| Frage:
Monsieur Annaud, der Eröffnungsfilm der Berliner Filmfestspiele war dieses
Jahr Duell - Enemy at the Gates.
Und im Programm und auch in den Zeitungen am nächsten Tag stand, dass das ein deutscher
Film ist. Trifft dies zu? Jean-Jacques Annaud: Nun ja, ... ist Chrysler
eine deutsche Marke? Ist ein Chrysler ein deutsches Fahrzeug? Ich könnte es
nicht sagen. Wissen Sie, ich bin Franzose, und ich habe das Drehbuch zu diesem Film
zusammen mit einem anderen Franzosen geschrieben, der Chef-Kameramann war auch Franzose,
mein Komponist war Amerikaner, mein Schnittmeister war Franzose, mein künstlerischer
Gestalter war Australier, meine Crew bestand teilweise aus Deutschen, und es besteht kein
Zweifel daran, dass die Dreharbeiten in Berlin stattfanden. Dreißig Prozent der
Produktionskosten wurden von Deutschland getragen, doch siebzig Prozent von anderen
Ländern. Wie will man einen Film da einem Land zuordnen? Ich könnte es nicht sagen. Frage: Fast in der gesamten Presse konnte man lesen, dass dies der teuerste Film ist, der jemals in Europa gedreht wurde. Jean-Jacques Annaud: Damit lässt man sämtliche Filme außer Betracht, die in London gedreht wurden; die James-Bond-Filme, dann die Folgen von Krieg der Sterne, Mission Impossible in Prag, Gladiator in Rom, Cliffhanger, und Das fünfte Element von meinem französischen Freund Besson; all diese Filme waren bei weitem teurer als mein Film. Und die wurden alle in Europa gedreht. Und die wurden von europäischen Filmemachern angeboten. Was ist denn hier die große Sache? Haben die Leute denn kein Gedächtnis? Gladiator liegt gerade mal ein Jahr zurück. Und wurde in Rom gedreht. Frage: Nach der Premiere am ersten Tag der Berlinale äußerten viele Kritiker, dass das Publikum etwas anderes von dem Film erwartet hätte. Vielleicht hatte es ja eine andere Geschichte über Stalingrad erwartet. Und jetzt gibt es zahlreiche Kritiker, die behaupten, sie fühlten sich durch den Film in die Irre geführt. Wie erklären Sie sich das? Jean-Jacques Annaud: Nun, der Titel des Films ist Duell - Enemy at the Gates,
und dadurch wird der Film auch treffend beschrieben. Er beschreibt den Zweikampf zweier
Männer, dargestellt vor dem Hintergrund dieser ungeheuren Schlacht. Niemand behauptet,
dies sei ein Dokumentarfilm über die Schlacht von Stalingrad. Darum geht es ganz und gar
nicht. Im Gegenteil, es ging mir um die persönliche Geschichte. Aber mich hat
gleichermaßen der Gedanke fasziniert, die persönliche Geschichte dieser zwei Männer,
die sich gegenseitig auflauern und verfolgen, vor dem Hintergrund dieser Schlacht von
Stalingrad spielen zu lassen. Frage: Die deutsche wie auch die internationale Kritik beanstandet zum Teil die Art und Weise, wie Sie in dem Film mit historischen Tatsachen umgehen. Erstaunlicherweise schienen in Deutschland einige Journalisten nicht einmal zu wissen, dass Nikita Chruschtschow in Stalingrad dabei war. Haben Sie dafür eine Erklärung? Jean-Jacques Annaud: Nun, Sie müssen verstehen, ich habe das Risiko
auf mich genommen, meine Kamera auf eine ungewohnte Seite zu stellen. Ich wollte den Krieg
aus der Perspektive Russlands wahrnehmen, was für einen im Westen gedrehten Film
ausgesprochen ungewöhnlich ist. Hier ist der Blickwinkel im Regelfall der deutsche oder
der amerikanische. Man erfährt eigentlich gar nicht, was sich auf der anderen Seite
abgespielt hat, und eben das hat mich fasziniert. Oft wird z. B. Leningrad und Stalingrad
verwechselt. In Leningrad fand die Belagerung im Winter statt, und die im Kessel waren die
Russen. In Stalingrad fand im wesentlichen ein Straßenkampf im Schlamm statt. Erst am
Schluss, während der letzten zwei Monate, bricht der Winter herein, und die im Kessel,
das sind die Deutschen. Und mein Film spielt am Anfang der Schlacht, als die Sonne noch
schien, als es regnete, und als überall Pfützen waren. Also, Sie merken schon, da liegt
bereits ein Irrtum vor. Frage: Einige Stimmen meinen sogar, stalinistische Propaganda in Ihrem Film zu entdeckt zu haben. Jean-Jacques Annaud: Na, sie meinen wahrscheinlich, wenn ich einen
Politruk zeige, das ist ein Polit-Offizier, der stalinistische Parolen in ein Sprachrohr
brüllt, dass ich dann auf der Seite dieser Typen bin, die eine halbe Minute später ihre
eigenen Leute in den Rücken schießen. Also, wenn das stalinistische Propaganda ist, dann
ist mir da irgend etwas entgangen. Ich bin mir sicher, dass ich damit die wenigen
Stalinisten, die es noch gibt, furchtbar gegen mich aufbringe, denn die sagen ja jetzt:
'Der zeigt hier ja, wie wir unsere eigenen Leute umgelegt haben.' Aber genau das
entspricht den Tatsachen. Eine Million Männer wurden von ihren eigenen Leuten in Russland
von hinten erschossen. Und das zeige ich. Ich werde mich hier nicht hinstellen und
behaupten: Das sind die Guten, und das sind die Bösen. Frage: Inwieweit basiert die Geschichte des Duells auf historischen Tatsachen? Jean-Jacques Annaud: Wir haben die Grundlage unserer Handlung einem
sehr bekannten Geschichtsbuch entnommen, und zwar Enemy at the Gates aus den
siebziger Jahren von William Craig. Und der hat acht Jahre damit verbracht, Material über
die Schlacht um Stalingrad zu sichten. Er hat allerdings nicht nur in Archiven gestöbert,
sondern darüber hinaus jeweils zweihundert Kriegsveteranen sowohl auf der deutschen als
auch auf der russischen Seite interviewt. Und daraus ist ein äußerst interessantes Buch
entstanden, und zwar, weil die Perspektive eine persönliche und subjektive ist,
eingewoben in das größere Gesamtbild. Und in diesem Buch handeln drei Seiten von diesem
berühmten Duell. Und ich bezeichne es als ein 'berühmtes' Duell, weil es das in Russland
ist. Und zwar nicht nur ausschließlich als historische Tatsache, sondern auch als Mythos.
Es steht fast überall eine Statue dieses Mannes, sein Gewehr wird wie eine Kostbarkeit im
Stalingrad-Museum aufbewahrt, und das Zielfernrohr des Major König ist heute noch in
Moskau im Museum der bewaffneten Streitkräfte zu besichtigen. Frage: Haben Sie tatsächlich mit den Happy Ending eine 'Verbeugung' vor Hollywood gemacht, wie vielerorts zu lesen war? Jean-Jacques Annaud: Also, meine Filme entstehen mit sehr geringen
Beschränkungen; sie werden von allen möglichen Ländern finanziert, aber ich halte einen
Trumpf in der Hand: Mir untersteht der Final Cut. Es gibt sehr wenige Regisseure,
möglicherweise noch nicht einmal zehn, die dieses Privileg genießen. Und das bedeutet,
dass das, was Sie auf der Leinwand sehen, das ist, was ich dort zeigen will. Niemand kann
mich dazu zwingen, auch nur ein einziges Bild zu ändern. Es ist allein meine
Entscheidung, und das ist ein unglaubliches Privileg. Ich habe bei meinen Projekten in
jeder Hinsicht das letzte Wort. Noch einmal: Ich habe das Drehbuch selbst geschrieben, als
Franzose, der in Frankreich lebt. Suchen Sie sich doch einmal einen anderen Regisseur, der
es wagen würde, einen russischen Helden darzustellen, und zwar zu einer Zeit, in der den
meisten Menschen nicht klar ist, dass die Russen damals die Alliierten Amerikas waren, und
dass der Kalte Krieg inzwischen vorbei ist. Das ist immer noch ein immenses Risiko, das
viele Regisseure nicht eingehen würden. Also, das ist nun wirklich keine
Hollywood-Einstellung. Frage: Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass man angeblich die hohen Produktionskosten auf der Leinwand nicht wiederfindet. Jean-Jacques Annaud: Nun, daran merkt man, dass Kritiker nicht selbst
Filme drehen. Vielen ist wahrscheinlich nicht klar, was es bedeutet, Tausende an Statisten
zu beschäftigen, fünfundachtzig Schiffe in einem Fluss in die Luft sprengen zu müssen,
wenn man für den Hintergrund Computergraphiken
erstellen lassen muss, wenn man auf einem Riesen-Set arbeitet; ich rede hier von einem Set
von einem Quadratkilometer Größe - so etwas kostet natürlich Geld. Frage: James Horners Musik ist ebenfalls vielfach kritisiert worden. Es heißt, sie sei zu pathetisch, zu gewaltig. Was sagen Sie dazu? Jean-Jacques Annaud: Ich habe ungeheuer gern mit James zusammengearbeitet. Er hatte bereits vorher den Soundtrack zu Der Name der Rose für mich geschrieben. Wir haben seine Musik sehr frei eingesetzt; es war mit ihm bei diesem Film eine ausgesprochen freundschaftliche Zusammenarbeit. Ich glaube, dass die Kritik an James Horner darin begründet liegt, dass er die Musik zu Titanic geschrieben hat. Er ist seither ein äußerst namhafter Komponist, und jetzt unterstellt man ihm, dass er nur noch Musik von der Gewichtsklasse des Soundtracks von Titanic schreiben würde. Nein, die Musik ist genau dem Film angepasst, dem Genre, das mir vorschwebte. Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor. Wenn in dem Film russische Musik zu hören ist , traditionelle russische Musik, dann stammt die nicht von James Horner. Das ist Musik, die wir als Source Music bezeichnen. Es gibt Score und Source Music. Score ist die Musik, die komponiert wurde, um gewisse Empfindungen oder Gefühle zu unterstreichen. Und Source nennen wir es, wenn man die Musiker auf der Leinwand selbst spielen sieht. In meinem Film spielen ein paar russische Soldaten abends traditionelle russische Weisen auf der Balalaika und dem Akkordeon. Vielleicht ist es das, was ihnen nicht gefällt. Aber das ist einfach ein Teil der Wirklichkeit in Stalingrad während dieser Schlacht. Frage: Wann immer Ihr Film in den Kritiken erwähnt wird, werden Ähnlichkeiten mit Steven Spielbergs Der Soldat James Ryan erwähnt und Vergleiche mit Ihrem Film angestellt. Wie stehen Sie dazu? Jean-Jacques Annaud: Nun ja, alle meine Filme sind schon mit irgendeinem anderen Film verglichen worden, je nach dem, welcher eher herausgekommen ist und ausreichend öffentliche Aufmerksamkeit erregt hat. Wenn Doktor Schiwago vor zwei Jahren herausgekommen wäre, dann würde man meinen Film jetzt mit Doktor Schiwago vergleichen, der spielt schließlich auch in Russland und wurde auch von einem 'ausländischen' Regisseur gedreht. Hier haben wir es mit zwei Filmen zu tun, die im Zweiten Weltkrieg spielen und die Tragödie dieser Zeit widerspiegeln. Darin besteht die Ähnlichkeit. Frage: Bei Film-Festivals wie auch bei der diesjährigen Berlinale stehen oft politische Aspekte im Vordergrund und damit die Filme manchmal im Hintergrund. Ist so etwas für einen Regisseur frustrierend? Jean-Jacques Annaud: Ja, natürlich ist das frustrierend; ich nehme
schließlich die Empfindlichkeiten bei einem Teil der deutschen Bevölkerung hinsichtlich
gewisser Themen durchaus wahr, wie zum Beispiel, was das Thema angeht, auf das ich meinen
Film aufgebaut habe. Aber ich hatte eigentlich erwartet, dass ich mich bei der Berlinale gewissermaßen auf einer
Art 'neutralem Boden' befinde, wohin die Leute kommen, um sich Filme anzusehen, und nicht,
um über Politik zu diskutieren. Quelle: Constantin Film |
![]() Foto: Constantin |
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