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Der müde Tod

Deutschland 1921


Ein Mädchen und ihr junger Geliebter steigen im Gasthaus eines mittelalterlichen Städtchens ab. Ein unheimlicher Fremder gesellt sich zu ihnen. Eine Rückblende verdeutlicht, daß dieser Mann vor langen Zeiten das Land gekauft hat, das an den nahegelegenen Friedhof angrenzt. Um dieses Land herum hat er eine riesige Mauer bauen lassen, in der es keinerlei Türen gibt. Als das Mädchen den Geliebten einen Moment allein läßt, ist er mit dem Fremden verschwunden. Ihre Suche endet vor dem Besitz des Fremden. Vor der Riesenmauer, die keinen Durchgang bietet, sinkt die junge Frau ohnmächtig nieder und wird nach einer Weile vom alten Stadtapotheker gefunden, der sie zu sich nach Hause nimmt. Während er ein Stärkungsmittel zubereitet, setzt sie in ihrer Verzweiflung einen Giftbecher an die Lippen. Vor Erschöpfung fällt sie jedoch in einen tiefen Traum, in dem die riesige Mauer wieder auftaucht. Da öffnet sich eine Tür: dahinter eine endlose Treppe. Auf der obersten Stufe steht der Fremde und erwartet das Mädchen. Dieses fordert von ihm den Geliebten zurück. Der Fremde, der Todesengel, führt es in eine riesige Halle, in der Millionen von Kerzen brennen. Jede Kerze ist das Lebenslicht eines Menschen. Ihr Wunsch solle in Erfüllung gehen, sagt der Tod zu der jungen Frau, wenn es ihr nur gelänge, zu verhindern, daß eine von drei schon flackernden Kerzen erlösche. Sie glaubt in ihrer Sehnsucht, Liebe sei stärker als der Tod, und nimmt den Kampf auf: drei Episoden, die die Geschichte der drei Lebenslichter erzählen, unterbrechen die Haupthandlung, sie spielen im Bagdad der Kalifen, im Venedig der Renaissance und im alten China. In allen drei Episoden durchlaufen die junge Frau und ihr Liebhaber »gleichsam verschiedene Stadien der Seelenwanderung« (Siegfried Kracauer, Von Caligari zu Hitler), in denen sie von einem eifersüchtigen, gierigen und grausamen Tyrannen verfolgt werden. Dreimal versucht das Mädchen, den Tyrannen, der seinem Geliebten nach dem Leben trachtet, zu überlisten; dreimal führt der Tyrann seine Mordpläne mit Hilfe des Todes aus, der jedesmal durch den Henker verkörpert wird. So verlöschen die drei Kerzen. Doch auch der Tod ist seines Amtes überdrüssig. Er ist müde, die Leiden der Menschen mitansehen zu müssen, er sehnt sich danach, besiegt zu werden. Die junge Frau bekommt eine letzte Chance. Wenn sie ihm das Leben eines anderen brächte, so werde er ihr den Geliebten zurückgeben. Der Traum ist zu Ende, der Apotheker entreißt ihr den Giftbecher. Er gibt ihr zu verstehen, daß auch er lebensmüde ist, sich auf ihre Bitte hin zu opfern, sieht er nicht ein. Er wirft sie kurz entschlossen aus dem Haus. Auch ein müder Bettler sowie die alten, gebrechlichen, schon fast dahinsiechenden Frauen in einem Spital weigern sich, ein solches Opfer zu bringen. Im Spital bricht ein Feuer aus, ein kleines Kind wird zurückgelassen. Vom Schmerz der Mutter berührt, bahnt sich die junge Frau einen Weg durch die Flammen, rettet das Kind. Da steht der Tod vor ihr und fordert den Ersatz. Sie widerruft den Pakt, händigt das Kind der glücklichen Mutter aus. Damit ist ihr Schicksal besiegelt. Der Tod geleitet die Sterbende mitten durch das einstürzende Haus zu ihrem Geliebten. Vereint steigen ihre Seelen über blühende Hügel gen Himmel. »Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen!«

In jenen Tagen, als der Film aus der Taufe gehoben wurde, stand im MÜNCHNER FILMKURIER zu lesen: »In einer Zeit, die - überschwemmt von dem Schund und Kitsch der Dutzendindustrie - nahe daran ist, an dem Film überhaupt zu verzweifeln, senkt dieser Film täglich einer neuen Schar Andächtiger den Samen des guten Glaubens in die Seele. Denn das ist das Köstliche an diesem Werk: es ist innig. Was der Film seit seinem Bestand noch nie erreichen konnte, was ihm trotz aller Gipfel im Exzentrischen, Spannenden, Prunkvollen und Aufregenden versagt blieb: die schlichte, echte Innigkeit, wie sie das deutsche Lied birgt - diese ist es, die in diesem Film webt. Diese ist es, die den Müden Tod - weit über seine vielbesprochene Qualität in äußerer Hinsicht - zum Markstein im Filmwesen macht.« Mit dem Markstein des Filmwesens hatte der Berichterstatter aber wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen.

Die 'Innigkeit' war zweifellos das Werk der Drehbuchautorin Thea von Harbou, damals wie heute äußerst umstritten, was Qualität und Inhalt ihrer Bücher betraf (sie war eine Meisterin des Plagiats und der Mehrfachverwertung), doch unbestritten, was die Höhe ihrer Auflagen betraf (nicht selten über 100.000 Exemplare). Der Schluß, wo das Liebespaar über eine blühende Wiese gen Himmel zieht, war die Zweitverwertung des Endes ihres ersten Drehbuchs Die Legende von der heiligen Simplicia. Die Harbou hatte eben immer eine Schwäche fürs einfache Gemüt. Die in die Rahmenhandlung eingelassenen orientalischen, italienischen und chinesischen Abschnitte, quasi die Action-Szenen des Films, beruhten auf der Vorliebe von Fritz Lang, Jagd- und Verfolgungselemente in die Handlung einzubauen, was sicherlich eine Konzession an den vermeintlichen Publikumsgeschmack bedeutete, bei der Kritik aber überhaupt nicht ankam: »Die Erzählungen sind kostümierte Detektivgeschichten, hineingesprengt in eine lyrische Ballade.« (Herbert Ihering, Von Reinhardt bis Brecht). Die Form des Drehbuchs mit den drei eingelassenen Episoden war ebenfalls nicht neu. Bemerkenswert ist, daß mangels geeigneter Technik der ganze Film mit einer Handkurbel-Kamea gedreht werden mußte und noch keine Nachtaufnahmen gemacht werden konnten. »Diese malerischen Bilder sind so präzise getroffen, daß man manchmal der Illusion anheimfällt, sie seien von Grund auf real. Die venezianische Episode, eine 'zum Leben erweckte Zeichnung', läßt genuin den Geist der Renaissance erstehen, sei es in der Szene des Karnevalszugs mit den Silhouetten, die über eine Brücke taumeln, oder in dem glänzenden Hahnenkampf, der hell und hart eine südliche Leidenschaft ausstrahlt, wie sie etwa Stendhal oder Nietzsche schilderten. Die chinesische Episode ist gespickt mit Zauberkunststücken. Es ist allgemein bekannt, daß Zauberpferd, Liliputanerarmee und der (noch ruckhaft) fliegende Teppich dieser Episode Douglas Fairbanks zu seinem Film Der Dieb von Baghdad (The Thief Of Bagdad • USA 1924), einem spektakulären Schauspiel ähnlicher Zaubertricks, anregte.« (Siegfried Kracauer, Von Caligari zu Hitler).

Ronald M. Hahn/Volker Jansen/Norbert Stresau © 1986
Lexikon des Fantasy-Films

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Credits

Titel: Der müde Tod
Land und Jahr: D 1921
Technik: s/w • stumm
Regie: Fritz Lang
Buch: Fritz Lang
Thea von Harbou
Kamera: Erich Nitzschmann
Herrmann Saalfrank
Fritz Arno Wagner
Musik: Giuseppe Becce
Produktion: Decla Bioscop
Erich Pommer
deutsche Uraufführung: 7.10.1921
Länge: 83 Minuten

Darsteller

Der Tod/El Mot/Bogenschütze: Bernhard Goetzke
Annemarie/Zobeide/Fiametta/Tiao Tsien: Lil Dagover
Annemaries Geliebter/Frank/Giovanfrancesco/Liang: Walter Janssen
Bürgermeister: Hans Sternberg
Vikar: Carl Rückert
Anwalt/Schatzmeister: Max Adalbert
Lehrer: Erich Papst
Totengräber: Paul Rehkopf
Schneider: Hermann Picha
Arzt: Edgar Klitzsch
Bettler: Georg John
Alte Frau: Marie Wismar
Mutter: Aloisia Lehnert
Derwisch/Girolamo: Rudolf Klein-Rogge
Kalif: Eduard von Winterstein
Aisha: Erika Unruh
Mohr: Lewis Brody
Berater: Lothar Müthel
Kindermädchen: Lina Paulsen
A Hi: Paul Biensfeld
Kaiser: Karl Hußar
Henker: Paul Neumann

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