Die Liga der außergewöhnlichen GentlemenKurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts versucht eine unbekannte Macht, die europäischen Großmächte gegeneinander auszuspielen. Gedungene Söldner unternehmen Überfälle in London und Berlin und tragen die Uniformen des jeweils anderen Landes. Gepanzerte Fahrzeuge und andere überlegene Waffen kommen zum Einsatz. Hochrangige Wissenschaftler werden gekidnappt und wichtige Pläne gestohlen. Verantwortlich ist ein offenbar größenwahnsinniger Schuft, der sich »das Phantom« nennt.
Der britische Geheimdienstchef »M« heuert den Großwildjäger Allan Quatermain an, um eine illustre Truppe gegen die Gefahr ins Feld zu führen. Dazu gehören die Vampirin Mina Harker, der unsterbliche Dorian Gray, ein unsichtbarer Dieb, Dr. Jekyll und Kapitän Nemo. Aus den USA stößt Special Agent Thomas Sawyer dazu.
Mit Nemos Nautilus bricht die Truppe nach Venedig auf. Gestohlene Konstruktionspläne der Unterstadt lassen darauf schließen, dass dort ein Anschlag auf eine Konferenz europäischer Staatsoberhäupter bevorsteht. Als die Nautilus eintrifft, explodieren bereits Bomben im Untergrund. Die Zerstörung breitet sich kreisförmig aus. Die Helden finden schnell heraus, wie sie durch eine »Gegenexplosion« die Lage stabilisieren können. Deshalb schießt Nemo eine Rakete ab, die genau das tut.
Es stellt sich jedoch heraus, dass die ganze Mission auf eine Täuschung zurückgeht. Es gibt einen Verräter in der Gruppe, der dem »Phantom« wissenschaftliche Fakten über die Mitglieder der Liga zuspielt - zum Beispiel eine Blutprobe der Vampirin, Fotos vom Innenleben der Nautilus, ein Fläschchen von Dr. Jekylls Elixier. Der Gegenspieler will noch mehr Spezialitäten in sein Rüstungsangebot aufnehmen, um einen Weltkrieg entfesseln zu können. Doch die Gentlemen finden in der Mongolei die Festung des Böslings, decken seine wahre Identität auf und lehren ihn Mores.

Foto: 20th Century Fox
Natürlich dreht man einen solchen Film nicht, damit ihn irgendjemand ernst nimmt. So wundervoll hanebüchen die Geschichte zunächst anmuten mag, sie sollte in sich stimmig sein, damit sie gut erzählt werden kann. Leider strotzt Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen nur so von sträflicher Unlogik.
Europas Frieden ist bedroht. Und was fällt der britischen Regierung dazu ein? Sie vertraut den Fall einem alten Mann an, der sich mit Abenteuern in Afrika einen Namen gemacht und von Spionage und den Verhältnissen in europäischen Großstädten kaum eine Ahnung hat. Warum sich die USA einmischen und Tom Sawyer schicken, bleibt unerklärt. Diese Figur steht wohl nur im Skript, um das amerikanische Publikum zufrieden zu stellen. Mina ist eine Vampirin. Hätte man genauer über diesen Umstand nachgedacht, würde man sie wohl kaum bei Sonnenlicht durch die Gegend laufen lassen. Nemos U-Boot Nautilus wird als riesiger Leviathan in Szene gesetzt. Figuren auf dem Oberdeck schrumpfen zusammen, wenn es in ganzer Länge gezeigt wird. Trotzdem soll dieses Gerät durch die Kanäle von Venedig passen und kein besonderes Aufsehen erregen. Das ist wohl der größte Unsinn, seitdem in Mission Impossible ein Hubschrauber durch den viel zu engen Ärmelkanaltunnel flog. Als an Bord Bomben explodieren, zieht der zu Mr. Hyde mutierte Jekyll fest an irgendeinem Hebel, und die Situation ist gerettet. Warum das so ist, erfährt man nicht.
Vollends unglaubwürdig ist der Budenzauber in Venedig. Der von einem Matrosen hingeworfene Satz »Die einstürzenden Häuser haben den Karneval erreicht«, bringt den Unsinn unfreiwillig auf den Punkt. Häuser stürzen kreisförmig in sich zusammen. Die Karnevalisten von Venedig stört das scheinbar nicht. Und eine nach dem Prinzip des Gegenfeuers herbeigeführte Explosion soll diese Zerstörung aufhalten? Mal eben schnell? Völlig ohne Computerberechnungen?
Schließlich entpuppt sich der große Bösling ebenfalls als literarische Figur. Unklar bleibt, wie er angesichts seiner Biografie in die Machtposition gelangt sein soll, die er zu Anfang des Films innehat.
Eine weitere Schwäche des Films ist die unausgewogene Herkunft seines illustren Ensembles. Mina Harker, die Draculas Braut war, und Dorian Gray entstammen dem typisch britischen Schauerroman. Sie geben ein in der Tat hochinteressantes Pärchen ab - beide unsterblich und unverwundbar, dafür gebrochen, sadomasochistisch veranlagt und letztlich selbstzerstörerisch.

Foto: 20th Century Fox
In die unheimliche Atmosphäre der Gothic Novel, die diese Figuren umgibt, knallt der hochtechnisierte Kapitän Nemo hinein wie ein Elefant in eine Mäusehochzeit. Wenn man sein Auto, sein U-Boot und sein sonstiges Spielzeug betrachtet, weiß man einfach, dass es diese Technik 1899 noch nicht gegeben hat. Deshalb tut nostalgische Science Fiction immer so, als habe sich die frühzeitig vorhandene moderne Technik nicht ausgebreitet und sei in Vergessenheit geraten. Hier ist das nicht der Fall - und das macht die Sache so albern. In seinem indischen Aufzug bringt Nemo das Publikum bereits beim ersten Auftritt unfreiwillig zum Lachen. Die Nautilus soll die Zuschauer auf ganz konventionelle Weise beeindrucken und tötet damit die von den anderen Figuren erzeugte unheimliche Atmosphäre. Die innere Zerrissenheit Dr. Jekylls wird in der Handlung angemessen berücksichtigt, auch wenn Mr. Hyde letztlich nichts anderes ist als ein nützlicher Schlagetot. Der Unsichtbare sorgt für ein paar schöne Effekte und etwas Humor. Da er nicht im Mittelpunkt steht, entgehen dem Publikum viele seiner Aktionen, mit denen er, naturgemäß perfekt getarnt, zur Handlung beiträgt. Allan Quatermain schließlich soll von afrikanischem Mystizismus umwabert sein. Aber auch das funktioniert nicht. Als er beispielsweise mitten im Schnee eine Vision von einem alten Tiger hat, der von einer drohenden Todesgefahr kündet, lässt das den Zuschauer völlig kalt. Und die Gestalt des »Phantoms« wurde bis zur Enttarnung frech und einfallslos bei Darth Vader abgekupfert.
Der Film verlässt sich auf starke, beeindruckende Bilder und tolle Effekte. Die gibt es zuhauf. Bauten, Make-up und Kostüme erfüllen ihren Zweck. Und die mit Ausnahme Sean Connerys noch unbekannten Darsteller geben ihr Bestes. So manchen unter ihnen wird man sich merken müssen.
Man kann ohne weiteres in diesen Film gehen, sich über die Kombination der literarischen Figuren amüsieren und das Kasperle-Theater im viktorianischen Gemischtwarenladen wohlgefällig an sich vorbeiziehen lassen. Man kann aber auch bedauern, dass die pfiffige Grundidee nicht die stimmige und feinfühlige Umsetzung erfahren hat, die sie verdient hätte.
Arno Behrend ALIEN CONTACT

| Originaltitel: | The League of Extraordinary Gentlemen |
| Deutscher Titel: | Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen |
| Land und Jahr: | USA 2003 |
| Regie: | Stephen Norrington |
| Buch: | James Dale Robinson |
| Basierend auf der Graphic Novel von: | Alan Moore Kevin O’Neill |
| Kamera: | Dan Laustsen |
| Schnitt: | Paul Rubell |
| Musik: | Trevor Jones |
| Produktionsdesign: | Carol Spier |
| Kostüme: | Jacqueline West |
| Produktion: | Don Murphy Trevor Albert |
| Ausführende Produzenten: | Sean Connery Mark Gordon |
| Deutscher Kinostart: | 2.10.2003 (CentFox) |
| Länge: | 110 Minuten |
| FSK: | ab 12 Jahre |
| Allan Quatermain: | Sean Connery |
| Captain Nemo: | Naseeruddin Shah |
| Mina Harker: | Peta Wilson |
| Rodney Skinner: | Tony Curran |
| Dorian Gray: | Stuart Townsend |
| Tom Sawyer: | Shane West |
| Henry Jekyll / Edward Hyde: | Jason Flemyng |
| M: | Richard Roxburgh |