr »amerikanisches Lebensgefühl« zu bewahren. Im Vergleich zu ihnen klingt die Weltsicht von Marlon Brando (»Das Grauen ...«) außerordentlich vernünftig. Und nach dem medial inszenierten Golfkrieg wirkt der Kameramann während des Hubschrauberangriffs (»Laufen Sie weiter! Tun Sie einfach so, als wären Sie im Krieg!«) geradezu prophetisch.

»Wir haben den Film damals so geschnitten, daß ein Mainstreampublikum ihn verstehen konnte«, sagt Coppola im Rückblick. »Als ich ihn mehr als zwanzig Jahre später zufällig im Fernsehen sah, wirkte er vergleichsweise brav auf mich, als hätte das Publikum ihn eingeholt.« Daraus entstand die Idee, sich das ursprüngliche Material von fünf Stunden Länge (!) noch einmal vorzunehmen. Coppola hat jedoch nicht einfach bislang fehlende Szenen aus dem Archiv gezogen und in die alte Fassung eingebaut, sondern den Gesamtbestand gesichtet und digital neu geschnitten. Hinzugekommen sind vier neue Szenen von insgesamt 49 Minuten Länge:

(1) Nach dem von Wagner-Musik begleiteten Hubschrauberangriff klaut Willard das Surfbrett des Cowboy-Kommandanten und unterhält sich auf den ersten Meilen der Flußreise ungewohnt entspannt mit der Crew des Schiffes. Auch sein Ausflug mit dem »Chef« in den Dschungel dauert länger.

(2) Auf einem völlig heruntergekommenen Notlandeplatz stoßen Willard und Mannschaft auf die »Playboy«-Bunnies. Ihrem Hubschrauber ist das Benzin ausgegangen, sie sitzen im Dschungel fest und prostituieren sich bei den Soldaten.

(3) Nach Cleans Tod geht Willard auf einer am Fluß gelegenen französischen Plantage - das Boot befindet sich inzwischen in Kambodscha - von Bord. Clean wird zu Grabe getragen, während des Abendessens mit den Plantagenbesitzern kommt es zu heftigen Diskussionen, und Willard läßt sich von der verwitweten Schwester des Familienvorstehers verführen.

(4) Willards Gefangenschaft in Kurtz' Reich ist ebenfalls um eine Szene bereichert. Er ist in einen Blechschuppen gesperrt und wird von Kurtz über die scheinheilige Kriegsberichterstattung der US-Regierung belehrt.

Mögen diese Szenen für sich genommen durchaus gelungen oder zumindest von historischem Interesse sein - der Film als Ganzes hat durch sie kaum gewonnen. Szene (1) paßt sich noch vergleichsweise gut in den Verlauf der Handlung ein. Für wenige Augenblicke benimmt sich Willard fast menschlich, auf dem Boot kommt so etwas wie Teamgeist auf. Szene (2) wirkt dagegen eher aufgesetzt. Die ganze Bootsbesatzung darf sich einmal der Bunnies bedienen - der Kapitän verzichtet dankend -, und stellt dabei eine typisch amerikanische Mischung aus Verständnis (die armen Mädchen) und Egoismus (gefickt werden sie trotzdem) zur Schau.

Szene (3) schließlich ist eine absolute Katastrophe. Zwar tauchen die bewaffneten Franzosen sehr malerisch aus dem Dunst auf, und Clean wird angemessen patriotisch begraben. Aber dem Abendessen merkt man an, daß Coppola seine Darsteller aufgefordert hat, frei von der Leber weg zu sprechen: Inhaltlich ist diese Auseinandersetzung entsetzlich banal. Und Willards kleine romantische Erholungspause: Kitsch beschreibt diese Entgleisung nur ansatzweise. Szene (4) ist schlicht überflüssig, sie wiederholt nur, was den Zuschauern vorher schon ausgiebig unter die Nase gerieben wurde.

Apocalypse Now - Redux ist im Ganzen betrachtet ein schlechterer Film als das Original. Damit soll nicht behauptet werden, daß die neuen Szenen für sich gesehen nicht wirkungsvoll sind. Aber sie rauben dem Film seine Geschlossenheit und Durchschlagkraft und fügen ihm nichts eigentlich Neues hinzu. Man kann die Neubearbeitung auch als Vertiefung der behandelten Themen bezeichnen - Georg Seeßlen tut das in der November-Ausgabe der Zeitschrift KONKRET sehr überzeugend. Mein Kurzfazit lautet dagegen: Zuviel des Guten.

Hannes Riffel

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Credits

Originaltitel:Apocalypse Now Redux
Deutscher Titel:Apocalypse Now Redux
Land und Jahr:USA 2001
Technik:Cinemascope • Dolby SRD/DTS
Regie:Francis Ford Coppola
Buch:John Milius
Francis Ford Coppola
Vorlage:Joseph Conrad
Das Herz der Finsternis
Kamera:Vittorio Storaro
Schnitt:Walter Murch
Richard Marks
Musik:Carmine Coppola
Francis Ford Coppola
The Doors
Richard Wagner
Ausstattung:Dean Tavoularis
Produktion:American Zoetrope
Francis Ford Coppola
Kim Aubry
Fred Roos
(Co-Produktion)
Gray Frederickson
(Co-Produktion)
Tom Sternberg
(Co-Produktion)
Deutsche Bearbeitung:Studio Babelsberg
Synchronregie:Andreas Fröhlich
Dialogbuch:Alexander Löwe
(Überarbeitung auf Basis der ersten Dialogbuchfassung von Horst Balzer)
Uraufführung:Mai 1979 (Originalversion • Cannes)
Deutscher Kinostart:18.10.2001 (Tobis/Constantin)
Länge:203 Minuten

Darsteller

Colonel Kurtz:Marlon Brando (Thomas Fritsch*)
Colonel Kilgore:Robert Duvall (Reiner Schöne*)
Captain Willard:Martin Sheen (Christian Brückner*)
Chef:Frederic Forrest (Tobias Meister*)
Chief:Albert Hall (Oliver Stritzel*)
Lance B. Johnson:Sam Bottoms (Kim Hasper*)
Clean:Laurence Fishburne (Björn Schalla*)
Hubert de Marais:Christian Marquand (Georges Claisse*)
Roxanne Sarault:Aurore Clément (Beate Haeckl*)
Photojournalist:Dennis Hopper (Joachim Kerzel*)
Colonel Lucas:Harrison Ford (Bernd Vollbrecht*)
*) dt. Sprecher
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