Minority ReportIm Jahr 2054 leitet der Polizist John Anderton in Washington D. C. die Spezialeinheit »Pre Crime«. Mit Unterstützung dreier hellseherisch begabter Medien kommt diese Truppe Mordanschlägen zuvor. Die Täter werden für die Verbrechen, die sie nicht vollenden konnten, in vollem Umfang bestraft. Eines Tages sieht sich Anderton in der Vision eines Mediums selbst bei der Begehung eines Mordes. Er flüchtet und stellt eigene Ermittlungen an: Wurde das bislang perfekt arbeitende System manipuliert? War es gar immer schon fehlerhaft? Oder muss Anderton unausweichlich zum Mörder werden?
Die Verfilmung einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick glänzt mit einer verzwickten Story, die viele überraschende Wendungen nimmt; einem großartigen futuristischen Design und viel Action. Letztere wirkt nie aufgesetzt. Tom Cruise ist als Anderton passabel. Max von Sydow und Samantha Morton spielen dagegen in Nebenrollen genial.

Foto: 20th Century Fox
John Anderton hat seinen Sohn verloren. Der Polizist hatte den neunjährigen Sean in einem Schwimmbad nur kurz aus den Augen gelassen und ihn danach nie wieder gesehen. Jahre später arbeitet Anderton in Washington D. C. an einem Projekt, das Morde überhaupt unmöglich machen soll. Der Schlüssel zu diesem Vorhaben sind die »Precogs«, drei Jugendliche, die über hellseherische Fähigkeiten verfügen (Precognition, dt. Präkognition = Hellsehen). Agatha und die Zwillinge Art und Dash sehen seit ihrer Kindheit ständig Morde voraus. Die von Anderton angeführte neue Spezialeinheit »Pre Crime« zapft das Gehirn der Medien an, zeichnet ihre Visionen auf und schreitet ein, bevor der Mord geschieht. Den Festgenommenen wird das Verbrechen zur Last gelegt, das sie nicht mehr begehen konnten. Sie werden in eine künstliche Stasis versetzt und lebenslang weggesperrt.
Sechs Jahre lang geht alles gut. In Washington geschieht kein einziger Mord. Im Jahr 2054 soll das System auf die ganzen Vereinigten Staaten ausgedehnt werden. Doch bevor das geschieht, sieht Anderton in einer Vision, wie er selbst einen Mord begeht.
Der bislang beliebte Einsatzleiter muss flüchten und wird von seinen eigenen Leuten gejagt. Auch der greise Direktor des Pre-Crime-Programms Lamar Burgess kann ihn nicht schützen. Der ursprünglich nur als Kontrolleur entsandte FBI-Agent Danny Witwer nimmt die Verfolgung auf. Natürlich will Anderton herausfinden, wie es sein kann, dass er in wenigen Stunden einen wildfremden Mann erschießen wird. Wenn die Vorhersage stimmt, ist er schuldig und wird, so wie die anderen Verurteilten, in Stasis versetzt. Ist er unschuldig, muss das bislang perfekte System, das er mit aufgebaut hat, zusammenbrechen. Plötzlich ergibt sich ein mögliches Motiv für die zukünftige Tat. Trotzdem ist Anderton überzeugt, dass er das Opfer einer Manipulation geworden ist. Von der Wissenschaftlerin Iris Hineman erfährt er, dass die drei Precogs sich in ihrem Urteil nicht immer einig sind. In manchen Fällen sieht einer von ihnen eine »alternative Zukunft«, in der kein Mord stattfindet. Diese Minderheiten-Voten (Minority Reports) werden geheim gehalten und gelöscht, um das Vertrauen in das System von Pre Crime nicht zu zerstören. Anderton entführt den weiblichen Precog Agatha in der Hoffnung, von ihr einen entlastendes Minderheiten-Votum zu erhalten. Die Wahrheit allerdings ist noch weit schlimmer, als Anderton sich bisher ausmalen konnte ...

Foto: 20th Century Fox
Minority Report ist der erste Science-Fiction-Film, dessen Handlung, Effekte und Ausstattung mit Ridley Scotts Blade Runner (Blade Runner USA 1981) konkurrieren können, und damit der beste Genre-Film des Jahres 2002. Überraschen muss dies nicht, gehen beide Filme doch auf literarische Vorlagen von Philip K. Dick zurück, der als ungeschlagener Meister seiner Zunft gilt.
Die raffinierte Geschichte um die Zuverlässigkeit und die logischen Probleme von Vorhersagen ist verzwickt und nimmt mehrere völlig überraschende Wendungen. Sie wird aber so klar erzählt, dass der Zuschauer den Überblick behalten kann. Spielberg nutzt das Potenzial des Sujets voll aus. Er lässt seinen Protagonisten halsbrecherische Verfolgungsjagden durchstehen, die aber nie vordergründig wirken. Von schwer gepanzerten und bewaffneten Polizisten zu Lande und in der Luft verfolgt, müsste Tom Cruise als Anderton eigentlich chancenlos sein. Er entkommt aber immer wieder durch trickreiche Manöver. Er turnt über vorbeirasende Fahrzeuge, springt in Straßenschluchten und muss spinnenartigen Sondenrobotern seine frisch operierte Netzhaut hinhalten. Besonders reizvoll sind die Szenen, in denen er das Medium Agatha bei sich hat. Selbst die unwichtigsten Kleinigkeiten kann sie voraussehen. Während der Verfolgungsjagd zeigt sich, das diese Gabe nützlicher sein kann als jede Waffentechnologie. Witzig: Genauso wie in Star Wars: Episode II gibt es auch hier eine Szene, in der der Verfolgte in ein Fließband gerät, wie einst Charlie Chaplin in Moderne Zeiten (Modern Times USA 1936). Wer hat da von wem geklaut? In Minority Report hat diese Szene jedenfalls ein verblüffendes Ende.
Seine optische Kraft verdankt der Film den futuristischen Visionen, die nicht weniger als sieben Künstler entworfen haben: Fahrzeuge, die gleichzeitig als Autos und Aufzüge dienen, Fluggeräte, die wie Muscheln geformt sind, Computermenüs, die auf Gesten reagieren, reliefartige Hologramme und vieles mehr. Dagegen hat sich Spielberg mit den Slums von Washington weniger Mühe gegeben. Hier wirkt die Optik kaum anders als heute. Einen Kommentar zur aktuellen Datenschutz-Problematik stellt eine Art von Reklame dar, die Anderton in Schwierigkeiten bringt: Elektronische Plakate lesen mit einem Scanner die Netzhaut von Passanten, identifizieren sie und sprechen sie anschließend persönlich mit ihren Namen an. Inzwischen wissen wir längst, dass nicht altmodische, totalitäre Staaten die meisten unserer Daten sammeln, sondern die werbetreibende Wirtschaft - um ihr Marketing zu verbessern. Der Staat kann allerdings, wie in diesem Film, über diesen Umweg an die geheimen Informationen seiner Bürger gelangen.
Alle Spielereien und Erfindungen sind der Story untergeordnet. Sie machen die düstere Welt, in der Pre Crime Verbrecher jagt, überzeugender. Unlogisch ist nur, dass im Hauptquartier der Spezialeinheit niemand Andertons Zugangsdaten löscht und er mit seinen alten Netzhäuten allzu simpel Einlass bekommt. Daneben stört auch das ständige Product Placement.
Tom Cruise gibt als Anderton eine solide Vorstellung, genau wie Colin Farrel als Danny Witwer. Oscarverdächtig sind dagegen die Leistungen des Altmeisters Max von Sydow als Pre-Crime-Direktor Lamar Burgess und von Samantha Morton als Precog Agatha. Und auch kleinere schauspielerische Kabinettstücke gibt es zu bewundern, so den Auftritt von Peter Stormare als krimineller Augenchirurg, den von Lois Smith als Genetikerin Iris Hineman oder von Tim Blake Nelson als Gefängniswärter.
Dass Steven Spielberg diesen Film inszeniert, lässt ein bestimmtes Ende erwarten, um nicht zu sagen, befürchten. Bis es so weit ist, bietet Minority Report Unterhaltung der intelligentesten Art. Es ist zu wünschen, dass die Faszination Hollywoods für die Stoffe Philip K. Dicks anhält. Material gibt es noch genug.
Arno Behrend ALIEN CONTACT
| Originaltitel: | Minority Report |
| Deutscher Titel: | Minority Report |
| Land und Jahr: | USA 2002 |
| Regie: | Steven Spielberg |
| Buch: | Scott Frank Jon Cohen |
| Vorlage: | Basierend auf einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick |
| Kamera: | Janusz Kaminski |
| Schnitt: | Michael Kahn |
| Musik: | John Williams |
| Ausstattung: | Alex McDowell |
| Kostüme: | Deborah L. Scott |
| Visuelle Effekte: | Scott Farrar |
| Casting: | Denise Chamian |
| Produktion: | Walter F. Parkes Jan De Bont Gerald R. Molen |
| Ausführende Produzenten: | Gary Goldman Ronald Shusett |
| Associate Producers: | Sergio Mimica-Gezzan Michael Doven |
| deutscher Kinostart: | 3.10.2002 (CentFox) |
| Länge: | 144 min. |
| Chief John Anderton: | Tom Cruise |
| Direktor Lamar Burgess: | Max von Sydow |
| Special Agent Danny Witwer: | Colin Farrell |
| Agatha: | Samantha Morton |
| Lara: | Kathryn Morris |
| Dr. Iris Hineman: | Lois Smith |
| Jad: | Steve Harris |
| Fletcher: | Neal Mcdonough |
| Gideon: | Tim Blake Nelson |
| Wally: | Daniel London |
| Rufus Riley: | Jason Antoon |
| Dr. Solomon Eddie: | Peter Stormare |
| Greta Van Eyck: | Caroline Lagerfelt |
| Leo Crow: | Mike Binder |
| Howard Marks: | Arye Gross |
| Sarah Marks: | Ashley Crow |
| Anne Lively: | Jessica Harper |
| Knott: | Patrick Kilpatrick |
| Evanna: | Jessica Capshaw |
| Art: | Michael Dickman |
| Dash: | Matthew Dickman |
| Sean (9 Jahre): | Spencer Treat Clark |
| Sean (6 Jahre): | Tyler Patrick Jones |
| Sean (4 Jahre): | Dominic Scott Kay |
| Sean (2 Jahre): | Brennen Means |