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Das Millionenspiel

D 1970


Handlung

Sechs Tage lang hat die westdeutsche Fernsehnation dem großen Ereignis entgegengefiebert. Jetzt ist es soweit: Der bisher unbekannte Leverkusener Bernhard Lotz steht kurz davor, den (damals) märchenhaften Geldbetrag von einer Million Mark zu gewinnen. Alles, was er dazu tun muss, ist, einem gedungenen Mördertrio zu entkommen, das ihn verfolgt und töten will - alles auf völlig legaler Grundlage. Lotz ist der 17. Kandidat beim »Millionenspiel«, einer Fernsehshow, für die eigens die Gesetze geändert wurden. Der Kandidat darf von seinen Verfolgern umgebracht werden, sofern er nicht freiwillig aufgibt. Während der routinierte Moderator Thilo Uhlhorst dem Publikum Live-Einspielungen vom Katz-und-Maus-Spiel präsentiert, schlittert der am siebten Tag total erschöpfte Lotz von einer hoffnungslosen Situation in die nächste. Immer wieder erhält er jedoch überraschend Hilfe. Unbeteiligte Personen gewähren ihm Unterschlupf und bringen sich dadurch selbst in Gefahr. Sie werden anschließend in der Show als »Samariter« vorgestellt und gefeiert. Einige von ihnen sind jedoch nicht die Helden, zu denen Uhlhorst sie hochstilisiert. Die Macher der Sendung bringen selbst Helfer ins Spiel, um das quotenträchtige Programm bis zum Höhepunkt strecken zu können - dem Showdown im Studio. Moderator Uhlhorst, der sich hinter den Kulissen als eiskalter Zyniker entpuppt, gibt immer stärker vor, mit dem Kandidaten mitzufiebern, je näher Lotz dem Finale kommt. Selbst einen Schwächeanfall übersteht der Verfolgte, ehe er zur letzten Etappe antritt. Im Studio muss er durch eine Spirale aus Panzerglas laufen, in der mehrere Öffnungen den Killern Gelegenheit geben, ihn zu treffen. Die letzte Runde im grausamen Spiel beginnt ...


Foto: WDR

Kritik

Das Millionenspiel ist die erste von drei Verfilmungen, die mehr oder weniger direkt auf Robert Sheckleys Kurzgeschichte »Der Tod spielt mit« basieren (»Prize of Peril«, 1958; dt. Erstveröffentlichung 1966 in Robert Sheckley, Das geteilte Ich). Der Westdeutsche Rundfunk war in dem Glauben, die Filmrechte vom Goldmann-Verlag erworben zu haben, als das innovative Team Wolfgang Menge/Tom Toelle an die Umsetzung ging. Tatsächlich hatte der Verlag nur die Rechte an der Geschichte, nicht aber die Filmrechte gekauft. Der nachfolgende Ärger mit dem Autor bedeutete für den Film zunächst das Aus. Über dreißig Jahre lang durfte er nicht gezeigt werden.

Eine französische Produktionsgesellschaft sicherte sich die Filmrechte und realisierte den Stoff 1982 unter dem Titel Kopfjagd - Preis der Angst (Le Prix du Danger). Michel Piccoli gab darin in brillanter Manier den Showmaster. Im selben Jahr bediente sich Stephen King an der Story, um die Grundidee für seinen Roman The Running Man zu verwenden. Veröffentlicht wurde das Buch unter dem Pseudonym Richard Bachmann. Schließlich entstand daraus 1987 der Film Running Man mit Arnold Schwarzenegger in der Rolle des Gejagten. Kings wichtigste Veränderung am Stoff ist, dass die »Kandidaten« verurteilte Straftäter sind. Die Sympathie des Publikums steht damit auf der Seite der Jäger, die sich als überzüchtete Comic-Monster geben.

Ganz anders Das Millionenspiel: Die deutsche Verfilmung ist nicht nur die erste, sie zieht das böse Spiel auch am konsequentesten durch. Während der französische und der amerikanische Film ihren Helden gestatten, gegen die Gesetze der Show aufzubegehren und aus den Jägern Gejagte zu machen, gehorcht Jörg Pleva als Bernhard Lotz bis zum Schluss den Regeln der Sendung. So bleibt es dem Zuschauer überlassen, die perfekt präsentierte Hetzjagd zu verurteilen oder zu bewundern.

Wer diesen Fernsehfilm heute sieht, reagiert wohl am stärksten auf das Bekannte in der phantastischen Situation. Häuser, Autos und Kleidung aus dem Rheinland der 70er Jahre wollen kaum zu einer so innovativen Geschichte passen. Noch frappierender sind jedoch die Auftritte bekannter Fernsehgrößen in einem völlig ungewohnten Kontext. Dieter Hallervorden ist der fiese, gar nicht komische Anführer des Killer-Teams. Offenbar wollte man sein charakteristisches Gesicht als Gangster-Visage ausbeuten, ehe er sich auf das Klamauk-Fach verlegte. Dreh- und Angelpunkt des Films ist jedoch Dieter Thomas Heck in der Rolle des Showmasters Thilo Uhlhorst. Im grellbunt dekorierten Studio gibt er sich zunächst routiniert und zurückhaltend, beinahe langweilig, wenn man den Auftritt mit den späteren Stakkato-Moderationen der ZDF-Hitparade vergleicht. Dann jedoch steigert er sich in ein mitreißendes Geheuchel hinein. Hinter den Kulissen ist der Showmaster, genau wie die übrigen Verantwortlichen der Sendung, nur bemüht, vorsorglich den anderen die Schuld an einem verfrühten Abbruch der Sendung zuzuschieben. Vor der Kamera dagegen tut er so, als ob er Bernhard Lotz aus purer Sympathie die Daumen hält. Eine zentrale Rolle in dieser Scharade spielen die »Samariter«. Wenn sie auf der Bühne stehen, verdreht Uhlhorst ihnen so das Wort im Mund, dass sie voll und ganz den Erwartungen des Publikums entsprechen. Ein besonderes Kabinettstück ist der wundervoll schüchterne Auftritt von Elisabeth Wiedemann. Dieter Thomas Heck hat seine Rolle offenbar über weite Strecken improvisiert. Kleine, authentisch wirkende Unsicherheiten und wie sie überspielt werden - alles wirkt wie in einer echten Live-Sendung. Gleiches gilt für die Befragungen der »einfachen Menschen auf der Straße«, die sich sowohl für als auch gegen die blutrünstige Show aussprechen.

Jörg Pleva macht als Lotz ein kaum glaubliches Martyrium durch, bis er vor den Augen von Mutter Lotz die »Todesspirale« im Studio durchlaufen kann. Seine angstvollen Blicke, sein gequältes Gesicht verraten uns, dass es eben keine normale Unterhaltung ist, sondern eine Fortsetzung der römischen Gladiatorenkämpfe mit modernen Mitteln. Die unterkühlten und zum Teil sadistischen »Werbespots«, die Teil des Films sind, tragen zum Gesamteindruck bei. Sie kommen aus einer Welt, die der Unsrigen nicht fern erscheint, und die dennoch viel unmenschlicher ist.

Die Kämpfe im römischen Colosseum hatten ihr Publikum. Nach der Erstausstrahlung des Millionenspiels im Jahr 1970 meldeten sich mehrere begeisterte Zuschauer, um sich als Kandidaten für die nächste Sendung zu bewerben. Sie hatten trotz der eingefügten Spielszenen nicht gemerkt, dass es sich um einen fiktiven Film handelte. Das provokante Konzept von Wolfgang Menge und Tom Toelle ist damit aufgegangen. Die Zuschauer haben sich in ihrer ungebremsten Sensationslust selbst entlarvt.

Das Millionenspiel ist ein bedeutender Bestandteil der deutschen Fernsehgeschichte wie auch der internationalen Geschichte der Science Fiction. Dem WDR ist zu danken, dass er die Verhandlungen mit Robert Sheckley zu einem guten Ende geführt hat und dieser Film über dreißig Jahre später wieder gezeigt werden kann.

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Credits

Titel: Das Millionenspiel
Land und Jahr: D 1970
Regie: Tom Toelle
Buch: Wolfgang Menge
Tom Toelle
Vorlage: Robert Sheckley, »Der Tod spielt mit«
Kamera: Jan Kalis
Schnitt: Marie-Anne Gerhardt
Musik: Irmin Schmidt
Szenenbild: Günther Naumann
Ton: Manfred Oelschlegel
Maske: Almuth Eggert
Adalbert Serger
Kostüme: Brigitte Scholz
Produktion: Herbert Junghanns
Redaktion: Peter Märthesheimer
Wolf-Dietrich Brücker
Deutscher TV-Premiere: 18.10.1970 (WDR / ORF)
Wiederholungen: 18.11.1971 (ARD)
8.7.2002 (WDR)
Länge: 96 Min.

Darsteller

Bernhard Lotz: Jörg Pleva
Köhler: Dieter Hallervorden
Witte: Josef Fröhlich
Hensel: Theo Fink
Tilo Uhlenhorst: Dieter-Thomas Heck
Moulian: Friedrich Schütter
Ziegler: Peter Schulze-Rohr
Mutter Lotz: Annemarie Schradek
Frau Steinfurth: Elisabeth Wiedemann
Fraui Grote: Andrea Grosske
Claudia von Hohenheim: Susanne Roquette
Reporter: Arnim Basche, Heribert Fassbender u. a.

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