Butterfly EffectEvan Treborn ist kein normales Kind. Immer wenn etwas besonders Schlimmes passiert ist, kann er sich anschließend nicht daran erinnern. So geht es ihm, als durch einen Dumme-Jungen-Streich ein Kind getötet wird oder als der Vater seiner Jugendfreundin Kayleigh sie beide für nicht jugendfreie Filmaufnahmen missbraucht. Als erwachsener Psychologie-Student befasst sich Evan wissenschaftlich mit dem Gedächtnis. Ein spätes Zusammentreffen mit Kayleigh hat katastrophale Folgen: Das einstige Nachbarsmädchen hat sich schon lange von Evan im Stich gelassen gefühlt. Das Gespräch reißt alte Wunden auf. Kayleigh begeht kurze Zeit später Selbstmord.
Dies ist die erste von mehreren Situationen, mit denen Evan sich nicht abfinden kann. Er glaubt, dass die vergessenen Traumata den Schlüssel zur aktuellen Katastrophe enthalten. Als er beginnt, die vergessenen Momente mit Hilfe seiner lückenlosen Tagebücher zu rekonstruieren, öffnet sich für Evan ein Tor in die Vergangenheit. Er kann in den ursprünglichen Ablauf eingreifen und versucht, Kayleigh zu retten. Doch die Veränderungen, die er auslöst, gehen zu Lasten seiner anderen Freunde. So versucht Evan immer wieder, die optimale Lösung, den bestmöglichen Zeitablauf zu finden. Seine Mutter eröffnet ihm, dass schon sein Vater über die Fähigkeit verfügt hat, in den Zeitablauf einzugreifen was ihn schließlich ins Irrenhaus gebracht hat. Evans Gehirn verändert sich immer krankhafter, je öfter er eine neue Zeitalternative auslöst. Gleichzeitig schließen sich immer mehr Lücken in seinen Erinnerungen. Rätselhafte Ereignisse werden endlich erklärt. Doch wie soll er den Absprung schaffen? Sich nicht mit den Verhältnissen abzufinden wird für Evan zu einer zwanghaften Verhaltensweise. Und sein Gehirn wird irgendwann den nächsten Zeitsprung nicht mehr verkraften ...

Foto: Warner Bros.
Dieser Film macht keinen Versuch, die Fähigkeit zur Manipulation der Zeit irgendwie technisch zu begründen. An die Stelle der technologischen Black Box »Zeitmaschine« treten die geheimnisvollen Windungen unseres Gehirns, von denen wir ja bekanntlich 80 % gar nicht nutzen. Damit ist die Mär von den Zeittoren, die sich öffnen, wenn man verschüttete traumatische Erinnerungen wiederfindet, auch nicht unwahrscheinlicher als die Zeitreisen bei H. G. Wells, Time Tunnel oder Terminator. Sie stellt darüber hinaus eine neue Interpretation des Themas dar. Zeitreisen sind nicht nur viel interessanter, wenn sie in die eigene Vergangenheit führen, sie lassen sich auch gar nicht mehr vermeiden, wenn bestimmte Zustände eintreten. Der Protagonist wird aufgrund seiner Traumata zunächst eher zu einem Opfer als zu einem Manipulator der Zeit. Die plötzlichen Reisen sind für Evan Treborn anfangs dramatisch und verstörend. Dasselbe fühlt der Zuschauer, wenn er mit den traumatischen Erlebnissen aus Evans Vergangenheit konfrontiert wird. Seine Stärke bezieht der Film aus der Fähigkeit, dem Publikum selbst die unaussprechlichsten Härten gnadenlos und meistens völlig unvermittelt zuzumuten. Dies geschieht und gelingt, obwohl das Regieteam Eric Bress und J. Mackye Gruber geschmacklose Bilder konsequent vermeidet.
Ein Dauerfehler aller Zeitreisefilme findet sich auch in diesem wieder: Entweder sind alle Ereignisse vorherbestimmt (determiniert), dann erweisen sich Manipulationen der Zeitreisenden nur als Erklärung, warum bestimmte Ereignisse bereits eingetreten sind. Oder man kann durch Eingriffe in die Zeit den Ablauf der Ereignisse verändern (weil sie nicht determiniert sind), was dramatische Entwicklungen überhaupt erst möglich macht. Wenn man nichts verändern kann, weil sowieso alles vorherbestimmt ist, wäre die Geschichte ja langweilig. Um logisch bleiben zu können, muss man sich für eine der beiden Sichtweisen die deterministische oder die indeterministische - entscheiden. Evan löst durch seine Eingriffe Geschehnisse aus, die es so vor seiner Zeitreise nicht gegeben hat (indeterministische Sichtweise). Gleichzeitig werden durch die Eingriffe in die Zeit Dinge erklärt, die Evan vor seinem ersten Zeitsprung zugestoßen sind (deterministische Sichtweise). Dieses unlogische Durcheinanderwerfen beider Varianten wird von unbedarften Beobachtern stets mit dem Hinweis kommentiert, das Zeitreisegeschichten eben nicht logisch sein müssten. Das macht es auch nicht besser ...
Abgesehen von solchen allfälligen Schwächen ist Butterfly Effect ein höchst intelligenter Kommentar zum Thema der zweiten Chance. Die verschiedenen Zeitalternativen werden in der Handlung geschickt ineinander verschachtelt. Die unablässig über Evan hereinbrechenden Schicksalsschläge halten die Spannung aufrecht. Die letztendliche Aussage vermeidet übertrieben optimistische Zeitreise-Euphorie genauso wie das rein konservative Festhalten an den bestehenden Verhältnissen. Butterfly Effect ist die Fortsetzung von Zurück in die Zukunft mit den Mitteln des modernen Thrillers. Für das Science-Fiction-Genre stellt dieser Film eine echte Bereicherung dar.
Arno Behrend ALIEN CONTACT
| Originaltitel: | The Butterfly Effect |
| deutscher Titel: | Butterfly Effect |
| Land und Jahr: | USA 2004 |
| Regie: | Eric Bress J. Mackye Gruber |
| Buch: | Eric Bress J. Mackye Gruber |
| Kamera: | Matthew F. Leonetti |
| Schnitt: | Peter Amundson |
| Musik: | Michael Suby Kevin J. Edelman |
| Produktionsdesign: | Douglas Higgins |
| Kostüme: | Carla Hetland |
| Produktion: | Chris Bender A.J. Dix Anthony Rhulen Jc Spink |
| Ausführende Produzenten: | Toby Emmerich Richard Brener Cale Boyter William Shively David Krintzman Jason Goldberg Ashton Kutcher |
| Ko-Produktion: | Lisa Richardson |
| deutscher Kinostart: | 26.8.2004 (Warner) |
| Länge: | 114 min. |
| FSK: | ab 16 Jahre |
| Evan: | Ashton Kutcher |
| Andrea: | Melora Walters |
| Kayleigh: | Amy Smart |
| Lenny: | Elden Henson |
| Tommy: | William Lee Scott |
| Evan mit 13 Jahren: | John Patrick Amedori |
| Kayleigh mit 13 Jahren: | Irene Gorovaia |
| Lenny mit 13 Jahren: | Kevin G. Schmidt |
| Tommy mit 13 Jahren: | Jesse James |
| Evan mit 7 Jahren: | Logan Lerman |
| Kayleigh mit 7 Jahren: | Sarah Widdows |
| Lenny mit 7 Jahren: | Jake Kaese |
| Tommy mit 7 Jahren: | Cameron Bright |
| Mr. Miller: | Eric Stoltz |
| Jason: | Callum Keith Rennie |
| Mrs. Boswell: | Lorena Gale |
| Dr. Redfield: | Nathaniel Deveaux |