In jenen Tagen, als der Film aus der Taufe gehoben wurde, stand im MÜNCHNER FILMKURIER zu lesen: »In einer Zeit, die - überschwemmt von dem Schund und Kitsch der Dutzendindustrie - nahe daran ist, an dem Film überhaupt zu verzweifeln, senkt dieser Film täglich einer neuen Schar Andächtiger den Samen des guten Glaubens in die Seele. Denn das ist das Köstliche an diesem Werk: es ist innig. Was der Film seit seinem Bestand noch nie erreichen konnte, was ihm trotz aller Gipfel im Exzentrischen, Spannenden, Prunkvollen und Aufregenden versagt blieb: die schlichte, echte Innigkeit, wie sie das deutsche Lied birgt - diese ist es, die in diesem Film webt. Diese ist es, die den Müden Tod - weit über seine vielbesprochene Qualität in äußerer Hinsicht - zum Markstein im Filmwesen macht.« Mit dem Markstein des Filmwesens hatte der Berichterstatter aber wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen.
Die 'Innigkeit' war zweifellos das Werk der Drehbuchautorin Thea von Harbou, damals wie heute äußerst umstritten, was Qualität und Inhalt ihrer Bücher betraf (sie war eine Meisterin des Plagiats und der Mehrfachverwertung), doch unbestritten, was die Höhe ihrer Auflagen betraf (nicht selten über 100.000 Exemplare). Der Schluß, wo das Liebespaar über eine blühende Wiese gen Himmel zieht, war die Zweitverwertung des Endes ihres ersten Drehbuchs Die Legende von der heiligen Simplicia. Die Harbou hatte eben immer eine Schwäche fürs einfache Gemüt. Die in die Rahmenhandlung eingelassenen orientalischen, italienischen und chinesischen Abschnitte, quasi die Action-Szenen des Films, beruhten auf der Vorliebe von Fritz Lang, Jagd- und Verfolgungselemente in die Handlung einzubauen, was sicherlich eine Konzession an den vermeintlichen Publikumsgeschmack bedeutete, bei der Kritik aber überhaupt nicht ankam: »Die Erzählungen sind kostümierte Detektivgeschichten, hineingesprengt in eine lyrische Ballade.« (Herbert Ihering, Von Reinhardt bis Brecht). Die Form des Drehbuchs mit den drei eingelassenen Episoden war ebenfalls nicht neu. Bemerkenswert ist, daß mangels geeigneter Technik der ganze Film mit einer Handkurbel-Kamea gedreht werden mußte und noch keine Nachtaufnahmen gemacht werden konnten. »Diese malerischen Bilder sind so präzise getroffen, daß man manchmal der Illusion anheimfällt, sie seien von Grund auf real. Die venezianische Episode, eine 'zum Leben erweckte Zeichnung', läßt genuin den Geist der Renaissance erstehen, sei es in der Szene des Karnevalszugs mit den Silhouetten, die über eine Brücke taumeln, oder in dem glänzenden Hahnenkampf, der hell und hart eine südliche Leidenschaft ausstrahlt, wie sie etwa Stendhal oder Nietzsche schilderten. Die chinesische Episode ist gespickt mit Zauberkunststücken. Es ist allgemein bekannt, daß Zauberpferd, Liliputanerarmee und der (noch ruckhaft) fliegende Teppich dieser Episode Douglas Fairbanks zu seinem Film Der Dieb von Baghdad (The Thief Of Bagdad USA 1924), einem spektakulären Schauspiel ähnlicher Zaubertricks, anregte.« (Siegfried Kracauer, Von Caligari zu Hitler).
Ronald
M. Hahn/Volker Jansen/Norbert Stresau © 1986
Lexikon des Fantasy-Films
| Titel: | Der müde Tod |
| Land und Jahr: | D 1921 |
| Technik: | s/w stumm |
| Regie: | Fritz Lang |
| Buch: | Fritz Lang Thea von Harbou |
| Kamera: | Erich Nitzschmann Herrmann Saalfrank Fritz Arno Wagner |
| Musik: | Giuseppe Becce |
| Produktion: | Decla Bioscop Erich Pommer |
| deutsche Uraufführung: | 7.10.1921 |
| Länge: | 83 Minuten |
| Der Tod/El Mot/Bogenschütze: | Bernhard Goetzke |
| Annemarie/Zobeide/Fiametta/Tiao Tsien: | Lil Dagover |
| Annemaries Geliebter/Frank/Giovanfrancesco/Liang: | Walter Janssen |
| Bürgermeister: | Hans Sternberg |
| Vikar: | Carl Rückert |
| Anwalt/Schatzmeister: | Max Adalbert |
| Lehrer: | Erich Papst |
| Totengräber: | Paul Rehkopf |
| Schneider: | Hermann Picha |
| Arzt: | Edgar Klitzsch |
| Bettler: | Georg John |
| Alte Frau: | Marie Wismar |
| Mutter: | Aloisia Lehnert |
| Derwisch/Girolamo: | Rudolf Klein-Rogge |
| Kalif: | Eduard von Winterstein |
| Aisha: | Erika Unruh |
| Mohr: | Lewis Brody |
| Berater: | Lothar Müthel |
| Kindermädchen: | Lina Paulsen |
| A Hi: | Paul Biensfeld |
| Kaiser: | Karl Hußar |
| Henker: | Paul Neumann |