Die InselLincoln Six Echo führt ein geregeltes Leben. Zusammen mit Hunderten anderer Männer und Frauen wohnt er in einem nach außen hin abgeschotteten Komplex, wo sie von schwarz gewandeten Wachen gefüttert und bei Laune gehalten werden, sich bei sportlichen Spielen vergnügen oder anspruchsloses Grundschulwissen pauken. Warum sich Lincoln zu seiner Mit-Insassin Jordan Two Delta hingezogen fühlt, versteht er selbst nicht. Sex und Liebe sind unbekannt. Höhepunkt eines jeden Tages ist die Ziehung bei einer Lotterie. Die Gewinner können auf »die Insel«, einen paradiesischen Ort, der in einer angeblich verseuchten Welt das einzige keimfreie Areal darstellt.
Lincoln ist zu intelligent, um wie die meisten anderen weiß gewandeten Insassen die Verhältnisse einfach hin zu nehmen. Er stellt dem Leiter des Instituts, Dr. Merrick, Fragen nach dem Sinn verschiedener Vorschriften und bekommt nur ausweichende Antworten. Auch der Institutstechniker McCord, mit dem er sich angefreundet hat, will ihm nicht wesentlich mehr erzählen. Als Lincoln dann auch noch ein Insekt findet, dass aus der angeblich lebensfeindlichen Umwelt hereingeflattert kommt, erwacht in ihm das Misstrauen. Er verfolgt den Weg des Lotteriegewinners Starkweather zur »Insel« und erlebt, wie der Mann in einem Operationssaal getötet und ausgenommen wird. Seine Freundin Jordan hat die Lotterie gerade als Nächste gewonnen ...
Zu zweit fliehen sie aus dem Komplex in eine Welt, die durchaus nicht verseucht ist und unserer nahen Zukunft entspricht. McCord hilft ihnen und erklärt vor allem, dass sie Klone sind, lebende Ersatzteillager, deren Herstellung von begüterten Bürgern bezahlt worden ist. Dr. Merrick setzt den afrikanischen Söldner Laurent und ein bestens ausgerüstetes Kampfteam in Bewegung, um die Abgängigen zur Strecke zu bringen. Die Verfolgungsjagd ist gnadenlos und endet vorläufig bei Lincolns Alter Ego, dem Mann, aus dessen Zellen er gezeugt wurde. Lincoln und Jordan wissen, dass sie diesen verwöhnten Kunden des Instituts von ihrer Menschlichkeit und Dr. Merricks Unmenschlichkeit überzeugen müssen, um alle anderen Klone vor dem Tod zu retten. Doch warum sollte der »echte« Lincoln auf sein teures Organ-Ersatzteillager verzichten? Die beiden identischen Männer belauern sich vorsichtig, die Jäger rücken näher, und die Zeit wird knapp ...

Foto: Warner Bros.
Dieser Thriller befasst sich mit einer aktuellen Thematik den Fortschritten beim Klonen , bleibt dabei glaubwürdig, entlarvt die möglichen brisanten Folgen und kann dabei packend unterhalten. Das ist so ziemlich das Beste, was man über einen Science-Fiction-Film sagen kann. Dass eine menschenverachtende Ausbeutung von Klonen insgeheim, in einem abgeschotteten Labor passiert, ist für die nahe Zukunft eher vorstellbar als ein utopisches Regime, in dem dies ganz offen geschehen kann. Mit dieser relativen Realitätsnähe spielt Die Insel in einer Liga mit Filmen wie Gattaca oder The Truman Show, auch wenn Einschränkungen bei der Qualität zu machen sind.
Zu den visuell stärksten Szenen des Films gehören die Träume Lincolns, in denen er das Leben seines Gen-Spenders erahnt. Wie Bruchstücke aus den Erinnerungen und Erfahrungen des genetischen Originals allein durch den Prozess des Klonens in sein Gehirn gelangt sein sollen, bleibt jedoch unzureichend erklärt. Wenn Lincoln und Jordan gegen Ende des Films wieder in den Institutskomplex eindringen, wird den Helden, wie schon in vielen anderen Filmen, ihre subversive Arbeit zu leicht gemacht. Insbesondere, dass Jordan in einer bestimmten Szene nicht gefesselt wird, ist ein altbekanntes und allzu probates Versäumnis der Schurken. Während der Verfolgungsjagd verlässt sich Regisseur Michael Bay zu sehr auf die Inszenierung übertriebener Action, die so unglaubwürdig ist wie in den verspieltesten Schwarzenegger-Streifen.
Dies sind Schwächen, die man der packenden und dabei anspruchsvollen Story jedoch nachsient. Auch dass dieser Film Vorbilder hat, stellt kein Problem dar. Die Insel nimmt klare Anleihen bei Flucht ins 23. Jahrhundert (sachlich falscher deutscher Titel für Logans Run). Die Thematik ist jedoch so klar eine andere, dass nicht, wie oft berichtet, von einem Remake die Rede sein kann. Die Notwendigkeit, den erwachsen zur Welt gekommenen Klonen Erinnerungen an eine Kindheit einzupflanzen, verschafft dem Film einen Dialog, der so fast identisch in Blade Runner vorgekommen ist. Man kann das Rad eben nicht jeden Tag neu erfinden. Ansichten zukünftiger Städte, in denen Verkehrsmittel auf mehreren Ebenen unterwegs sind, gibt es seit Metropolis zuhauf. In diesem Film sind futuristische Elemente noch sehr zurückhaltend in die Bilder tatsächlich existierender Städte eingearbeitet worden und damit nahezu realistisch.
Hochklassige Schauspieler wurden gefunden, die offenbar diesem Kommentar zu den Risiken der Gentechnik Nachdruck verleihen wollten. Als anfänglich naive Klon-Schafe, die im Lauf der Handlung die Liebe als Quelle ihrer gegenseitigen Anziehung entdecken, tragen Scarlett Johansson und Ewan McGregor den Film. Ihre Figuren werden nicht durch ihre Unwissenheit diskreditiert oder ins Lächerliche gezogen. »Wir sind nicht blöd«, erklärt Jordan in einer Szene und behält Recht damit. Das 21 Jahre junge Nachwuchstalent Johansson berechtigt weiter zu den schönsten Hoffnungen. Ewan McGregor löst seine Aufgabe in einer reizvollen Doppelrolle gekonnt. Sean Bean gibt einen Standardbösewicht, dessen wissenschaftliche Motivation ungewöhnlich überzeugend ist. Als hilfreicher Techniker McCord liefert Steve Buscemi wieder ein kleines Glanzstück ab. Eine interessante Neuentdeckung ist Djimon Hounsou in der dankbaren Rolle des professionellen Menschenjägers Laurent, der undurchsichtige, eigenständige Absichten an den Tag legt. Tatsächlich ist seine Figur mit der eines Leibwächters aus Freejack identisch, in der Mick Jagger allerdings seine schauspielerische Talentlosigkeit demonstriert hatte. Der qualitative Unterschied ist enorm.
Dass Michael Bay sich von dem für Action und rechtslastige politische Aussagen bekannten Produzenten Jerry Bruckheimer abgewandt hat, zahlt sich aus. Wer den klischierten und reaktionären Schmus, den er noch mit Armageddon fabriziert hat, mit diesem Film vergleicht, wünscht dem Regisseur, dass er weiter in neuen Gefilden fischen kann. Die Insel ist ein wohltuend eigenständiger, moderner Science Fiction-Film, der ein zukünftig mögliches Problem anspricht und dabei unterhält. Das macht ihn absolut sehenswert.
Arno Behrend ALIEN CONTACT
| Originaltitel: | The Island |
| Deutscher Titel: | Die Insel |
| Land und Jahr: | USA 2005 |
| Regie: | Michael Bay |
| Buch: | Caspian Tredwell-Owen Alex Kurtzman Roberto Orci |
| Story: | Caspian Tredwell-Owen |
| Kamera: | Mauro Fiore |
| Schnitt: | Paul Rubell Christian Wagner |
| Musik: | Steve Jablonsky |
| Produktionsdesign: | Nigel Phelps |
| Kostüme: | Deborah L. Scott |
| Effekte: | Eric Brevig |
| Produktion: | Walter F. Parkes Michael Bay Ian Bryce |
| Ausführender Produzent: | Laurie MacDonald |
| Deutscher Kinostart: | 4.8..2005 (Warner Bros.) |
| Länge: | 136 min. |
| FSK: | ab 16 Jahre |
| Lincoln Six Echo/Tom Lincoln: | Ewan McGregor |
| Jordan Two Delta/Sarah Jordan: | Scarlett Johansson |
| Albert Laurent: | Djimon Hounsou |
| Merrick: | Sean Bean |
| McCord: | Steve Buscemi |
| Starkweather: | Michael Clarke Duncan |
| Jones Three Echo: | Ethan Phillips |
| Gandu Three Alpha: | Brian Stepanek |